Karl Kraus

Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Ein Sommerfeiertagabend. Leben und Treiben. Es bilden sich Gruppen.

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Ermordung des Thronfolgers! Thronfolger – Franz Ferdinant d’Este, der öster.-ung. Thronfolger. War beim Adel unbeliebt, seine Ermordung am 28.07.1914 war der Vorwand zum Weltkrieg I. Da Täta vahaftet!

EIN KORSOBESUCHER (zu seiner Frau): Gottlob kein Jud.

SEINE FRAU: Komm nach Haus. (Sie zieht ihn weg.)

ZWEITER ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Neue Freie Presse! Die Pluttat von Serajevo! Da Täta ein Serbee!

EIN OFFIZIER: Grüß dich Powolny! Also was sagst? Gehst in die Gartenbau? Gartenbau – ein Wiener Lokal

ZWEITER OFFIZIER (mit Spazierstock):Woher denn? G’schlossen!

DER ERSTE (betroffen): G’schlossen?

EIN DRITTER: Ausg’schlossen!

DER ZWEITE: Wenn ich dir sag!

DER ERSTE: Also was sagst?

DER ZWEITE: Na gehn mr halt zum Hopfner.

DER ERSTE: Selbstverständlich – aber ich mein, was sagst politisch, du bist doch gscheit –

DER ZWEITE: Weißt, no wer’ mr halt (fuchtelt mit dem Spazierstock) – a bisserl a Aufmischung – gar nicht schlecht – kann gar nicht schaden – höxte Zeit –

DER ERSTE: Bist halt a Feschak. Feschak – fescher Kerl Weißt, einer wird ganz aus’n Häusl sein, der Fallota, der was –

EIN VIERTER (tritt lachend hinzu): Grüß dich Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also du – du bist ja politisch gebildet, also was sagst?

DER ZWEITE: Weißt, diese Bagasch Bagage – frz. Gepäck, umgspr. Gesindel hat Umtriebe gemacht ganz einfach.

DER DRITTE: Weißt – also natürlich.

DER VIERTE: Ganz meine Ansicht – gestern hab ich mullattiert mullatieren – zechen –! habts das Bild vom Schönpflug Fritz Schönpflug – österr. Karikaturist und Maler, † 1951 gsehn, Klassikaner!

DER ZWEITE: Weißt, der Fallota das ist dir ein Patriot, der sagt immer, es genügt nicht, daß man seine Pflicht erfüllt, man muß ein Patriot sein unter Umständ. Wenn der sich was in den Kopf setzt, da gibts keine Würschtel. Weißt was ich glaub? Wern mer halt schwitzen müssen die Täg. No von mir aus!

DER DRITTE: Was is mit’n Hopfner?

DER VIERTE: Du, hast die zwei Menscher Menscher – verächtlich für Frauen gekannt da?

DER ZWEITE: Weißt, der Schlepitschka von Schlachtentreu, der is furchtbar gebildet, der liest dir die Presse also auswendig von A bis Z, er sagt wir sollen auch lesen, dort steht sagt er, wir sind für den Frieden wenn auch nicht für den um Frieden um jeden Preis, du is das wahr? (Eine Büfettdame geht vorüber.) Du schau, das ist das Mensch wo ich dir erzählt hab was ich umsonst gehabt hab neulich. (Der Schauspieler Fritz Werner Fritz Werner – österr. Operettensänger geht vorüber.) Djehre!

DER DRITTE: Du mir scheint den kenn ich nicht.

DER VIERTE: Den kennst nicht? Geh mach keine Gspaß den kennst nicht! Das is doch der Werner!

DER DRITTE: Klassisch, weißt was ich mir eingebildet hab, ich hab mir eingebildet, das is der Treumann! Louis Treumann – österr. Operettentenor

DER ERSTE: Geh hör auf! Wie kann man denn den Treumann mit dem Werner verwechseln!

DER ZWEITE: Siehst du, weil du nicht Logik studiert hast – er hat doch konträr den Werner mit dem Treumann verwechselt.

DER DRITTE: Weißt, nein – wart (denkt nach). Weißt überhaupt was meine Ansicht is? »Husarenblut« is besser wie »Herbstmanöver«!

DER ZWEITE: Hör auf.

DER ERSTE: Du, du bist ja furchtbar gebildet, also –

DER VIERTE: Also natürlich war das der Werner!

DER ERSTE: Du bist ja furchtbar gebildet –

DER ZWEITE: Warum?

DER ERSTE: Warst schon beim »Lachenden Ehemann«? Kennst auch den Marischka?

DER ZWEITE: Leider nicht.

DER ERSTE: Kennst auch den Storm? Otto Storm – österr. Schauspieler

DER ZWEITE: Aber selbstverständlich.

DER VIERTE: Gehts, stehts nicht herum bei der Potenz-Ecken. Gehn wir zum Hopfner, wenn also die Gartenbau –

DER DRITTE: Kennst auch den Glawatsch? Franz Glawatsch – österr. Schauspieler(Im Gespräch ab.)

EIN ZEITUNGSAUSRUFER (kommt im Laufschritt): Tagblaad – da Thronfolga und Gemalin ermordet bittä –!

EIN AGENT: Was fangt man mit dem angebrochenen Abend an?

EIN ZWEITER: Venedig soll offen sein.

DER ERSTE: Also schön, steig ma in eine BK BK – eine Wiener Straßenbahnlinie und fahr ma nach Venedig.

DER ZWEITE: Ich weiß nicht, ich bin doch etwas nerves, bevor man nicht gehert hat –

DER ERSTE: Hert ma doch unten! Im Imperial haben sie auf Melpomene Melpomene – die Muse des Trauerspiels getippt, den ganzen Tag gestern sind sie einem in die Ohren gelegen mit Melpomene. Aber mise Vögel, Sie wissen doch – chab genug Lehrgeld gezahlt – dort geht Fischl (er ruft zur Allee hinüber) Fischl, Melpomene?

FISCHL: Nu na nicht!

DER ERSTE: Der Schlag soll Sie treffen.

FISCHL: Nach Ihnen. Glaukopis – zweiter!

EIN WIENER: (zu seiner Frau): Aber laß dir doch sagen, er war nicht beliebt –

SEINE FRAU: Marandjosef, warum denn?

DER WIENER: Weil er nicht papolär war. Der Riedl Ludwig Riedl – Wiener Caféhausbesitzer selber hat mir erzählt – (ab.)

EIN ALTER ABONNENT DER NEUEN FREIEN PRESSE (im Gespräch mit dem ältesten Abonnenten): Schöne Bescherung!

DER ÄLTESTE ABONNENT: Was heißt Bescherung? (Sieht sich um.) Besser wird alles! Es wird eine Zeit wie unter Maria Theresia Maria Theresia – dt. Kaiserin und Erzherzogin von Österreich, regierte 1740 – 1780 kommen, sag ich Ihnen!

DER ALTE: Sagen Sie!

DER ÄLTESTE: Wenn ich Ihnen sag!

DER ALTE: Ihnen gesagt! Aber – um Gotteswillen – Serbien! Mein Jüngster!

DER ÄLTESTE: Erstens ist ein Krieg heutzutag ausgeschlossen und dann – grad ihn wern sie nehmen! Warum, ma hat nicht genug andere? (murmelt) Gott, du bist gerecht! Ich – freu mich morgen am Leitartikel. Eine Sprache wird er finden, wie noch nie. Wie Lueger Karl Lueger – österr. christlich-sozialer Politiker, Wiener Bürgermeisteer gestorben is, wird nix dagegen sein. Jetzt wird er endlich reden können frei von der Leber, wenn auch selbstredend vorsichtig. Aber allen wird er aus dem Herzen reden, sogar den Gojims Goi – hebräische Bezeichnung für einen Nichtjuden sag ich Ihnen, und sogar den höheren Gojims und sogar den höchsten und denen ganz besonders. Er hat gewußt, was am Spiel steht, er jo!

DER ALTE: Man soll’s nicht berufen. Vielleicht is es nicht wahr.

DER ÄLTESTE: Pessimist Sie! (Beide ab.)

EINIGE BETRUNKENE (drängen sich durch die Passanten): Grüß enk Good allamitanandaa! Nieda! Nieda mit Serbien! Hauts es zsamm! Hoch!

VIER BURSCHEN UND VIER MÄDCHEN ARM IN ARM: Er ließ schlageen eene Bruckn daaß man kont hiniebaruckn Stadtunfestung Belgerad er ließ schlagen einen Brucken – aus dem Lied »Prinz Eugenius, der edle Ritter« von 1717 –

DIE MENGE: Hoch! (Fritz Werner kommt zurück und dankt grüßend) Hoch Werner!

FRÄULEIN LÖWENSTAMM: Geh jetzt zu ihm und bitt ihm.

FRÄULEIN KÖRMENDY (nähert sich): Ich bin nämlich eine große Verehrerin und möcht um ein Autogramm –

(Werner zieht einen Notizblock, beschreibt ein Blatt und überreicht es ihr. Ab.)

So lieb war er.

FRÄULEIN LÖWENSTAMM: Hat er dich angeschaut? Komm weg aus dem Gedränge, alles wegen dem Mord. Ich schwärm nur für den Storm! (Ab.)

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Eazheazog Franz Ferdinand –

EIN GEBILDETER: Kolossaler Verlust wird das sein für die Theater, das Volkstheater war total ausverkauft –

SEINE FRAU: Schön verpatzter Abend, wärn wir zuhausgeblieben, aber du, du bist ja nicht zu halten –

DER GEBILDETE: Ich staune über deinen Egoismus, einen solchen totalen Mangel an sozialem Empfinden hätte ich bei dir nicht vorausgesetzt.

DIE FRAU: Du glaubst vielleicht ich intressier mich nicht, selbstredend intressier ich mich, im Volksgarten essen hat gar keinen Sinn, wenn sowieso keine Musik is geht man gleich zu Hartmann –

DER GEBILDETE: Immer mit deinem Essen, wer hat jetzt Gedanken – Du wirst sehn was sich da tun wird, Kleinigkeit –

DIE FRAU: Wenn man nur wird sehn können!

DER GEBILDETE: Ein Begräbnis wird das doch sein, wie es noch nicht da war! Ich erinner mich noch wie der Kronprinz – (ab.)

POLDI FESCH (zu seinem Begleiter): Heut wird gedrahtt drahten – einen Film drehen – gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat Alexander Kolowrat – begründete die österr. Filmindustrie, † 1927 gedraht, morgen drah ich mit dem – (ab.)

EIN WACHMANN: Bitte links, bitte links!

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Reichspost! Reichspost – christlich-sozial orientierte Wiener Tageszeitung Zweate Oflagee! Die Ermordung des Thronfolgapaares!

EIN KLEINBÜRGER: Leben und leben lassen! Also natürlich für den Wiener, für den kleinen Mann, war das nicht das richtige. Wofern, das kann ich dir also aufklären verstehst du. Denn warum? Der Wiener is gewohnt, daß man ihm seine Gewohnheiten loßt. Er herentgegen – der Hadrawa hat ihm einmal erkannt, wie er einmal, also natürlich im Kognito war, da is er sogar nach der Tax gfahren und hat Trinkgeld geben wie ein Prifater, aber nicht um a Sexerl mehr sag ich dir.

ZWEITER KLEINBÜRGER: Hör auf!

DER ERSTE: Und in die bessern Gschäfte hat er auch nicht mehr zahln wolln. Das war einer! Glaubst, der hätt sich von unseran überhalten lassen? Der hätt sich hergstellt mit unseran! Wo unseraner doch auch leben will! Nix hat er auslassn. Nicht um die Burg! Also das is Gefühlssache. I sag, leben und leben lassen und dafür stirb i. Denn warum? Der kleine Mann –

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –!

DER KLEINBÜRGER: Her mitn Bladl! kost –?

DER ZEITUNGSAUSRUFER: Zehn Heller!

DER KLEINBÜRGER: An Schmarrn! Wurzerei. Steht eh nix drin. Du – pst – schau dir dös Madl an, sauber, wos? Die Gspaßlaberln! Da kann sich meine Alte also natürlich vastecken.

ZWEITER: Hör mr auf, das is eine Protestierte!

ERSTER: Da schau her, vorm Bristol stehn Leut, gehma hin, da muß eine Persönlichkeit sein. (Ab.)

EIN WACHMANN: Bitte links, bitte links!

EIN REPORTER (zu seinem Begleiter): Hier nimmt man am besten die Stimmung auf. Wie ein Lauffeuer, sehn Sie, hatte sich am Korso die Nachricht verbreitet, wo sich die Wogen brechen. Das fröhliche Leben und Treiben, das sich sonst um diese Stunde zu entfalten pflegte, verstummte mit einem Male, Niedergeschlagenheit; das Gefühl tiefer Erschütterung, zumeist aber stille Trauer, konnte man von allen Gesichtern ablesen. Unbekannte Leute sprachen einander an, man riß sich die Extrablätter aus der Hand, es bildeten sich Gruppen –

ZWEITER REPORTER: Da möcht ich so vorschlagen: In den Alleen der Ringstraße sah man Gruppenbildungen von Leuten, die das Ereignis besprachen. Wachleute zerstreuten die Gruppen und erklärten, daß sie weitere Gruppenbildungen nicht dulden würden. Hierauf bildeten sich Gruppen und das Publikum begann sich zu massieren – sehn Sie, dort!

(zwischen einem Fahrgast und einem Fiaker,Fiaker – zweispännige Pferdedroschke, auch der Kutscher derselbenvor dem Hotel Bristol, hat sich ein Wortwechsel entsponnen, die Passanten nehmen Partei, man hört Pfui-Rufe.)

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Der Thronfolger und seine Gemahlin von Verschwörern ermordet!

DER FIAKER: Aber Euer Gnaden! An so an Tag –!

(Verwandlung.)
Café Pucher. An demselben Abend vor Mitternacht. Das Kaffeehaus ist beinahe leer; nur zwei Tische sind besetzt. An dem einen hat ein Prokurist des Bankvereins soeben Platz genommen. An dem andern sitzen zwei glatzköpfige Herren, die, jeder eine Zigarre mit Papierspitz im Mund, in die Lektüre von Witzblättern vertieft sind. Die Kassierin schläft. Ein Kellner fuchtelt zum Scherz mit dem »Hangerl« vor ihrem Gesicht. Ein anderer wird vom Kaffeekoch mit einem Fetzen aus der Küche gejagt, worüber der Zahlkellner und der Koch in Gelächter ausbrechen.

DER ZAHLKELLNER EDUARD: Seids in ein Tschecherl? Schamts euch! Die Minister lesen, schamts euch, und die Fräuln Paula schlaft!

DER PROKURIST: Sie!

EDUARD: Herr von Geiringer?

DER PROKURIST: Eine Trabukko Trabukko – eine Zigarre und eine Extraausgabe!

EDUARD (zieht die Zigarrentasche und die Zeitung aus der inneren Rocktasche hervor und sagt): Ein Trabukkerl und etwas fürs Gemüt!

DER PROKURIST: War niemand da? Wieso is heut so stier? stier – öde, langweilig Nicht einmal der Dokter Gomperz?

EDUARD: Niemand Herr von Geiringer.

DER PROKURIST: Hat wer telephoniert?

EDUARD: Bisher nicht. Jedenfalls das schöne Wetter – vielleicht über die Feiertäg die Herrn einen Ausflug –

DER PROKURIST: Was für ein Feiertag is denn heut?

EDUARD: Peter und Paul, Herr von Geiringer.

(Während die beiden ihr Gespräch fortsetzen, ist ein Fremder eingetreten. Er hat an einem Tisch vis-à-vis den beiden älteren Herren Platz genommen. Ein Kellner bringt Kaffee.)

DER FREMDE: Sie Markör, Markör – Zeitungs- und Zahlkellner wer sind denn die beiden älteren Herren, die kommen mir so bekannt vor –

FRANZ (sich über den Gast beugend): Das is der Ministertisch. Der Herr mit dem Zwicker, der was das Kleine Witzblatt liest, is seine Exlenz der Minister des Innern, und der Herr mit dem Zwicker, der was den Pschütt Pschütt – humoristisches Wiener Wochenblatt studiert, das is seine Exlenz der Herr Ministerpräsident.

DER FREMDE: So! Sind die nur heute da, wegen des Ereignisses, oder immer?

FRANZ: Jeden Abend bereits, na ja, die Exlenzen sind hauptsächlich Junggesellen.

DER FREMDE: So! Und wer ist der Herr, der grad dazukommt?

FRANZ: Ah is scho da – das is Seine Exlenz der Direktor der Kabinettskanzlei.

DER FREMDE: So!

(Franz stürzt davon und bringt dem Direktor der Kabinettskanzlei eine Limonade und das Interessante Blatt. Nach einer Weile sagt)

DER MINISTERPRÄSIDENT (indem er die Prchütt-Karikaluren beiseite gt): Nix besonderes heut.

DER MINISTER DES INNERN (gähnt und sagt): Fad!

DER MINISTERPRÄSIDENT: Überhaupt, bis so ein Tag vorüber is!

DER DIREKTOR DER KABINETTSKANZLEI: Man spürt scho die Hundstäg.

DER MINISTERPRÄSIDENT (nach einer Pause des Nachdenkens): Ein Communiqué denk ich wird halt doch nötig sein denk ich. Wegen der Maßnahmen, die die Regierung zu der durch die Ereignisse geschaffenen Situation ins Auge gefaßt hat, zu deren Besprechung die Mitglieder des Kabinetts in längerer Konferenz beisammen verblieben und so.

DER MINISTER DES INNERN: Tunlichst.

DER MINISTERPRÄSIDENT: Eduard!

DER MINISTER DES INNERN: Welche Maßnahmen werden wir denn treffen?

DER MINISTERPRÄSIDENT: Das wird vom Communiqué abhängen. Sie Eduard!

EDUARD: Befehlen Exlenz?

DER MINISTERPRÄSIDENT: Gibts denn heut gar nix Neues? Bringen S’ die – wie heißt’s denn?

EDUARD (unter den Witzblättern am Tisch suchend): Fehlt denn noch was Exlenz? Richtig!

(Er geht zum Zeitungsschrank. Währenddessen nähert sich der Prokurist dem Ministertisch und zieht den Minister des Innern, der sich erhoben hat, ins Gespräch. Eduard winkt den Kellner Franz herbei, der eben mit einem Fetzen aus der Küche gejagt wurde und sich anschickt, der schlafenden Kassierin mit dem Hangerl vor dem Gesicht zu fuchteln.)

EDUARD: Hörts denn no net auf? Seids in ein Tschecherl? Schamts euch! (Er sucht weiter im Zeitungsschrank.) Wo habts denn wieder die Illustrierten hinmanipuliert? Für den Ministertisch die Bombe!

(Verwandlung.)
Kanzleizimmer im Obersthofmeisteramt. Nepalleck , ein Hofrat, am Schreibtisch. Er telephoniert, sich dabei fortwährend vor dem Apparat verbeugend, fast in ihn hineinkriechend.

NEPALLECK: Begräbnis dritter Klasse – Versteht sich Exlenz – Exlenz können unbesorgt sein – Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen – wie? Pardon Exlenz wie? Man versteht heut wieder so schlecht – Kruzitürken, Fräulein, Hofgespräch, das is ein Skandal! – Pardon Exlenz, es war unterbrochen – ja-ja-ja – zu dienen – wird besorgt – aber natürlich – abgewunken – allen – selbstverständlich – Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen – natürlich – Durchlaucht wird hocherfreut sein – Alles im Sinne von Seiner Durchlaucht – Exlenz können sich verlassen – nein, nein, keiner von die Monarchen – auch keine Mitglieder – nein, auch keine Verwandten – natürlich – Wie? – nein, alle wollten – keiner kommt – A Großfürst war schon reisefertig, aber wir haben es zum Glück noch rechtzeitig verhindern können – ginget uns ab, die möchten uns da mit Aufklärungen – daß’ am End nur ja zu kan Krieg kommt – Wie? schon wieder unterbrochen, Kruzitürken, is das ein Pallawatsch! – ja, auch von England – nein, niemand – keine Katz von an Hof – nur die Botschafter und so Leut – selbstverständlich auch das mit Auswahl, wo man schon nicht nein sagen kann – wer mr scho machen – tüchtig gesiebt, tüchtig – nach Tunlichkeit – Raumrücksichten – mein Gott, die kleine Kapelle, ham mr an Gspaß ghabt – Der Wortlaut? Gleich bitte. (zieht einen Zettel aus der Tasche.) »Beschränkungen der Delegierungen auswärtiger Fürstenvertreter und militärischer Delegierter, die mit Rücksicht auf den verfügbaren Raum –« Wie? Natürlich, selbstverständlich, das wird die bitterste Enttäuschung sein, keine offizielle und keine allgemeine Beteiligung des Militärs – Wie, Exlenz? In Belgrad? No ja, die werns kurios finden – sehr richtig, solln s’ draufhin nur noch mehr frech wern gegen uns – wir haben gar nichts dagegen, nicht wahr, Exlenz? – So ist es! – Sehr gut, Exlenz, famos, Begräbnis dritter Klasse Nichtraucher – famos, muß ich Durchlaucht erzählen, Durchlaucht wird sich kugeln – wir haben eh die größten Scherereien mit der Einsegnung – ja der böhmische Adel, bißl zudringlich von die Herrn – die Spezi und die Verwandtschaft – was wir geantwortet haben? Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen. Ganz einfach, außer dem Allerhöchsten Hof und den Offiziellen hat höchstens noch der Vormund Zutritt – Wie? die Kinder? nein, Durchlaucht is dagegen wegen der Plaazerei – Wie? ja die Herrschaften wollen zu Fuß mitspazieren – natürlich sehr unangenehm für Durchlaucht, fast eine Demonstration – Sehr gut, die Arbeitslosen! Muß ich Durchlaucht erzählen, Durchlaucht wird sich kugeln – Wie meinen Exlenz? Wurscht? Und wie! Savaladi! Savaladi – Zervelatwurst – Aber natürlich, kein Mensch kann was sagen – allen Formalitäten genügt – allerhöchstes Ruhebedürfnis ganz einfach – justament, solln s’ sich giften – selbstverständlich – Thronfolgerbegräbnis ist eben dritter Klasse, da gibts keine Würschtel – zu Fleißaufgaben haben wir gar keine Ursache – ja apropos Exlenz haben von der unverschämten Zumutung seiner Kanzlei noch nicht gehört? – Nach dem spanischen Zeremoniell solln mr ihnen auch noch das Begräbnis in Artstetten, nicht bloß die Zufuhr zur Westbahn – nicht wahr, unerhört – In unsere Kompetenz gehört nur die Kapuzinergruft, Kapuzinergruft – Gruft der Habsburger in der Kapuzinerkirche punktum! – Aber natürlich, Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen und denen geantwortet, sie solln froh sein, daß wir die Leich bis zur Westbahn bringen. Das weitere geht die städtische Leichenbestattungsanstalt an – oder den Verein zum ewigen Leben, sehr richtig – natürlich, jedenfalls aus Schmutzerei – in seinem Sinne – Pietät, sehr gut! Muß ich Durchlaucht erzählen, Durchlaucht wird sich – nein, nur zwanglos, kleines Festessen in gemütlichem Kreis – Ob mr wen anstellen wem? Nicht einen, wird alles hinausgschmissen – Oja, Viechsarbeit – natürlich, wenn’s auf mich ankommt, ich persönlich war vom ersten Moment dagegen, daß die Leich von der Chotek Chotek – die Frau des Erzherzogs Franz Ferdinand, beide in Sarajewo ermordet im selben Zug mitkommt – ich sag in solchen Fällen, wärst net aufigstiegn, wärst net abigfalln – aber das war leider – aber ja, das gute Herz von Seiner Durchlaucht – und dann, Exlenz wissen ja, Seine kaiserliche Hoheit hat interveniert, kann man halt nix machen – na, wenigstens hätt mr die Gschicht so weit in Ordnung bracht, daß ihr Sarg um eine Stufen tiefer aufgstellt wird wie der seinige – Gewiß, wird nicht angenehm sein morgen auf der Südbahn – aber wenigstens kein Gedränge – Wie? Sehr gut, nicht wie am Sonntag nach Atzgersdorf, sehr gut, muß ich Durchlaucht, Durchlaucht wird sich – Wie? pardon, ach so, die Zeitungen? Instruiert, alles instruiert, wern nicht viel hermachen. Schlagwort: Kein Prunk, sondern stille Trauer oder was beißt mich da – Wie Exlenz? So still, daß man – famos, muß ich Durchlaucht, Durchlaucht wird sich – Wie? ja, hocherfreut, daß die Kabinettskanzlei ebenso tief erschüttert ist wie das Obersthofmeisteramt – Durchlaucht wird sich kugeln – paar Vergnügungsetablissements haben bei uns angefragt, ob s’ihnere Vorstellungen abhalten sollen. Antwort: daß irgendeine Hoftrauer noch nicht angeordnet und daß es dem Ermessen jeder einzelnen Direktion anheimgestellt bleibt – gut, was? – no und was die ermessen, kann man sich ja denken, na ja der Wolf aus Gersthof Wolf in Gersthof – Wiener Vergnügungslokal braucht a net mehr z’wanen wie rnir selber. Aber Venedig in Wien, das wird Exlenz intressiern, die warn so vernünftig und habn gar net gfragt und habn ruhig am selben Tag gspült. Mein Gott, das bißl Gaudee und das bißl Gschäft soll man den Leuteln bei die schlechten Zeiten vergunnen – leben und leben lassen, natürlich – Gewiß, gewiß, nicht wir allein, das ganze Reich – das ganze Reich – sehr gut, alle die gleichen Gefühle, sehr richtig, man will eben nicht ersticken Wie? Kruzitürken, was is denn schon wieder – es war eine Störung! – sehr richtig, man will gemütlich sein – so ist es, einmal geht auch der Schinder drauf – leben und leben lassen – die Leut wolln ein joviales Gsicht sehn, sonst wern s’ selber grantig – jawohl, wer nicht grüßen kann, ghört nicht an die Spitze! – no in der Beziehung können wir ja für die Zukunft Gottseidank unbesorgt sein – Wie? Was die andere Durchlaucht macht, die neuche? Oder vielmehr, der gewesene künftige Obersthofmeister? Der verblichene Günstling, selig in dem Herrn entschlafen, Gott hab ihn selig, hol ihn der Teufel, noja, ein ganz spezieller Trauerfall, der einzige, der tiefgebeugt, jedenfalls – nein, wird uns wohl nicht mehr mit seinem Besuche beehren – Wie? Die was in Serajevo mit waren? Der Harrach? Vielleicht auch. Hat ihn ja doch »mit seinem Leibe gedeckt« – ja, die habn sich wichtig gmacht unten – Der Morsey Harrach, Morsey – Kämmerer des Erzherzogs und seiner Frau fahrt einen Polizeibeamten an, warum er einen von die Attentäter nicht verhaftet, no der hat ihm aber tüchtig geantwortet, Herr Leutnant kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten! – Die Polizei in Serajevo hat einfach ihre Pflicht erfüllt, nicht mehr und nicht weniger – Die Gendarmerie – wie viel da waren? Durchlaucht hat damals die Initiative ergriffen beim Tisza, Tisza – Istvan Graf Tisza, ungarischer Ministerpräsident von 1913 bis 1917 der hat aber selbst schon alles vorgekehrt ghabt. Sechs zu seinem persönlichen Schutz, das war doch mehr wie genug! – Sehr gut, ein vernünftiger Ausgleich, zweihundert hat man ihm für Konopischt bewilligt, damit das p. t. Publikum nicht in die Anlagen trete – ja, das hat ihm gschmeckt, da hat man geuraßt – Wie? im Auswärtigen sans schon fuchtig? Natürlich, die beste Handhabe, selbstverständlich – Endlich, endlich! – bin neugierig, ob s’ lang untersuchen wern im Schlangennest – wieder ein vernünftiger Ausgleich, sechs Gendarmen für Serajevo, brauchn mr halt desto mehr für Belgrad! – Bagasch übereinand – Aber natürlich, mir san ja eh die reinen Lamperln – ja das is wahr mit die Ahnungen, was er ghabt hat, aber da ham’r ihm schon Mut gemacht, ein Offizier fürcht sich nicht! – sehr richtig, er war in Gottes Hand, sein Lebtag, bis zum Schluß – nicht zu verhindern gewesen, versteh, versteh, aber strafen, wanns einmal gschehn is! – gewiß, nachher nimmt man sich eben zsamm, ja, ja, wird auch in dem Punkt sein Gutes haben, nach innen und außen – abrechnen – ja, der Conrad, Conrad – Conrad von Hötzendorf, Chef des österr.-ungar. Generalstabs na der wird jetzt – aber natürlich, das fressen s! Da muß doch eine Genugtuung sein, das sieht doch jedes Kind, wär net schlecht – ein Prestischpunkt, der sich gewaschen hat – wer’ mr scho machen – aber ja – Wie? Aber natürlich, da reißen uns schon die Deutschen heraus – so is, wir sind für den Frieden, wenn auch nicht für den Frieden um jeden Preis – nein Exlenz, von Urlaub leider keine Rede, woher denn – is schon einmal so, noja, mir bleibt doch nichts erspart – nochmals, selbstverständlich, bitte unbesorgt – wer’s bestelln – tänigsten Dank, korschamster Diener Exlenz!
Ebenda.

DIENER: Bitt schön Herr Hofrat – einer is da.

NEPALLECK: Was für einer?

DIENER (verlegen): No, von die andern.

NEPALLECK (herrisch): Es gibt keine andern! Die Zeiten sind vorbei! Hab ich Ihnen nicht gesagt, daß jeder, der kommt –

DIENER: Bitt schön – er sagt, daß es nur wegen einer Erkundigung is.

NEPALLECK: Möcht wissen, was es da noch zu erkundigen gibt, alstern herein mit ihm. (Diener ab.)
Ein alter Kammerdiener des verstorbenen Erzherzogs tritt auf.

NEPALLECK (zischt hervor): Was wollen S’?

DER ALTE KAMMERDIENER: Zu dienen, gnädiger Herr Hofrat – also – ich weiß mir in dieser Beziehung – also diesfalls – also anderweitig –

NEPALLECK: Was Sie wollen, möcht ich gern hören!

KAMMERDIENER: Nämlich das Unglück, das große Unglück, also nicht wahr, gnädiger Herr Hofrat – also wo ich schon unter kaiserlichen Hoheit – hochseligen Weiland – Herrn Erzherzog Ludwig, Gott hab ihn selig –

NEPALLECK: Aha, also mit einem Wort, Sie sind ein vazierender vazieren – dienstfrei sein Kammerdiener – Sie, mein Lieber, das schlagen S’Ihnen aus dem Kopf, Anstellungen werden hier nicht vergeben!

KAMMERDIENER (weinend): Aber nein, Herr Hofrat – aber nein, Herr Hofrat –

NEPALLECK: Was, zudringlich wern S’?

KAMMERDIENER: Aber nein Herr Hofrat – nicht will ich – nicht will ich –

NEPALLECK: Also was denn sonst?

KAMMERDIENER: Aber nein – wahr is, ein strenge Herr – aber strenge – und – gute Hoheit – aber – so –

NEPALLECK: Sie Verehrtester erzählen S’ uns hier keine Raubersgschichten – sagen S’ was Sie von uns wollen!

KAMMERDIENER: Aber nix wollen, Herr Hofrat, nix, nix, gar nix wollen – nur sprechen – nur sprechen – nur sprechen – vor der Leich noch amal –

NEPALLECK (seine Stimme erhebend): Sprechstunde hab ich für Sie keine, verstanden?

(Von rechts, durch den Lärm gerufen, stürzt Fürst Montenuovo Montenuovo – Alfred, Fürst von M., Obersthofmeister des Kaisers Franz Joseph mit wutverzerrtem Gesicht herein.)
MONTENUOVO: Was ist? Ah is schon einer da! Sie, schaun Sie, daß Sie weiter kommen! Hier findet keiner von euch einen Posten, verduften, gschwind!

KAMMERDIENER (mit großem Staunen): Ich – hab – Jesus – zu dienen, gnädigste Durchlaucht – (Ab.)
MONTENUOVO: Sie. Hofrat, Sie wissen, daß hier kein Asyl für Obdachlose ist – ich habe nun einmal die Initiative ergriffen, also – Ruh will ich haben!

NEPALLECK: Durchlaucht können sich verlassen, es wird nicht mehr vorkommen, der Mensch wollte nur – MONTENUOVO: Alleseins. Daß mir keine von den Belvedere-Visagen hier unterkommt! – Wie viel Einladungen? NEPALLECK: Achtundvierzig.

MONTENUOVO: Was reden S’ denn?

NEPALLECK: Ach so, bitte tausendmal um Vergebung, ich hab an morgen abends gedacht. Sechsundzwanzig. MONTENUOVO: Die sechs noch streichen! (Ab.)

NEPALLECK: Zu Befehl! (Setzt sich wieder an den Schreibtisch.)
Fürst Weikersheim, dicht hinter ihm der Diener.

DIENER: Bitte Durchlaucht, ich habe den strengsten Auftrag –

FÜRST WEIKERSHEIM: Was hat der? Auftrag? Was? Man muß hier angemeldet werden? (Diener ab. Nepalleck bleibt am Schreibtisch sitzen, ohne aufzublicken. Der Fürst nach einer Pause des Wartens.) Sie! (Nach einer weitern Pause lauter) Sie! Was – geht hier vor? (schreiend) Sie, stehn Sie auf!

NEPALLECK (wendet den Kopf, obenhin): GutenTag, guten Tag.

FÜRST WEIKERSFIEIM (nach einer Pause sprachlosen Staunens): Was – ist – das? So – rasch – (Mit Betonung) Sie, wissen Sie, wer ich bin?

NEPALLECK: Was ist denn, was ist denn, natürlich weiß ich das, Sie sind der gefürstete Baron Bronn von Weikersheim.

FÜRST WEIKERSHEIM: Und Sie sind ein – Und der dort ist Ihr Vorgesetzter! (Ab, indem er die Tür ins Schloß wirft.)
NEPALLECK (lacht krampfhaft. Das Telephon klingelt): Korschamster Diener Exlenz, in dem Moment hat sich – (Montenuovo steckt den Kopf zur Tür herein, blitzschnell dreht sich Nepalleck um) zu Befehl Durchlaucht –

(Verwandlung.)
Südbahnhof. Im fahlen Morgenlicht ein Raum, von dem aus man durch eine große Türöffnung den Hofwartesalon überblickt. Dieser selbst ist ganz mit schwarzen Tüchern drapiert. In der Mitte des Saals, für die draußen Stehenden anfangs noch sichtbar, zwei Sarkophage, deren einer um eine Stufe tiefer steht; rings um die Särge hohe Leuchter mit brennenden Kerzen. Kränze. Gebetstühle. Schwarz livrierte Lakaien sind eben damit beschäftigt, die letzten Kerzen anzuzünden und die zum Empfang der Trauergesellschaft notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Im Vorraum und auf dem noch sichtbaren Teil der Treppe drängt sich Publikum, das von Polizeibeamten geordnet wird. Würdenträger, Funktionäre in verschiedenartigen Uniformen erscheinen, bleiben im Vorraum oder verschwinden im Saal, wechseln stumm oder flüsternd Grüße. Ein unablässiges Kommen und Gehen. Eine Abordnung von Gemeinderäten in Frack erscheint. Hofrat Nepalleck tritt mit allen Anzeichen tiefster Niedergeschlagenheit auf und nimmt von zahlreichen Anwesenden Kondolenzen entgegen. Dieser und die folgenden Vorgänge spielen sich im Zwielicht ab. Die Gespräche sind die von Schatten.

NEPALLECK: Es ist das Furchtbarste, Durchlaucht ist ganz trübsinnig und durch Unwohlsein verhindert, der höchsten Trauerfeier persönlich beizuwohnen. Auch der Graf Orsini-Rosenberg muß das Bett hüten. Es ist über uns hereingebrochen. Rechts der schönste, der mit Chrysanthemen auf dem Sarg Ihrer seligen Hoheit der durchlauchtigsten Frau Herzogin, ist von Seiner Durchlaucht.

(Ein hochgewachsener Herr, Kleid und Haltung in tiefster Trauer, erscheint, geht auf Nepalleck zu und drückt ihm warm die Hand.)

ANGELO EISNER V. EISENHOF: Er war mein Freund. Ich bin ihm nahegestanden. Zum Beispiel bei der Eröffnung der Adriaausstellung. Aber was ist mein Schmerz, verglichen mit dem Ihren, lieber Hofrat! Was muß ein Mann wie Sie in diesen Tagen durchgemacht haben!

NEPALLECK: Mir bleibt doch nichts erspart.

(Inzwischen ist das gegenüberliegende Torgeöffnet worden, und man sieht, wie sich der Saal mit der Hofgesellschaft, den höchsten Hof- und Staatsbeamten und der Geistlichkeit füllt, wobei ein Zeremonialbeamter ordnend eingreift und jedem den ihm vorbehaltenen Platz anweist. Bis zum Beginn der heiligen Handlung strömen in den Vorraum immer neue Teilnehmer und Zuschauer, die einzutreten versuchen, Einladungen vorzeigen, zugelassen oder abgewiesen werden. Einige Damen des Hochadels werden von einem diensthabenden Organ aus dem Saal gewiesen. Es erscheinen zehn Herren in Gehröcken, die, ohne sich zu legitimieren, mit Zuvorkommenheit, an dem Spalier der Wartenden vorbei, bis über die Tür des Trauergemachs geleitet werden, die sie während des Folgenden besetzt halten, so daß sie zwar selbst die Vorgänge beobachten können, aber diese den Blicken der Außenstehenden fast ganz entziehen. Die Sarkophage sind seit dem Moment ihres Auftretens nicht mehr sichtbar. Wahrend jeder der zehn ein Notizblatt hervorzieht, treten zwei Funktionäre an die Gruppe heran und stellen sich gegenseitig wie folgt vor.)

ZAWADIL: Spielvogel.

SPIELVOGEL: Zawadil.

BEIDE (zugleich sprechend): Ein trüber Morgen. Schon um 6 Uhr waren wir zur Stelle, um die Anordnungen zu treffen.

ANGELO EISNER V. EISENHOF (tritt hinzu und spricht angelegentlich mit einem der zehn, die zu schreiben beginnen. Er deutet auf verschiedene Gestalten, die alle die Hälse recken und den Versuch machen, aus dem Spalier zu treten. Er beruhigt durch Winken jeden einzelnen, indem er, gleichzeitig auf die zehn Männer weisend, die Pantomime des Schreibens macht, so als ob er ihm bedeuten wollte, daß bereits von ihm Notiz genommen sei. Inzwischen ist es dem Hofrat Schwarz-Gelber und dessen Gemahlin gelungen, in unmittelbaren Kontakt mit den Schreibenden zu kommen und einem von diesen auf die Schulter zu tippen.)

HOFFRAT SCHWARZ-GELBER UND HOFRÄTIN SCHWARZ-GELBER: Wir haben es uns nicht nehmen lassen wollen, persönlich zu erscheinen.

ANGELO EISNER V. EISENHOF (der sich mit einem indignierten Blick abwendet, zu seinem Nachbar Dobner v. Dobenau): Und so etwas will einer heiligen Handlung beiwohnen! Wahrscheinlich das erstemal. Ich muß mich vor meinem Freunde Lobkowitz schämen, der grad herüberschaut. (Er grüßt öfter und winkt.) Aha, er hat mich bemerkt, aber nicht erkannt.

DOBNER V. DOBENAU (mit starrer Miene und langsam): Als Truchseß hätte ich eigentlich das Recht, hineinzugehen, wo die Spitzen sind.

CONTE LIPPAY: Conte Lippay – eigentlich Lipschitz, österr. Portraitmaler Dadurch, daß es mir als Künstler gelungen ist, den Papst zu malen, hatte ich als Palatinalgraf des Öfteren Gelegenheit, Seine Heiligkeit als deren Kämmerer auf die durch solche Vorfälle nicht zu erschütternde Frömmigkeit des verewigten hohen Herrn aufmerksam zu machen, was Seine Heiligkeit beifällig zur Kenntnis zu nehmen geruhte.

EISNER V. EISENHOF: Ja, Lipschitz, wie kommen denn Sie hieher? Unsere Väter in Pilsen hätten sich auch nicht träumen lassen –

CONTE LIPPAY: Nichts davon, Baron, nichts davon, tempi passati. tempi passati – ital.: vergangene Zeiten Sie wissen ja selbst, nemo propheta.in sua patria nemo propheta … – lat.: der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland und alle Wege führen nach Rom. Aber haben Sie nicht meine Söhne die Grafen Franz und Erwein gesehn?

DOBNER V. DOBENAU: Als Truchseß hätte ich eigentlich das Recht –

CAFETIER RIEDL: In der Adriaausstellung habe ich mit Seiner kaiserlichen Hoheit verkehrt, ihm selbst als Patriot und schlichter Gewerbsmann speziell den Kaffee kredenzt, warum nicht, wenn ich auch anerkannt bin, unsereins ist nicht so hopatatschig, indem auch seine hochherzigen Bestrebungen um den Ausbau unserer Flotte an mir im Geiste Tegetthoffs Tegetthoff – Wilhelm von Tegetthoff, österr. Admiral, † 1871 als Obmann jederzeit einen warmherzigen Förderer um damit auf dem einmal betretenen Wege unerschrocken fortzufahren.

DR. CHARAS: Mit mir an der Spitze ist auch die Rettungsgesellschaft erschienen, hat aber noch keinen Anlaß gefunden, in zahlreichen Fällen zu intervenieren.

DER CHEF DES SICHERHEITSBUREAUS HOFRAT STUKART: Meine Anwesenheit versteht sich von selbst. Ganz abgesehen von meinem gesellschaftlichen Prestige, mußte schon das rein kriminalistische Interesse meine Aufmerksamkeit auf diesen Fall lenken, dem ich vollkommen unbefangen gegenüberstehe, weil es sich um einen Mordfall handelt, aus dem es niemandem gelingen wird den Vorwurf der Reklamesucht gegen mich abzuleiten. In Wien wäre so etwas unmöglich gewesen. Ich will ja nicht leugnen, daß der geehrte Kollege in Sarajewo bis zu dem Attentat selbst eine ähnliche Taktik eingeschlagen hat, wie sie sich bei uns wiederholt bewährt hat, indem man von den Vorbereitungen zu einem Verbrechen entweder nichts weiß oder es ausreifen läßt, um es späterhin mit umso größerem Erfolge entdecken zu können. Aber der geehrte Kollege in Sarajevo hat eben diesen eigentlichen kriminalistischen Zweck, wenn er ihn selbst angestrebt hätte, bedauerlicherweise verfehlt. Wie anders hätte ich nach vollzogener Tat, weit über meine Dienstpflicht hinaus, mir den Fall angelegen sein lassen, indem unser Sicherheitsbureau fieberhaft gearbeitet und ich persönlich so lange die Fäden in meiner Hand gehalten hätte, bis es mir gelungen wäre, den Täter nach erfolgtem Geständnis unter der Last der Beweise zusammenbrechen zu lassen, was dem geehrten Kollegen in Sarajevo dadurch, daß der Täter auf frischer Tat ergriffen wurde, bedauerlicher Weise nicht geglückt ist. Ich kann mir diese fatale Wendung nur aus Ungeschicklichkeit, vielleicht aus dem Übereifer des Attentäters, der sich der Verhaftung nicht widersetzte, oder aus einem unglücklichen Zufall erklären, der eben in diesem besonders beklagenswerten Falle die Tätigkeit der Polizei vollständig lahmgelegt hat. Da aber das Opfer des Täters an diesem katastrophalen Ausgang unschuldig ist, so wird man es begreiflich finden, daß meine Anwesenheit hier, wenn auch unter andern, bemerkt wird.

SEKTIONSCHEF WILHELM EXNER: Ich stehe hier als Vertreter technologischer Interessen.

GOUVERNEUR SIEGHART VON DER BODENKREDITANSTALT: Ich bin heute Gouverneur. In der sichern Erwartung, daß nunmehr die Staatsgewalt sich in den meiner Weltanschauung angepaßten Bahnen ohne Aufenthalt weiterbewegen wird, kann ich hier meinen Platz behaupten.

PRÄSIDENT LANDESBERGER VON DER ANGLOBANK: Sie sagen von mir, ich sei ein Bankmagnat. Trotzdem glaube ich nicht, daß es unter meiner Würde ist, hinter dem Sarge eines wenn auch anderen Idealen zugewandten Mächtigen ein bescheidenes, aber stolzes Plätzchen anzustreben.

HERZBERG-FRÄNKEL: Herzberg-Fränkel – Wiener Advokat Mein Name ist Herzberg-Fränkel. Ich weiß, er hat bei Lebzeiten keine besonderen Sympathien für meinen Typus gehabt, aber der Tod hat etwas Versöhnendes.

DIE FREISINNIGEN GEMEINDERÄTE STEIN UND HEIN: Ich weiß zwar nicht, was ich hier zu suchen habe, aber da auch ich da bin, bin ich auch da.

ZWEI KONSULN (stellen sich gleichzeitig vor): Stiaßny. Wir haben zwar keine nennenswerte Beziehung zu dem Verewigten gehabt, sind aber dessenungeachtet herbeigeeilt, um unsere Pflicht zu erfüllen.

DREI KAISERLICHE RÄTE (treten in einer Reihe auf): Wir sind als Abordnung erschienen, weil wir es den Manen schuldig zu sein glauben, uns in der Hoffnung auf bessere Zeiten nicht von der Überzeugung abbringen zu lassen, daß er das Gute gewollt hat, aber schlecht informiert war.

SUKFÜLL: Vom Gremium entsendet und berufen, die schmerzlichen Gefühle der Sektion auszusprechen, sehen wir einer ungewissen Zukunft entgegen und sind noch nicht einmal in der Lage, zu ermessen, ob das Ereignis für die geplante Hebung des Fremdenverkehrs hemmend oder fördernd aufzufassen ist. Wie dem immer sei, entbiete ich meinen letzten Gruß.

BIRINSKI UND GLÜCKSMANN: Als Vertreter der Kunst hat uns die Kunst entsendet, um an der Bahre des großen Toten das Gelöbnis idealen Strebens zu erneuern, während als Vertreter der Industrie jedenfalls andere gekommen sind.

DER BUCHHÄNDLER HUGO HELLER: Durch meine weitverzweigten kulturellen Verbindungen wäre es mir offenbar ein Leichtes gewesen, den erlauchten Verstorbenen dauernd an mich zu fesseln, wenn nicht wie gesagt der Tod dazwischen gekommen wär.

(Während dieser Rede ist eine Dame in tiefster Trauer eingetreten. Alles weicht zurück.)

HOFRÄTIN SCHWARZ-GELBER (wie vom Blitz getroffen, gibt ihrem Gatten einen Stoß und spricht): Was hab ich dir gesagt! Die is überall, wo sie nicht hineingehört. Ob man einmal unter sich sein könnte!

FLORA DUB: Flora Dub – eine Dame der Wiener Gesellschaft Wie ruhig sie daliegen! Wenn sie leben möchte, möchte sie sich erinnern, wie ich einmal Blumen geworfen hab auf ihr. Er war zwar kein besonderer Freund von Blumenkorsos. Aber ich bin gekommen, damit sie sehen sollen, ich trag ihnen nichts nach.

DER NÖRGLER (im Vordergrund):

Du großer Gott der Großen und der Kleinen!
Du prüfst die Großen, weil es Kleine gibt.
Du prüftest einmal Kleine durch den Großen.
Und riefst ihn weg. So hat er diese Prüfung
als Prüfer und Geprüfter schlecht bestanden.
War dies die Absicht, als Du Tod und Leben
zu seligem Unterschied erfunden hast?
Stürzt in die Bresche der Unendlichkeit
der irdische Feind, ein tollgewordener Haufe?
Und ist das Leid nicht göttlicher Besitz,
daß die es tragen, die gemordet haben?
Ist selbstvergossnes Blut nur ein Rubin,
ein falscher Diamant die echte Träne,
ein Putz, den sich die Judasfratze borgt?
Dann ist die Zeit zu Ende und nichts bleibt
als Deine Prüfung. Laß es sie entgelten,
in Stadt und Staat die Mißgebornen fühlen,
daß es vollbracht ist! Nimm ihr eigenes Blut
und traure über sie mit Gottes Träne!

(Während dieser Worte hat die heilige Handlung in höchster Feierlichkeit ihren Anfang genommen. Man sieht, wie der gesamte im Trauersaal versammelte Hofstaat zum Gebete kniet, vorne schluchzend die drei Kinder der Ermordeten. Zeitweise wird die Stimme des Priesters hörbar. Nun spielt die Orgel. Einer der zehn, die allmählich ganz in das Trauergemach gelangt sind, wendet sich plötzlich mit lauter Stimme an seinen Nachbarn.)

DER REDAKTEUR: Wo is Szomory? Wir brauchen die Stimmung!

(Die Orgel setzt ab. Es tritt eine Pause stummen Gebetes ein, nur vom Schluchzen der drei Kinder unterbrochen.)

DER REDAKTEUR (zu seinem Nachbarn): Schreiben Sie, wie sie beten!

Die Leser der folgenden Szene waren der Meinung, ich hätte die Sätze, die ich dem Hans Müller in den Mund lege [Akt I Szene 25], erfunden. Als ob man so etwas erfinden könnte und als ob mein Anteil an diesen Gestaltungen darüber hinausginge, daß ich zu allem, was es gab, am rechten Ort und zur rechten Zeit die Anführungszeichen gesetzt habe. Es ist die tragische Bestimmung meiner Figuren, das sprechen zu müssen, was sie selbst geschrieben haben und so auf eine Nachwelt zu kommen, die sie sich ganz anders vorgestellt haben. Mein Verdienst besteht nicht darin, irgendetwas erfunden zu haben, sondern darin, daß man glaubt, ich müsse es erfunden haben, weil man nicht glaubt, daß man es erlebt haben könne.
I. Akt
Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Etliche Wochen später. Fahnen an den Häusern. Vorbeimarschierende Soldaten werden bejubelt. Allgemeine Erregung. Es bilden sich Gruppen.

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –!

ZWEITER ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee! Beidee Berichtee!

EIN DEMONSTRANT (der sich von einer Gruppe den Prinz-Eugen-Marsch singender Leute loslöst, ruft mit hochrotem Gesicht und schon ganz heiser unaufhörlich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch Habsburg! Hoch! Hoch Serbieen!

EIN GEBILDETER (den Irrtum bemerkend, versetzt ihm einen Rippenstoß): Was fällt Ihnen denn ein –

DER DEMONSTRANT (anfangs verdutzt, besinnt sich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch! Nieda mit Habsburg! Serbieen!

(Im Gedränge einer zweiten Gruppe, in die auch eine Prostituierte geraten ist, versucht ein »Pülcher«, Pülcher – Lump, Strolch der dicht hinter ihr geht, ihr die Handtasche zu entreißen.)

DER PÜLCHER (ruft dabei unaufhörlich): Hoch! Hoch!

DIE PROSTITUIERTE: Loslassen! Sie unverschämter Mensch! Loslassen oder –

DER PÜLCHER (von seinem Vorhaben ablassend): Wos rufn S’ denn net hoch? Sie wolln a Padriodin sein? A Hur san S’, mirken S’ Ihna das!

DIE PROSTITUIERTE: A Taschelzieher san S’!

DER PÜLCHER: A so a Schlampen – jetzt is Krieg, mirken S’ Ihna das! A Hur san S’!

EIN PASSANT: Burgfrieden, wenn ich bitten darf! Halten S’ an Burgfrieden!

DIE MENGE (aufmerksam werdend): A Hur is! Was hats gsagt?

EIN ZWEITER PASSANT: Wenn mr recht vurkummt, so hat s’ was gegen das angestaamte Herrscherhaus gsagt!

DIE MENGE: Nieda! Hauts es! (Dem Mädchen ist es gelungen, in einem Durchhaus zu verschwinden.) Laßts es gehn! Mir san net aso! Hoch Habsburg!

EIN REPORTER (zu seinem Begleiter): Hier scheinen Stimmungen zu sein. Was tut sich?

DER ZWEITE REPORTER: Ma werd doch da sehn.

EIN ARMEELIEFERANT (hat mit einem zweiten eine Ringstraßenbahn bestiegen): Da sehn wir sie besser. Wie schön sie vorbeimarschieren, unsere braven Soldaten!

DER ZWEITE: Wie sagt doch Bismarck, steht heut in der Presse, unsere Leut sind zum Küssen.

DER ERSTE: Wissen Sie, daß sogar Eislers Ältester genommen is?

DER ZWEITE: Was Sie nicht sagen! Das hat die Welt nicht gesehn! So reiche Leute auch. Daß sich da nichts machen hat lassen?

DER ERSTE: Es heißt, sie versuchen jetzt. Wahrscheinlich wird er hinaufgehn und sichs richten.

DER ZWEITE: Und im äußersten Fall – Sie wern sehn, jetzt wird er ihm doch das Automobil kaufen, was er sich hat in den Kopf gesetzt.

DER ERSTE: Kann man auch verunglücken.

EIN PASSANT: Habe die Ehre, Herr Generaldirektor!

EIN ANDERER PASSANT (zu seinem Begleiter): Hast ghört? Weißt, wer das is? Ein Generaldirektor in Zivil. Da muß man vorsichtig mit’n Reden sein. Das is nämlich der Vorgesetzte von die Generäle.

EIN OFFIZIER (zu drei anderen): Grüß dich Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also du – du bist ja politisch gebildet, also was sagst?

ZWEITER OFFIZIER (mit Spazierstock): Weißt, ich sag, es is alles wegen der Einkreisung.

DER DRITTE: Weißt – also natürlich.

DER VIERTE: Ganz meine Ansicht – gestern hab ich mullattiert –! habts das Bild vom Schönpflug gsehn, Klassikaner!

DER DRITTE: Weißt, in der Zeitung steht, es war unanwendbar.

DER ZWEITE: Unabwendbar steht.

DER DRITTE: Natürlich, unabwendbar, weißt ich hab mich nur verlesen. Also was is mit dir?

DER VIERTE: No weißt ich hab halt also Aussicht ins KM. KM – Kriegsministerium

DER ERSTE. No bist a Feschak, kommst halt zu uns. Du gestern war ich dir im Apollo bei der Mela Mars – hat mir der Nowak von Neunundfünfziger gsagt er hat ghört ich bin eingegeben für die Silberne.

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Tagblaad! Kroßer Sick bei Schaabaaz!

DER VIERTE: Gratuliere dir – hast die gsehn? Ein Gustomenscherl was sich gwaschen hat, sag ich euch – warts, ich – (ab.)

DIE ANDERN (ihm nachrufend): Kommst also nachher zum Hopfner!

EIN WIENER (hält von einer Bank eine Ansprache): – denn wir mußten die Manen des ermordeten Thronfolgers befolgen, da hats keine Spompanadeln Spompanadeln – ital. Umschweife geben – darum, Mitbürger, sage ich auch – wie ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen an das Vaterland anschließen in dera großen Zeit! Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! Also bitte – schaun Sie auf unsere Braven, die was dem Feind jetzt ihnere Stirne bieten, ungeachtet, schaun S’ wie s’ da draußen stehn vor dem Feind, weil sie das Vaterland rufen tut, und dementsprechend trotzen s’ der Unbildung jeglicher Witterung – draußen stehn s’, da schaun S’ Ihner s’ an! Und darum sage ich auch – es ist die Pflicht eines jedermann, der ein Mitbürger sein will, stantape Schulter an Schulter sein Scherflein beizutrageen. Dementsprechend!-Da heißt es, sich ein Beispiel nehmen, jawoohl! Und darum sage ich auch – ein jeder von euch soll zusammenstehn wie ein Mann! Daß sie ‘s nur hören die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg was mir führn! Wiar ein Phönix stema da, den s’ nicht durchbrechen wern, dementsprechend – mir san mir und Österreich wird auferstehn wie ein Phallanx ausm Weltbrand sag ich! Die Sache für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine Würschteln, und darum sage ich auch, Serbien – muß sterbien!

STIMMEN AUS DER MENGE: Bravo! So ist es! – Serbien muß sterbien! – Ob’s da wüll oder net! – Hoch! – A jeder muß sterbien!

EINER AUS DER MENGE: Und a jeder Ruß –

EIN ANDERER (brüllend): – ein Genuß!

EIN DRITTER: An Stuß! (Gelächter.)

EIN VIERTER: An Schuß!

ALLE: So is! An Schuß! Bravo!

DER ZWEITE: Und a jeder Franzos?

DER DRITTE: A Roß! (Gelächter.)

DER VIERTE: An Stoß!

ALLE: Bravo! An Stoß! So is!

DER DRITTE: Und a jeder Tritt – na, jeder Britt!?

DER VIERTE: An Tritt!

ALLE. Sehr guat! An Britt für jeden Tritt! Bravo!

EIN BETTELBUB: Gott strafe England!

STIMMEN: Er strafe es! Nieda mit England!

EIN MÄDCHEN: Der Poldl hat mir das Beuschl von an Serben versprochen! Ich hab das hineingeben in die Reichspost! Reichsspost – Wiener Tageszeitung

EINE STIMME: Hoch Reichspost! Unser christliches Tagblaad!

EIN ANDERES MÄDCHEN: Bitte, ich habs auch hineingeben, mir will der Ferdl die Nierndln von an Russn mitbringen!

DIE MENGE: Her darmit!

EIN WACHMANN: Bitte links, bitte links.

EIN INTELLEKTUELLER (zu seiner Freundin): Hier könnte man, wenn noch Zeit wär, sich in die Volksseele vertiefen, wieviel Uhr is? Heut steht im Leitartikel, daß eine Lust is zu leben. Glänzend wie er sagt, der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit.

DIE FREUNDIN: Jetzt is halber. Die Mama hat gesagt, wenn ich später wie halber zuhaus komm, krieg ichs.

DER INTELLEKTUELLE: Aber geh bleib. Schau dir bittich das Volk an, wie es gärt. Paß auf auf den Aufschwung!

DIE FREUNDIN: Wo?

DER INTELLEKTUELLE: Ich mein’ seelisch, wie sie sich geläutert haben die Leut, im Leitartikel steht doch, lauter Helden sind. Wer hätte das für möglich gehalten, wie sich die Zeiten geändert haben und wir mit ihnen.

(Ein Fiaker hält vor einem Hause.)

DER FAHRGAST: Was bekommen Sie?

DER FIAKER: Euer Gnaden wissen eh.

DER FAHRGAST: Ich weiß es nicht. Was bekommen Sie?

DER FIAKER: No was halt die Tax is.

DER FAHRGAST – Was ist die Tax?

DER FIAKER: No was S’ halt den andern gebn.

DER FAHRGAST: Können Sie wechseln? (Reicht ihm ein Zehnkronenstück in Gold.)

DER FIAKER: Wechseln, wos? Dös nimm i net als a ganzer, dös könnt franzeisches Göld sein!

EIN HAUSMEISTER (nähert sich): Wos? A Franzos? Ahdaschaurija. Am End gar ein Spion, dem wer mrs zagn! Von woher kummt er denn?

DER FIAKER: Von der Ostbahn!

DER HAUSMEISTER: Aha, aus Petersburg!

DIE MENGE (die sich um den Wagen gesammelt bat): A Spion! A Spion! (Der Fahrgast ist im Durchhaus verschwunden.)

DER FIAKER (nachrufend): A so a notiger Beitel vardächtiga!

DIE MENGE: Loßts’n gehn! Mochts kane Reprassalien, dös ghört si nett! Mir san net aso!

EIN AMERIKANER VOM ROTEN KREUZ (zu einem andern): Look at the people how enthusiastic they are!

DIE MENGE: zwa Engländer! Reden S’ deutsch! Gott strafe England! Hauts es! Mir san in Wean! (Die Amerikaner flüchten in ein Durchhaus.) Loßts es gehn! Mir san net aso!

EIN TÜRKE (zu einem andern): Regardez l’enthousiasme de tout le monde!

DIE MENGE: Zwa Franzosen! Reden S’ deutsch! Hauts es! Mir san in Wean! (Die Tärken flüchten in das Durchhaus.) Loßts es gehn! Mir san net aso! Dös war ja türkisch! Sechts denn net, die ham ja an Fez! Dös san Bundesgenossen! Holts es ein und singts den Prinz Eugen!

(Zwei Chinesen treten schweigend auf.)

DIE MENGE: Japaner san do! Japaner san a no in Wean! Aufhängen sollt ma die Bagasch bei ihnare Zöpf!

EINER: Loßts es gehn! Dös san ja Kineser!

ZWEITER: Bist selber a Kineser!

DER ERSTE: ‘leicht du!

DRITTER: Alle Kineser san Japaner!

VIERTER: San Sö vielleicht a Japaner?

DRITTER: Na.

VIERTER: Na olstern, aber a Kineser san S’ do! (Gelächter.)

FÜNFTER: Oba oba oba wos treibts denn, habts denn net in der Zeitung g’Iesen, schauts her, da stehts (er zieht ein Zeitungsblatt hervor) »Derartige Ausschreitungen des Patriatismus können in keener Weisee geduldeet werden und sind überdies geeigneet, den Fremdenverkehr zu schädigeen«. Wo soll sich denn da nacher ein Fremdenverkehr entwickeln, wo denn, no olstern!

SECHSTER: Bravo! Recht hot er! Der Fremdenverkehr, wann mr eahm hebn wolln, das is schwer, das is net aso –

SIEBENTER: Halts Maul! Krieg is Krieg und wann einer amerikanisch daherredt oder türkisch oder so –

ACHTER: So is. Jetzt is Krieg und da gibts keine Würschtel! (Eine Dame mit leichtem Anflug von Schnurrbart ist aufgetreten.)

DIE MENGE: Ah do schauts her! Das kennt ma schon, ein verkleideter Spion! Varhaften! Einspirn stantape!

EIN BESONNENER: Aber meine Herren – bedenken Sie – sie hätte sich doch rasieren lassen!

EINER AUS DER MENGE: Wer?

DER BESONNENE: Wenn sie ein Spion wäre.

EIN ZWEITER AUS DER MENGE: Drauf hat er vergessen! So hat er sich gfangt!

RUFE: Wer? – Er! – No sie!

EIN DRITTER: Das is eben die List von denen Spionen!

EIN VIERTER: Damit mrs net mirkt, daß Spionen san, lassen s’ ihnern Bart stehn!

EIN FÜNFTER: Redts net so dalkert daher, das is ein weiblicher Spion und damit mrs net mirkt, hat s’ an Bart aufpappt!

EIN SECHSTER: Das is ein weiblicher Spion, was sich für ein Mannsbild ausgeben tut!

EIN SIEBENTER: Nein, das is ein Mannsbild, was sich für ein weiblichen Spion ausgeben tut!

DIE MENGE: Jedenfalls ein Vardächtiger, der auf die Wachstubn ghört! Packts eahm!

(Die Dame wird von einem Wachmann abgeführt. Man hört die »Wacht am Rhein« Die Wacht am Rhein – »Es braust ein Ruf wie Donnerhall …« patriotisches Lied aus dem Krieg 1870/71 singen.)

DER ERSTE REPORTER (hält ein Notizblatt in der Hand): Das war kein Strohfeuer trunkener Augenblicksbegeisterung, kein lärmender Ausbruch ungesunder Massenhysterie. Mit echter Männlichkeit nimmt Wien die schicksalsschwere Entscheidung auf, Wissen Sie, wie ich die Stimmung zusammenfassen wer’? Die Stimmung läßt sich in die Worte zusammenfassen: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche. Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche, dieses Wort, das wir für die Grundstimmung Wiens geprägt haben, kann man nicht oft genug wiederholen. Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche! Also was sagen Sie zu mir?

DER ZWEITE REPORTER: Was soll ich sagen? Glänzend!

DER ERSTE: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche. Tausende und Abertausende sind heute durch die Straßen gewallt, Arm in Arm, Arm und Reich, Alt und Jung, Hoch und Nieder. Die Haltung jedes Einzelnen zeigte, daß er sich des Ernstes der Situation vollauf bewußt ist, aber auch stolz darauf, den Pulsschlag der großen Zeit, die jetzt hereinbricht, an seinem eigenen Leib zu fühlen.

EINE STIMME AUS DER MENGE: Lekmimoasch!

DER REPORTER: Hören Sie, wie immer aufs neue der Prinz-Eugen-Marsch erklingt und die Volkshymne und ihnen gesellt sich wie selbstverständlich die Wacht am Rhein im Zeichen der Bundestreue. Früher als sonst hat heute Wien Feierabend gemacht. Daß ich nicht vergeß, wir müssen besonders schildern, wie sich das Publikum vor dem Kriegsministerium massiert hat. Aber vor allem, nicht vergessen erwähnt zu werden darf – raten Sie.

DER ZWEITE: Ob ich weiß! Nicht vergessen erwähnt zu werden darf, wie sie zu Hunderten und Aberhunderten sich in der Fichtegasse vor dem Redaktionsgebäude der Neuen Freien Presse massiert haben.

DER ERSTE: Kopp was Sie sind. ja, das hat er gern der Chef. Aber was heißt Hunderte und Aberhunderte? Ausgerechnet! Sagen Sie gleich Tausende und Abertausende, was liegt Ihnen dran, wenn sie sich schon massieren.

DER ZWEITE: Gut, aber wenn man es nur nicht als feindliche Demonstration auffassen wird, weil das Blatt letzten Sonntag, wo doch schon die große Zeit war, noch so viel Annoncen von Masseusen gebracht hat?

DER ERSTE: In einer so großen Zeit ist eine so kleinliche Auffassung ausgeschlossen. Überlassen Sie das der Fackel. Alle haben sie dem Blatt zugejubelt. Es erschollen stürmische Rufe: Vorlesen! Vorlesen! und das hat sich selbstredend auf Belgrad bezogen. Dann haben sie tosende Hochrufe ausgebracht –

DER ZWEITE: Tosende und abertosende Hochrufe –

DER ERSTE: – und zwar auf Österreich, auf Deutschland und auf der Neuen Freien Presse. Die Reihenfolge war für uns nicht gerade schmeichelhaft, aber es war doch sehr schön von der begeisterten Menge. Den ganzen Abend is sie, wenn sie nicht gerade vor dem Kriegsministerium zu tun gehabt hat oder auf dem Ballplatz, is sie in der Fichtegasse Kopf an Kopf gedrängt gestanden und hat sach massiert.

DER ZWEITE: Wo nur die Leut die Zeit hernehmen, staune ich immer.

DER ERSTE: Bittsie, die Zeit is so groß, daß dazu genug Zeit bleibt! Also die Nachrichten des Abendblatts wurden immer und immer wieder erörtert und durchgesprochen. Von Mund zu Mund ging der Name Auffenberg. Auffenberg – öserr. Politiker, 1911/12 Kriegsminister

DER ZWEITE: Wieso kommt das?

DER ERSTE: Das kann ich Ihnen erklären, es is ein Redaktionsgeheimnis, sagen Sie’s erst, bis Friede is. Also Roda Roda Roda Roda – österr. Schriftsteller, † 1945, im 1. Weltkrieg Berichterstatter im Kriegspressequartier hat doch gestern dem Blatt telegraphiert über die Schlacht bei Lemberg und am Schluß vom Telegramm stehn die Worte: Lärm machen für Auffenberg! Das war schon gesetzt. Im letzten Moment hat man ‘s noch bemerkt und herausgenommen, dann aber hat man ja Lärm gemacht für Auffenberg!

DER ZWEITE: Die Hauptsache sind jetzt die Straßenbilder. Von jedem Eckstein, wo ein Hund demonstriert, will er ein Straßenbild haben. Gestern hat er mich rufen lassen und hat gesagt, ich soll Genreszenen beobachten. Aber grad das is mir unangenehm, ich laß mich nicht gern in ein Gedränge ein, gestern hab ich die Wacht am Rhein mitsingen müssen – kommen Sie weg, hier geht’s auch schon zu, sehn Sie sich nur die Leut an, ich kenne diese Stimmung, man is auf einmal mitten drin und singt Gott erhalte.

DER ERSTE: Gott beschütze! Sie haben recht – wozu man selbst dabei sein muß, seh ich auch nicht ein, man verliert nur Zeit, man soll drüber schreiben, stattdem steht man herum. Was ich sagen wollte, sehr wichtig is zu schildern, wie sie alle entschlossen sind und da und dort reißt sich einer los, er will ein Scherflein beitragen um jeden Preis. Das kann man sehr plastisch herausbringen. Gestern hat er mich rufen lassen und hat gesagt, man muß dem Publikum Appetit machen auf den Krieg und auf das Blatt, das geht in einem. Sehr wichtig sind dabei die Einzelheiten und die Details, mit einem Wort die Nuancen und speziell die Wiener Note. Zum Beispiel muß man erwähnen, daß selbstredend jeder Standesunterschied aufgehoben war und zwar sofort – aus Automobile haben sie gewinkt, sogar aus Equipagen. Ich hab beobachtet, wie die Dame in der Spitzentoilette aus dem Auto gestiegen is und der Frau mit dem verwaschenen Kopftuch is sie um den Hals gefallen. Das geht schon so seit dem Ultimatum, alles is ein Herz und eine Seele.

STIMME EINES KUTSCHERS: Fahr füra Rabasbua Rabasbua – Spitzbube, Halunke vadächtiga –!

DER ZWEITE REPORTER: Wissen Sie, was ich beobachtet hab? Ich hab beobachtet, wie sich Gruppen gebildet haben.

DER ERSTE: No und –?

DER ZWEITE: Und ein Student hielt eine Ansprache, daß jedermann seine Pflicht erfüllen muß, dann hat sich einer aus einer Gruppe gelöst und hat gesagt: »Besser so!«

DER ERSTE: Nicht übel. Ich kann nur konstatieren, ein großer Ernst breitet sich über der Stadt aus, und dieser Ernst, gemildert von Gehobenheit und dem Weltgeschichtsbewußtsein drückt sich in allen Mienen aus, in denen der Männer, die schon mitmüssen, in denen derer, die noch dableiben –

EINE STIMME: Lekmimoasch!

DER ERSTE: – und in den Mienen jener, denen eine so hohe Aufgabe zuteil wird. Vorbei die bequeme Lässigkeit, die genußfrohe Gedankenlosigkeit; die Signatur ist schicksalsfroher Ernst und stolze Würde. Die Physiognomie unserer Stadt hat sich mit einem Schlage verändert.

EIN PASSANT (zu seiner Frau): Du kannst von mir aus in die Josefstadt gehn, ich geh an die Wien!

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Vormarsch der Österreicher! Alle Stellungen genohmen!

DIE FRAU: Mir is schon mies vor »Husarenblut«.

DER ERSTE REPORTER: Nirgends eine Spur von Beklommenheit und Gedrücktheit, nirgends fahrige Nervosität und von des Gedankens Blässe angekränkelte Sorge. Aber ebensowenig leichtherzige Unterschätzung des Ereignisses oder törichte, gedankenlose Hurrastimmung.

DIE MENGE: Hurra, a Deitscher! Nieda mit Serbieen!

DER ERSTE REPORTER: Schaun Sie her, südliche Begeisterungsfähigkeit, gelenkt und geregelt von deutschem Ernst. Das beobacht ich für die City. Sie können für die Leopoldstadt eine aufgeregtere Note wählen.

DER ZWEITE: Fallt mir nicht ein, ich bin auch mehr für abgeklärtere Stimmungen. Da und dort sieht man, wer ich sagen, einen weißköpfigen Greis, der sinnend entfernter Jugendtage gedenkt, oder ein gebeugtes Mütterchen, das mit zitternder Hand Abschiedsgruß und Segenswunsch winkt. Einer merkt man an, daß sie um einen Sohn oder Gatten bange. Drehn Sie sich um, da können Sie sehn wie sie winken, sie winken effektiv. (Ein Trupp Knaben mit Tschako Tschako – militärische Kopfbedeckung und Holzsäbel zieht vorbei und singt: Wer will unter die Soldaten – der ließ schlagen eine Brucken –)

DER ERSTE: Notieren Sie: Eine hübsche Genreszene. Überhaupt müssen wir trachten, möglichst viel vom Volk zu sagen, der Chef hat erst heute geschrieben, es is die Quelle, in der wir das Gemüt erfrischen.

EINE GRUPPE (singend):

Die Russen und die Serben
die hauen wir in Scherben!
Hoch! Nieda! Schauts die zwa Juden an!

DER ZWEITE REPORTER: Sie, ich hab keine Lust mehr, Genreszenen zu beobachten. Soll er sein Gemüt an der Quelle erfrischen gehn, wenn er sich traut. Ich bin lieber weit entfernt –

DER ERSTE: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche, dieses Wort, das wir für die Grundstimmung Wiens geprägt haben – (beide schnell ab.)

(Es entsteht eine Bewegung. Ein junger Mann hat einer alten Frau die Handtasche gestohlen. Die Menge nimmt Stellung gegen die Frau.)

EINE WEIBLICHE STIMME: Ja meine Liebe, jetzt is Krieg, das is net wie im Frieden, da muß schon jeder was hergeben, mir san in Wien!

POLDI FESCH (zu seinem Begleiter): Gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat Kolowrat – Alexander (Sascha) Kolowrat, Begründer der österr. Filmindustrie gedraht, heut – (ab.)

(Es treten auf zwei Verehrer der Reichspost.)

DER ERSTE VEREHRER DER REICHSPOST: Kriege sind Prozesse der Läuterung und Reinigung, sind Saatfelder der Tugend und Erwecker der Helden. Jetzt sprechen die Waffen!

DER ZWEITE VEREHRER DER REICHSPOST: Endlich! Endlich!

DER ERSTE: Kriege sind ein Segen nicht nur um der Ideale willen, die sie verfechten, sondern auch um der Läuterung willen, die sie dem Volke bringen, das sie im Namen der höchsten Güter führt. Friedenszeiten sind gefährliche Zeiten. Sie bringen allzuleicht Erschlaffung und Veräußerlichung.

DER ZWEITE: Der einzelne Mensch braucht doch halt auch a wengerl Kampf und Sturm.

DER ERSTE: Besitz, Ruhe, Genuß darf für nichts erachtet werden, wo die Ehre des Vaterlandes alles bedeuten muß. So sei der Krieg, in den unser Vaterland verwickelt wurde –

DER ZWEITE: – so sei der Krieg, der Sühne für Frevel und Garantien für Ruhe und Ordnung will, mit ganzem Herzen erfaßt und gesegnet.

DER ERSTE: Auskehrn mit eiserner Faust!

DER ZWEITE: In Prag, Brünn und Budweis – überall jubeln s’ den kaiserlichen Entschließungen zu.

DER ERSTE: In Serajevo haben s’ Gott erhalte Gott erhalte Franz den Kaiser – österr. Nationalhymmne gsungen.

DER ZWEITE: In Treue steht Italien Österreich zur Seite.

DER ERSTE: Fürst Alfred Windischgrätz Windischgrätz – Alfred Fürst zu Windischgrätz, 1897 bis 1918 Präsident des österr. Herrenhauses, † 1927 hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet.

DER ZWEITE: Seine Majestät hat während des ganzen Tages in angestrengtester Weise gearbeitet.

DER ERSTE: Am 27. zwischen 12 und 1 Uhr wurde im Postsparkassenamt die finanzielle Vorsorge für den Krieg getroffen.

DER ZWEITE: Die Approvisionierung Approvisionierung – Versorgung mit Lebensmitteln Wiens für die Kriegsdauer wurde vom Bürgermeister gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten und dem Ackerbauminister gesichert.

DER ERSTE: Hast glesen? Keine Teuerung durch den Krieg.

DER ZWEITE: Das is gscheit!

DER ERSTE: In unentwegter Treue –

DER ZWEITE: – huldigen wir unserem geliebten alten Kaiser.

DER ERSTE: Der Weiskirchner Weiskirchner – Richard Weiskirchner, 1912 bis 1919 Bürgermeister Wiens, † 1926 hat gsagt, meine lieben Wiener, ihr lebt eine große Zeit mit.

DER ZWEITE: Noja, es is keine Kleinigkeit!

DER ERSTE: Wir gedenken auch des Bundesgenossen in schimmernder Wehr, hat er gsagt.

DER ZWEITE: Die Huldigung der kaisertreuen Bevölkerung habens bereits an den Stufen des allerhöchsten Thrones niederglegt.

DER ERSTE: Am allerhöchsten Hoflager in Ischl.

DER ZWEITE: Wirst sehn, der Krieg wird eine Renaissance österreichischen Denkens und Handelns heraufführen, wirst sehn. Ramatama! Ramatama – salopp »das machen wir«

DER ERSTE: Höchste Zeit, daß amal a Seelenaufschwung kommt! Rrtsch – obidraht!

DER ZWEITE: Ein Stahlbad brauch ‘mr! Ein Stahlbad!

DER ERSTE: Bist schon einrückend gmacht?

DER ZWEITE: Woher denn, enthoben! Und du?

DER ERSTE: Untauglich.

DER ZWEITE: Ein erleichtertes Aufatmen geht durch unsere Bevölkerung! Dieser Krieg – (ab.)

(Man hört den Gesang vorbeiziehender Soldaten: In der Heimat, in der Heimat da gibts ein Wiedersehn –)

EIN ALTER ABONNENT DER NEUEN FREIEN PRESSE (im Gespräch mit dem ältesten): Intressant steht heute im Leitartikel, wie der serbische Hof und wie sie alle aus Belgrad fort müssen. (Er liest vor.) »Wien ist heute Abend nicht die Stadt gewesen, die vereinsamt dem Hofe, der Regierung und den Truppen keine sichere Stätte geboten hat. Belgrad war es.«

DER ÄLTESTE ABONNENT: Goldene Worte. So etwas tut einem wohl zu hören und man spürt doch bißl eine Genugtuung.

DER ALTE ABONNENT: Allerdings könnte man einwenden, daß Wien momentan von den Serben weiter weg is wie Belgrad von den Österreichern, weil ja Belgrad direkt visavis liegt von Seinlin, während Wien nicht direkt visavis liegt von Belgrad, und weil sie schon zu schießen anfangen von Semlin auf Belgrad, während sie von Belgrad nicht herüberschießen können gottlob auf Wien.

DER ÄLTESTE ABONNENT: Ich kann Ihrem Gedankengang folgen, aber wohin führt das? Wie immer man die Situation ansieht, muß man zu dem Resultat kommen, daß das was er im Leitartikel sagt wahr ist. Daß nämlich in Wien der Hof und überhaupt alles bleiben kann wie es ist und in Belgrad nicht. Oder ist es vielleicht nicht wahr? Mir scheint Sie sind etwas ein Skeptiker?

DER ALTE ABONNENT: Was heißt wahr? Es ist geradezu unbestreitbar und noch nie hab ich die Empfindung gehabt, daß er so recht hat wie er dasmal recht hat. Denn wo er recht hat, hat er recht. (Sie gehen ab.)

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: – Lemberg noch in unserem Besitzee!

VIER BURSCHEN UND VIER MÄDCHEN ARM IN ARM – Er ließ schlageen eene Bruckn daaß man kont hiniebaruckn Stadtunfestung Belgerad –

DIE MENGE: Hoch! (Fritz Werner tritt auf und dankt grüßend.)

FRÄULEIN KÖRMENDY: Weißt du was, geh du jetzt zu ihm und bitt ihm.

FRÄULEIN LÖWENSTAMM (nähert sich): Ich bin nämlich eine große Verehrerin und möcht um ein Autogramm –

( Werner zieht einen Notizblock, beschreibt ein Blatt und überreicht es ihr. Ab.)

So lieb war er.

FRÄULEIN KÖRMENDY: Hat er dich angeschaut? Komm weg aus dem Gedränge, alles wegen dem Krieg. Ich schwärm nur für den Storm! (Ab.)

EIN PÜLCHER: Serwas Franz, wo gehst denn hin?

EIN ZWEITER PÜLCHER: Auxtrois Franzois. auxtr… – frz. zu den drei Franzen

DER ERSTE: Wohin?

DER ZWEITE: Auxtrois Franzois. Dem Hutterer die Auslagen einschlagen, wann er die Tafel net weggibt. I hab ein Viechszurn in mir!

DER ERSTE: Hast schon recht, das is ein Schtandal is das.

DER ZWEITE – Wo ich ein »Modes« seh, tippel i’s eini! (Geht in Raserei ab.)

DER ERSTE: Serwas Pepi, wo gehst denn hin?

EIN DRITTER: I geh ein Scherflein beitragen.

DER ERSTE: A hörst, was du für an Gemeinsinn betätingern tust –

DER DRITTE: Wos? An Gemeinsinn? Du, dös sagst mr riet no amol, mir net – (haut ihm eine Ohrfeige herunter.)

RUFE AUS DER MENGE: Do schaut’s her! Schamen S’ Ihna! Wer is denn der? San Sö vielleicht der Nikolajewitsch? Nikolajewitsch – Nikolai Nikolajewitsch, 1914 russischer Oberbefehlshaber, † 1929

EINER AUS DER MENGE: Wos die Leut für an Gemeinsinn betätingern mitten im Krieg, das sollt man wirkli net für möglich haltn!

(zwei Agenten treten auf.)

DER ERSTE AGENT: Also heut zum erstenmal, Sie, Gold gab ach für Eisen.

DER ZWEITE: Sie? Das können Sie wem andern einreden. Sie haben gegeben! Aufgewachsen –

DER ERSTE: Wer sagt, ich hab gegeben? Verstehn Sie nicht deutsch? Ich seh da drüben den Zettel von der Premier’ heut: Gold gab ich für Eisen, ich möcht gehn.

DER ZWEITE: Gut, geh ich auch! Jetzt is überhaupt am intressantesten. Gestern hat bei der Csardasfürstin die Gerda Walde die Extraausgab vorgelesen von die vierzigtausend Russen am Drohtverhau – hätten Sie hören solln den Jubel, zehnmal is wenig, daß sie is gerufen worn.

DER ERSTE: Warn schon Verwundete??

DER ZWEITE: Auch! Jetzt is überhaupt am intressantesten. Kürzlich is einer neben mir gesessen. Was war da nur? Ja – Ich hatt einen Kameraden.

DER ERSTE: Sie??

DER ZWEITE: Wer sagt, ich? Das is von Viktor Leon!

DER ERSTE: Guut??

DER ZWEITE: Bombenerfolg!

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Belgraad bombadiert –!
(Verwandlung.)
2. Szene

Südtirol. Vor einer Brücke. Ein Automobil wird angehalten. Der Chauffeur weist den Fahrtausweis vor.

DER LANDSTURMMANN: Grüaß Good die Herrschaften! Derf ich bitten –

DER NÖRGLER: Endlich einmal ein freundlicher Mann. Die andern sind alle so rabiat und legen gleich an –

DER LANDSTURMMANN: Jo ‘s is zwegn an ruassischen Automobüll mit Gold, no und da –

DER NÖRGLER: Aber ein Automobil, das halten will, kann doch nicht auf die Sekunde halten, sondern rollt noch ein paar Meter da kann ja das größte Unglück passieren.

DER LANDSTURMMANN (in Rage): Jo – wonn eins net holten tuat – da schiaß ma alls zsamm – schiaß ma alls zsamm –.schiaß ma alls – (Das Automobil fährt weiter.)
(Verwandlung.)
Hinter der Brücke. Ein Heerhaufen um das Automobil. Der Chauffeur weist den Fahrtausweis vor.

EIN SOLDAT (mit angelegtem Gewehr): Halt!

DER NÖRGLER: Der Wagen steht doch schon. Warum ist denn der Mann so rabiat?

DER HAUPTMANN (in Raserei): Er erfüllt seine Pflicht. Wenn er nur im Feld rabiat is mit’n Feind, so is scho recht!

DER NÖRGLER: Ja, aber wir sind ja doch nicht –

DER HAUPTMANN: Krieg is Krieg! Basta! (Das Automobil fährt weiter.)
(Verwandlung.)
Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

DER OPTIMIST: Da können Sie von Glück sagen. In Steiermark ist eine Rote-Kreuz-Schwester, deren Automobil noch ein paar Meter gerollt ist, erschossen worden.

DER NÖRGLER: Dem Knecht ist Gewalt gegeben. Das wird seine Natur nicht vertragen.

DER OPTIMIST: Übergriffe untergeordneter Organe werden im Kriege leider nicht zu vermeiden sein. In solcher Zeit muß aber jede Rücksicht dem einen Gedanken untergeordnet werden: zu siegen.

DER NÖRGLER: Die Gewalt, die dem Knecht gegeben ward, wird nicht ausreichen, um mit dem Feind, wohl aber um mit dem Staat fertig zu werden.

DER OPTIMIST: Militarismus bedeutet Vermehrung der Staatsordnung durch Gewalt, um –

DER NÖRGLER: – durch das Mittel zur schließlichen Auflösung zu führen. Im Krieg wird jeder zum Vorgesetzten seines Nebenmenschen. Das Militär ist Vorgesetzter des Staates, dem kein anderer Ausweg aus dem widernatürlichen Zwang bleibt als die Korruption. Wenn der Staatsmann den Militärmann über sich schalten läßt, so ist er der Faszination durch ein Idol der Fibel erlegen, das seine Zeit überlebt hat und von der unsern nicht mehr ungestraft in Leben und Tod übersetzt wird. Militärische Verwaltung ist die Verwendung des Bocks als Obergärtner und die Verwandlung des Gärtners zum Bock.

DER OPTIMIST: Ich weiß nicht, was Sie zu dieser düsteren Prognose berechtigt. Sie schließen offenbar, wie schon immer im Frieden, von unvermeidlichen Begleiterscheinungen auf das Ganze, Sie gehen von zufälligen Ärgernissen aus, die Sie für Symptome nehmen. Die Zeit ist viel zu groß, als daß wir uns mit Kleinigkeiten abgeben könnten.

DER NÖRGLER: Aber sie werden mit ihr wachsen!

DER OPTIMIST: Das Bewußtsein, in einer Epoche zu leben, in der so gewaltige Dinge geschehen, wird auch den Geringsten über sich selbst erheben.

DER NÖRGLER: Die kleinen Diebe, die noch nicht gehängt wurden, werden große werden, und man wird sie laufen lassen.

DER OPTIMIST: Was auch der Geringste durch den Krieg gewinnen wird, ist –

DER NÖRGLER: – Provision. Wer die Hand aufhält, wird auf Narben zeigen, die er nicht hat.

DER OPTIMIST: Wie der Staat, der für sein Prestige den unvermeidlichen Verteidigungskampf auf sich nimmt, Ehre gewinnt, so auch jeder einzelne, und was durch das jetzt vergossene Blut in die Welt kommen wird, ist –

DER NÖRGLER: Schmutz.

DER OPTIMIST: Ja, Sie, der Sie ihn überall gesehen haben, fühlen, daß Ihre Zeit um ist! Verharren Sie nur nörgelnd wie eh und je in Ihrem Winkel – wir anderen gehen einer Ära des Seelenaufschwunges entgegen! Merken Sie denn nicht, daß eine neue, eine große Zeit angebrochen ist?

DER NÖRGLER: Ich habe sie noch gekannt, wie sie so klein war, und sie wird es wieder werden.

DER OPTIMIST: Können Sie jetzt noch negieren? Hören Sie nicht den Jubel? Sehen Sie nicht die Begeisterung? Kann ein fühlendes Herz sich ihr entziehen? Sie sind das einzige. Glauben Sie, daß die große Gemütsbewegung der Massen nicht ihre Früchte tragen, daß diese herrliche Ouvertüre ohne Fortsetzung bleiben wird? Die heute jauchzen –

DER NÖRGLER: – werden morgen klagen.

DER OPTIMIST: Was gilt das einzelne Leid! So wenig wie das einzelne Leben. Der Blick des Menschen ist endlich wieder emporgerichtet. Man lebt nicht nur für materiellen Gewinn, sondern auch –

DER NÖRGLER: – für Orden.

DER OPTIMIST: Der Mensch lebt nicht vom Brote allein.

DER NÖRGLER: Sondern er muß auch Krieg führen, um es nicht zu haben.

DER OPTIMIST: Brot wirds immer geben! Wir leben aber von der Hoffnung auf den Endsieg, an dem nicht zu zweifeln ist und vor dem wir –

DER NÖRGLER: Hungers sterben werden.

DER OPTIMIST: Welch ein Kleinmut! Wie beschämt werden Sie einst dastehn! Verschließen Sie sich nicht, wo Feste gefeiert werden! Die Pforten der Seele sind aufgetan. Das Gedächtnis der Tage, in denen das Hinterland wenn auch nur durch Empfang des täglichen Berichtes Anteil an den Taten und Leiden einer glorreichen Front nahm, wird der Seele –

DER NÖRGLER: – keine Narbe zurücklassen.

DER OPTIMIST: Die Völker werden aus dem Kriege nur lernen –

DER NÖRGLER: – daß sie ihn künftig nicht unterlassen sollen.

DER OPTIMIST: Die Kugel ist aus dem Lauf und wird der Menschheit –

DER NÖRGLER: – bei einem Ohr hinein und beim andern hinausgegangen sein!
(Verwandlung.)

Am Ballhausplatz

GRAF LEOPOLD FRANZ RUDOLF ERNEST VINZENZ INNOCENZ MARIA: Das Ultimatum war prima! Endlich, endlich!

BARON EDUARD ALOIS JOSEF OTTOKAR IGNAZIUS EUSEBIUS MARIA: Foudroyant! No aber auf ein Haar hätten sie’s angenommen.

DER GRAF: Das hätt mich rasend agassiert. agassieren – frz. ärgern Zum Glück hab’n wir die zwei Punkterln drin ghabt, unsere Untersuchung auf serbischem Boden und so – na dadrauf sinds halt doch nicht geflogen. Haben ‘s sich selber zuzuschreiben jetzt, die Serben.

DER BARON: Wann mans recht bedenkt – wegen zwei Punkterln – und also wegen so einer Bagatell is der Weltkrieg ausgebrochen! Rasend komisch eigentlich.

DER GRAF: Dadrauf hab’n wir doch nicht verzichten können, daß wir die zwei Punkterln verlangt hab’n. Warum hab’n sie sich kapriziert, die Serben, daß sie die zwei Punkterln nicht angnommen haben?

DER BARON: No das war ja von vornherein klar, daß sie das nicht annehmen wern.

DER GRAF: Das hab’n wir eben vorher gewußt. Der Poldi Berchtold Berchtold – Leopold Graf Berchtold, 1912/1915 österr. Außenminister, formulierte das Ultimatum an Serbien is schon wer, da gibts nix. Da is auch nur eine Stimme in der Gesellschaft. Enorm! Ich sag dir – ein Hochgefühl! Endlich, endlich! Das war ja nicht mehr zum Aushalten. Auf Schritt und Tritt war man gehandicapt. No das wird jetzt ein anderes Leben wern! Diesen Winter, stantepeh nach Friedensschluß, fetz ich mir die Riviera heraus.

DER BARON. Ich wer schon froh sein, wenn wir uns die Adria herausfetzen.

DER GRAF: Mach keine Witz. Die Adria ist unser. Italien wird sich nicht rühren. Ich sag dir, also nach Friedensschluß –

DER BARON: No wann glaubst wird Frieden sein?

DER GRAF: In zwei, allerspätestens drei Wochen schätz ich.

DER BARON: Daß ich nicht lach.

DER GRAF: No was denn, mit Serbien wern wir doch spielend fertig, aber spielend, mein Lieber – wirst sehen, wie gut sich unsere Leute schlagen. Schon allein die Schneid von unsere Sechser-Dragoner! Ein paar von der Gesellschaft soll’n schon direkt an der Front sein, du! No und unsere Artillerie – also prima. Rasend präzis arbeitend!

DER BARON: No und Rußland?

DER GRAF: Der Ruß wird froh sein, wenn er a Ruh hat. Verlaß dich auf’n Conrad, der weiß schon, warum er sie in Lemberg hineinlaßt. Wenn wir erst in Belgrad sind, wendet sich das Blatt. Der Potiorek Potiorek – Oskar Potiorek, österr. General, Herbst bis Dez. 1914 Oberkommandierender der Balkanstreitkräfte is prima! Ich sag dir, die Serben gehn rasend ein. Alles andere macht sich automatisch.

DER BARON: No wann glaubst also im Ernst –

DER GRAF: In drei, vier Wochen is Frieden.

DER BARON: Du warst immer ein rasender Optimist.

DER GRAF: No also bitte, wann?

DER BARON: Vor zwei, drei Monat nicht zu machen! Wirst sehn. Wenns gut geht, in zwei. Da muß ‘s aber schon sehr gut gehn, mein Lieber!

DER GRAF: No da möcht ich doch bitten – das wär aber schon grauslich fad. Das wär aber charmant, du! Ginget ja schon wegen der Ernährung nicht. Neulich hat mir die Sacher gsagt – Also du glaubst doch nicht, daß sich das mit die Ernährungsvorschriften halten wird? Sogar beim Demel Demel – Wiener Café fangen s’ schon an mit’n Durchhalten – das sind ja charmante Zustände – man schränkt sich ohnedem ein, wo man kann, aber auf die Dauer – Lächerlich, gibts nicht! Oder meinst?

DER BARON: Du kennst ja meine Ansicht. Ich halt nicht viel vom Hinterland. Wir sind schließlich keine Piffkes, Piffke – österr. abschätzig für Deutsche, Preußen wenn wir auch gezwungen sind, mit ihnen – erst gestern sprich ich mit dem Putzo Wurmbrand, weißt der was die Maritschl Palffy hat, er is doch die rechte Hand vom Krobatin, Krobatin – Alexander Freiherr von Krobatin, 1912/1917 Kriegsminister also ein Patriot prima – sagt er, wann man einen Verteidigungskrieg anfangt – verstehst, der hat sich das nämlich speziell entetiert, sich entetieren – frz. sich etwas in den Kopf setzen das mit’n Verteidigungskrieg –

DER GRAF: No – bitte – is es vielleicht kein Verteidigungskrieg? Du bist ein Hauptdefaitist, hör auf! In welcher Zwangslage wir waren, hast du schon vergessen, daß wir soit disant soi disant – frz sozusagen gezwungen waren zum Losschlagen wegen dem Prestige und so – also das kommt mir vor – erlaub du mir – hast die Einkreisung vergessen? – erst gestern sprich ich mit dem Fipsi Schaffgotsch, der, wo sie eine Bellgard’ is, weißt er is bißl gschupft, aber ausgesprochen sympathisch – also was hab ich sagen woll’n – ja – also waren wir vielleicht nicht gezwungen, uns von die Serben bei Temes-Kubin Temes-Kubin – Angriffsstellung der österr. Truppen vor Belgrad angreifen zu lassen, um –

DER BARON: Wieso?

DER GRAF: Wieso? Geh, stell dich nicht – also du weißt doch selber am besten, daß ein serbischer Angriff bei Temes-Kubin notwendig war – ich mein’, wir hab’n doch losschlagen müssen –

DER BARON: No das selbstredend!

DER GRAF: No also, hätt man das sonst nötig? Grad so wie die Deutschen mit die Bomben auf Nürnberg! Nürnberg – Falschmeldung der deutschen Kriegspropaganda, die Franzosen hätten in der Umgebung Nürnbergs am 2. August Bomben abgeworfen Also – erlaub du mir – also wenn das kein Verteidigungskrieg is, du!

DER BARON: Aber bitte, hab ich was gsagt? Du weißt, ich speziell war von allem Anfang für die Kraftprobe, notabene wann s’ eh die letzte is. Der Ausdruck dafür is mir putten. Verteidigungskrieg – das klingt rein so, als ob man sich so gwiß entschuldigen müßt. Krieg is Krieg, sag ich.

DER GRAF: No ja, da hast recht. Was, der Poldi Berchtold! Er is und bleibt ein rasend fescher Bursch. Da kann man sagen, was man will. Oho, auch zu unserm Gschäft ghört Schneid, und die muß man ihm lassen! Wie er den Herrschaften nach Ischl ausgrutscht is – die hätten womöglich noch das Ultimatum verhindern wolln! Er aber – also das war enorm! Ein Treffer nach’m andern!

DER BARON: Epatant! Hätt nicht geglaubt, daß ‘s ihm so gelingen wird. Er haltet sich die Leut vom Leib. Dem Poldi Berchtold seine Politik war schon bei der Reduzierung vom Begräbnis zu spüren, wie er den russischen Großfürsten ausgeschaltet hat.

DER GRAF: Natürlich. Daß sich dann Rußland doch hineingemischt hat, war nicht seine Schuld. Wann ‘s nach ihm gegangen wär’, wär’ der Weltkrieg auf Serbien lokalisiert geblieben. Weißt, was der Poldi Berchtold hat? Der Poldi Berchtold hat das, was ein Diplomat in einem Weltkrieg vor allem haben muß: savoir vivre! savoir vivre – frz. feine Lebensart Das hat mir rasend imponiert, wie er den Vorschlag von die englischen Pimpfe einfach zwischen die Rennprogramm steckt – also daß wir Belgrad mit ihrer gütigen Erlaubnis besetzen soll’n – heuchlerische Söldnerbande das – und wie er drauf in den Klub hinaufkommt, weißt noch, schaut uns so gwiß an und sagt: Jetzt hat die Armee ihren Willen! Damals war er dir montiert, du! Das wirst du mir zugeben – eine Kleinigkeit war das nicht, nämlich in so einer schicksalsschweren Stunde –

(Man hört aus dem Nebenzimmer ein Klingeln und hierauf)

DIE STIMME BERCHTOLDS: Aähskaffee! (Man hört eine Tür schließen.)

DER BARON: Also bitte – um halb zwölf! Also bitte – um halb zwölf verlangt er schon seinen Eiskaffee! Nein, das tentiert mich, daß ich einmal – also bitte, da muß ich schon sagen – Eiskaffee is wirklich seine starke Seite!

DER GRAF: Das is vielleicht die einzige Schwäche, die er hat! Er adoriert Eiskaffee! Aber das muß man auch zugeben, der Eiskaffee vom Demel – also ideal!

DER BARON: Du, eine Sonne is heut draußen – also prima!

DER GRAF (öffnet ein Kuvert des Korrespondenzbüros und liest): – Noch ist Lemberg in unserem Besitze.

DER BARON: No also!

DER GRAF: Der Poldi Berchtold – verstehst du (indem er den weiteren Text der Nachricht murmelt) – zurückgenommen – ach was, immer dasselbe – agassant – wachst einem schon zum Hals heraus – (zerknüllt das Papier) – was ich sagen wollte – je länger ich die Situation überlege – alles in allem – heut könnt man mit der Steffi draußen soupieren.
(Verwandlung.)
Vor einem Friseurladen in der Habsburgergasse. Eine Menschenmenge in größter Erregung.

DIE MENGE: Nieda! Hauts alles zsamm!

EINER (der zu beschwichtigen sucht): Aber Leutln, der Mann hat ja nix tan! Der Geigenhändler von nebenan, der is sein Feind –

DER GEIGENHÄNDLER (haranguiertharangieren – frz. ansprechen, anredendie Menge): Er is ein Serb! Er hat sich eine Äußerung zuschulden kommen lassen. Gegen eine hochstehende Persönlichkeit! Ich habs eigenhändig ghört!

DER FRISEUR (die Hände ringend): Ich bin unschuldig – ich bin Hoffriseur – wo wird mir denn einfallen –

ZWEITER AUS DER MENGE: Das siacht ma ja schon am Namen, daß er ein Serb is, hauts eahm die Seifenschüsseln übern Schädel –

DRITTER: Seifts’n ein! Nieda! Nieda mit dem serbischen Gurgelabschneider!

DIE MENGE: Niedaa –! (Das Lokal wird zertrümmert.)

(An der Ecke tauchen die Historiker Friedjung Friedjung – Heinrich Friedjung, österr. Historiker, † 1920 und Brockhausen Brockhausen – Carl Brockhausen, österr. Professor für Staats- und Verwaltungsrecht im Gespräch auf.)

BROCKHAUSEN: Just heute habe ich in der Presse eine treffende Anmerkung zu diesem Thema beigesteuert, die mit zwingender Logik einen Vergleich unseres Volkes mit dem französischen oder englischen Gesindel von vornherein ablehnt. Vielleicht können Sie den Passus für Ihre Arbeit brauchen, Herr Kollega, ich stelle ihn zu Ihrer Verfügung, hören Sie: »Was den historisch Gebildeten als aller geschichtlichen Weisheit letzter Schluß tröstend und aufrichtend beseelte, daß nämlich niemals der Barbarei ein endgültiger Sieg beschieden sein kann, das teilte sich instinktiv der großen Menge mit. In den Wiener Straßen hat sich allerdings nie das schrille Johlen eines billigen Hurrapatriotismus vernehmbar gemacht. Hier flammte nicht das vergängliche Strohfeuer der Eintagsbegeisterung auf. Dieser alte deutsche Staat hat seit Kriegsbeginn sich die schönsten deutschen Volkstugenden zu eigen gemacht: das zähe Selbstvertrauen und die tiefinnere Gläubigkeit an den Sieg der guten und gerechten Sache.« (Er überreicht ihm den Ausschnitt.)

FRIEDJUNG: Fürwahr, eine treffliche Ansicht, Herr Kollega, die geradezu den Nagel abschießt und den Vogel auf den Kopf trifft. Ich werde es ad notam nehmen. Ei sieh – da hätten wir ja gleich ein Beispiel! Eine patriotisch durchglühte Menge, die in maßvoller Weise ihren Gefühlen Ausdruck gibt, suaviter in re, fortiter in modo suaviter, … lat. mild in der Sache, stark in der Form wie’s der Wiener Tradition geziemt. Der unmittelbare Anlaß dürfte wohl darin zu suchen sein, daß es die Habsburgergasse ist. Das treuherzige Völkchen wollte offenbar dem Namen eine geziemende Huldigung darbringen, wie sie eben im Zeitalter Leopolds füglich in der Babenbergerstraße demonstriert hätten.

BROCKHAUSEN (stutzend): Es will mich aber denn doch bedünken –

FRIEDJUNG (stutzend): Es ist doch merkwürdig –

BROCKHAUSEN: Die guten Leutchen sind ja recht laut –

FRIEDJUNG: Jedenfalls lauter, als es der Tradition geziemt –

BROCKHAUSEN: Man darf den gerechten Anlaß ihrer Erregung nicht übersehen. Wie sagt doch –

FRIEDJUNG: Seit dem Tage, da unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, scheint es in der Tat mächtig unter dem Völkchen am Nibelungenstrome Nibelungenstrom – die Donau zu gären. Allein, wenn sich der Most auch noch so absurd gebärdet –

BROCKHAUSEN: Vorbei die Zeiten, wo sie sich Phäaken Phäaken – friedlich lebendes Seefahrervolk der griech. Mythologie nannten. Der sausende Webstuhl der Zeit –

FRIEDJUNG: Ei sieh, vermutlich wollen sie alle in jenen Barbierladen, es ist ein Hoffriseur und das naive Volksgemüt denkt wahrscheinlich-

RUFE AUS DER MENGE: »Den hammer trischackt!« »Rrrtsch – obidraht!« »Serbischer Hund vardächtiga!« »Jetzt’n kann er die Serben mit die Scherben rasiern!« »Den Schwamm bring i meiner Alten!« »Alle Parfüms hab i g’rettet!« »Gib her a paar!« »Jessas, der scheene weiße Mantel!« »Geh, leich mr a Spritzflaschl!« »Gott strafe England!« »Der Kerl is uns ausgrutscht!«

DER GEIGENHÄNDLER: Hab ichs euch nicht g’sagt! Das ist ein Hochverräter ist das!

BROCKHAUSEN: Die Menge ist erregt und wähnt mit Recht, wieder einmal den Umtrieben serbischer Hochverräter auf der Spur zu sein.

FRIEDJUNG: Es ist doch merkwürdig, welch feine Witterung das Volk gegenüber einem Anschlag auf den unversehrten Besitzstand der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder hat. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn sich bei diesem Friseur nicht die Dokumente über jene großserbische Verschwörung des Slovensky Jug vorfinden sollten, der ich schon im Jahre 1908 auf die Spur gekommen bin.

BROCKHAUSEN: Etwas bedenklich bedünkt mich nur die Form.

DIE MENGE: Suchts eahm! Hauts eahm! Nieda mit Serbieen!

FRIEDJUNG: Es wäre vielleicht doch angezeigt, Herr Kollega, diesem offenbaren Widerspruch zu der historisch beglaubigten Tatsache, daß die Wiener Bevölkerung dem schrillen Johlen eines billigen Hurrapatriotismus abgeneigt ist, angesichts dieses mit Recht erregten Geigenhändlers in weiterem Bogen auszuweichen.

RUFE AUS DER MENGE: »Was wolln denn die zwa Juden do?« »Die schaun aa so aus wie zwa vom Balkan!« »Fehlt ihnen nur der Kaftan!« »Serben sans!« »Zwa Serben!« »Hochverräter!« »Hauts es!«

(Die beiden Historiker verschwinden in einem Durchhause.)
(Verwandlung.)
Kohlmarkt. Vor der Drehtür am Eingang zum Café Pucher.

DER ALTE BIACH (sehr erregt): Das einfachste wär, man würde werfen fünf Armeekorps gegen Rußland, wäre die Sache schon erledigt.

DER KAISERLICHE RAT: Selbstredend. Der Hieb ist die beste Parade. Man muß sich nur die Deitschen anschaun, wie sie geleistet haben. Ein Elaan! So etwas wie der Durchbruch durch Belgien war noch nicht da! So etwas braucheten wir.

DER KOMPAGNON: Sagen Sie was is also mit Ihrem Sohn?

DER KAISERLICHE RAT: Enthoben, eine Sorg weniger. Aber die Situation – die Situation – glauben Sie mir, es steht nicht gut oben. So etwas wie der Durchbruch durch Belgien – ich sag Ihnen, einen frischen Offensivgeist –

DER KOMPAGNON: Verschaffen Sie uns Belgien her – wern mr auch durchbrechen.

DER DOKTOR: Einen Bismarck brauchten wir –

DER ALTE BIACH: Was hilft jetzt die Kunst der Diplomaten, jetzt sprechen die Waffen! Können wir uns einem Escheck Escheck – frz. Niederlage aussetzen? Wenn wir nicht jetzt durchbrechen –

DER NÖRGLER (will in das Lokal): Pardon –

DER DOKTOR: Das leuchtet mir ein. Aber das strategische Moment, das im Bewegungskrieg den Flankenangriff –

DER KURZWARENHÄNDLER: Also verlassen Sie sich darauf, sie sind umzingelt, die Soffi Pollak hat es selber gesagt.

DER ALTE BIACH: Lassen Sie mich aus, sie weiß! Woher, möcht ich wissen!

DER KURZWARENHÄNDLER: Woher? Wo ihr Mann eingerückt is in der Gartenbau im Reservespital?

DER KAISERLICHE RAT: Es hat doch geheißen, er is enthoben? Umzingelt, das wär großartig, das is nämlich müßts ihr wissen dasselbe wie umklammert.

DER ALTE BIACH (mit Begierde): Umklammern solln sie sie, daß ihnen der Atem ausgeht! Wenn ich nur einmal bei so einer Umklammerung dabei sein könnt!

DER KURZWARENHÄNDLER: Klein kann das, der is im Kriegspressequartier. Gestern hat er geschrieben, daß sie bis zum Weißbluten kommen wern. Früher laßt er nicht locker.

DER KOMPAGNON: Glück muß man haben, dabei zu sein. Sie Dokter wie is das eigentlich mit diesem Kriegspressequartier? Kommt da nur herein, wer untauglich is oder auch wer tauglich is?

DER NÖRGLER: Pardon – (Sie machen Platz.)

DER KURZWARENHÄNDLER: Was heißt tauglich? Hereinkommt wenn einer schreiben kann, aber wenn er nicht schießen will aber wenn er will, daß die andern schießen.

DER KAISERLICHE RAT: Wie verstehe ich das? Wieso will er nicht schießen, aus Mitleid?

DER KURZWARENHÄNDLER: Nein, aus Vorsicht. Mitleid darf man beim Militär nicht haben und wenn er im Kriegspressequartier is, is er doch so gut wie beim Militär.

DER ALTE BIACH: Dieses Kriegspressequartier muß eine großartige Einrichtung sein! Man kann alles sehn. Es is ganz nah bei der Front und die Front is bei der Schlacht, also wird Klein beinah in der Schlacht sein, er kann alles sehn, ohne daß es gefährlich is.

DER KOMPAGNON: Da heißt es immer, bei einem modernen Schlachtfeld sieht man gar nix. Also sieht man im Kriegspressequartier sogar noch mehr wie wenn man direkt in der Schlacht is.

DER DOKTOR: Gewissermaßen ja, und man kann sogar über mehrere Fronten auf einmal berichten.

DER KAISERLICHE RAT: Von Klein war ja die packende Schilderung in der Presse, daß die meisten Verwundungen der Unsern an den Außenflächen der Hände und Füße vorkommen, woraus hervorgeht, daß die Russen den Flankenangriff bevorzugen –

DER KURZWARENHÄNDLER: No, ein Roda Roda is er nicht! Da wird noch viel Wasser in den Dnjepr fließen, bis er so schreiben wird wie Roda Roda!

DER KAISERLICHE RAT: Was mir an Roda Roda gefällt is vor allem, daß er fesch is. Er sagt, er will sich morgen an der Drina Drina – Nebenlußluß der Save die Schlacht ansehn und er sieht sie sich an. Fesch!

DER ALTE BIACH: Nutzt nix, man spürt eben den ehemaligen Offizier – den Korsgeist! Mein Sohn is zwar enthoben, intressiert sich aber doch sehr, er will sogar den Streffleer Streffleur – eine militärwissenschaftliche Zeitschrift abonnieren.

DER KAISERLICHE RAT: Ich kann mir nicht helfen – ich bin sehr pessimistisch.

DER ALTE BIACH: Was heißt pessimistisch? Was wolln Sie haben, noch is Lemberg in unserem Besitz!

DER KOMPAGNON: No also!

DER DOKTOR: Zu Pessimistisch ist gar kein Grund. Schlimmstenfalls, wenn jetzt die Entscheidung fällt, ist es eine Partie remis.

DER KURZWARENHÄNDLER: Und ich sag Ihnen, ich weiß sogar von einen Herrn vom Ministerium, die Sache is so gut wie gemacht. Wir kommen von rechts, die Deitschen von links und wir zwicken sie, daß ihnen der Atem ausgeht.

DER KAISERLICHE RAT: Schön – aber Serbien?

DER ALTE BIACH (rabiat): Serbien? Was heißt Serbien? Serbien wern wir wegfegen!

DER KAISERLICHE RAT: Ich weiß nicht – ich kann mir nicht helfen – der heutige Bericht – man muß zwischen den Zeilen lesen können und wenn man sich die Karte hernimmt – ein Blick auf die Karte zeigt – sogar der einfache Laie – ich kann Ihnen beweisen, Serbien –

DER ALTE BIACH (gereizt): Lassen Sie mich aus mit Serbien, Serbien is ein Nebenkriegsschauplatz. Ich ärger mich. Gehn mr hinein, neugierig bin ich, was heut die Minister sprechen wern – ich schlage vor, meine Herrn, daß wir uns direkt am Nebentisch setzen. (Sie treten ein.)
(Verwandlung.)
Eine Straße in der Vorstadt. Man sieht den Laden einer Modistin, eine Pathéphonfirma, das Café Westminster und eine Filiale der Putzerei Söldner & Chini. Es treten auf vier junge Burschen, deren einer eine Leiter, Papierstreifen und Klebestoff trägt.

ERSTER: Hammr schon wieder einen erwischt! Was steht da? Salon Stern, Modes et Robes. Das überklebn mr als a ganzer!

ZWEITER: No aber der Name könnt doch bleiben und daß mr weiß, was es für ein Gschäft is. Gib her, das mach mr a so (er klebt und liest vor) Salo Stern Mode. So ghört sichs. Das is deutsch. Gehmr weiter.

ERSTER: Patephon, da schauts her, was is denn dös? Ist dös franzesisch?

ZWEITER: Nein, das is lateinisch, das darf bleiben, aber da – da les ich: »Musikstücke deutsch, französisch, englisch, italienisch, russisch und hebräisch«.

DRITTER: Wos tan mr do?

ERSTER: Das muß weg als a ganzer!

ZWEITER: Das mach mr a so (er klebt und liest vor) »Musikstücke deutsch – hebräisch«. So ghört sichs.

DRITTER: Ja, aber was is denn dös? Ah, da schaurija! Da steht ja Café Westminster, mir scheint das is gar eine englische Bezeichnung!

ERSTER: Du, das laßt sich aber nur im Einverständnis machen, das is ein Kaffeehaus, der Kaffeesieder könnt eine Persönlichkeit sein, wir hätten am End Unannehmlichkeiten. Rufmrn außa, warts. (Er geht hinein und kehrt augenblicklich mit dem Cafetier zurück, der sichtlich sehr bestürzt ist.) Sie werden das gewiß einsehn – es ist ein padriotisches Opfer –

DER CAFETIER: Das ist fatal, aber wenn die Herrn von der freiwilligen Kommission sind –

VIERTER: Ja schaun S’, warum haben Sie Ihr Lokal überhaupt so tituliert, das war unvorsichtig von Ihnen.

DER CAFETIER: Aber meine Herrn, wer hat denn das ahnen können, jetzt is mirs selber peinlich. Wissen S’ ich hab das Lokal so tituliert, weil wir doch hier gleich bei der Westbahn sind, wo die englischen Lords in der Saison anzukommen pflegen, also damit sie sich gleich wie zuhaus fühln –

ERSTER: Ja hörn S’, war denn schon einmal ein englischer Lord in Ihnern Lokal?

DER CAFETIER: Und ob! Das warn Zeiten! Jessas!

ERSTER: Da gratulier ich. Aber schaun S’ jetztn kann eh kaner kummen!

DER CAFETIER: Gottseidank – Gott strafe England – aber schaun S’, der Name hat sich bereits so eingebürgert, und nach dem Krieg, wenn so Gott will wieder die englische Kundschaft kommt – schaun S’, da sollten S’ halt doch ein Einsehn haben.

ERSTER: Auf so etwas kann die Volkesstimme nicht Rücksicht nehmen, lieber Herr, und Volkesstimme, das wird Ihnen doch bekannt sein –

DER CAFETIER: Ja natürlich, wo wird denn unsereins das nicht wissen, wir sind doch mehr oder weniger ein Volkscafé – aber – ja wie soll ich denn nacher das Lokal heißen?

ZWEITER: Aber machen S’ Ihna keine Sorgen-, wir tun Ihnen net weh – das wer’ mr gleich haben – und zwar schmerzlos. (Er kratzt das i weg.)

DER CAFFTIER: Ja – was – war denn – nacher das?

ZWEITER: So! Und jetzt lassn S’ vom Maler ein ü hineinmal’n –

DER CAFETIER: Ein ü? Café Westmünster –?

ZWEITER: Ein ü! Das is ganz dasselbe und is deutsch. Taarloos! Kein Mensch merkt den Unterschied und ein jeden muß doch auffallen, daß das ganz was anderes is, na was sagen S’?

DER CAFETIER: Ah, großartig! ah, großartig! Sofort laß i ‘n Maler kommen. Ich danke Ihnen meine Herrn für die Nachsicht. Das bleibt so, solang der Krieg dauert. Für’n Krieg tuts es ja. Hernach möcht ich freilich doch – denn was hernach die Lords sagn möchten, wann s’ wiederkommen, die möchten schaun!

(zwei Gäste verlassen soeben das Lokal und verabschieden sich voneinander, der eine sagt: Adieu! Der andere: Adio!)

ERSTER: Was hab i g’hört? Franzosen und Italiener verkehren bei Ihnen? Der eine sagt Adieu und der andere sagt gar Adio? Sie scheinen überhaupt eine internationale Kundschaft zu haben, da is manches verdächtig –

DER CAFETIER: No hörn S’, jetzt wann einer Adieu sagt –

ZWEITER: Aber habn S’ denn net ghört, wie der erste Adio gsagt hat? Das ist die Sprache des Erbfeinds!

DRITTER: Des heimtürkischen Verräters!

VIERTER – Des Treubrüchigen am Po!

ERSTER: Jawohl, der Verräter war unser Erbfeind!

ZWEITER: Unser Erbfeind, der was uns die Treue gebrochen hat!

DRITTER: Am Po!

VIERTER: Am Po! Mirken S’ Ihna das!

(Der Cafetier ist schrittweise in das Lokal zurückgewichen.)

ERSTER (ihm nachrufend): Sie englischer Katzelmacher am Po!

ZWEITER: Da hätt mr einmal ein Exempel schtatuiert mit die Fremdwörter! Gehmr weiter.

DRITTER: Da schauts her, heut hammr Glück: Söldner & Chini! Das is schon wieder dieselbe Melange wie bei dem Kaffeesieder. Söldner, also das is doch bekanntlich ein Engländer – und Chini, das is ein Italiener!

ERSTER: Gott strafe England und vernichte Italien – das überkleb’n mr als a ganzer! Chemische Putzerei? Putz’n weg! Ich hab einen Viechszurn in mir – morgen muß der Bezirk von alle Fremdwörter gereinigt sein, wo ich noch eins drwisch, dem reiß ich ‘s Beuschl heraus! (Der Zweiote überklebt die Tafel)

DRITTER: Es is am besten, wir separiern uns jetzt, ihr zwei bleibts auf dem Trottoir, wir gehn fisafis.

ERSTER: Das is fatal, aber ich kann heut nicht mitgehn, ich bin sehr pressiert, ich hab nämlich ein Rendezvous –

ZWEITER: Das is ein Malheur. Ohne dich riskiern wir am End einen Konflikt. Mich geniert das zwar nicht, aber die Leut wern impatinent und –

VIERTER: Mich tuschiert so was auch nicht weiter – aber wir könnten halt doch in eine Soß hineinkommen. Mir is zwar bisher nichts passiert –

ZWEITFR: Ich versteh, das is odios, und ich bin immer sehr dischkret darin, daß ich mit die Leut harmonisch auseinanderkomm! Aber ihr dürfts euch eben nicht imponieren lassn. Jetzt heißt’s resolut sein und die patriotische Aktion, die wir einmal entriert haben, atupri konsequent durchführn.

DRITTER: Ja natürlich, wenn einer aber, wie die Leut schon sind, mit dem Argument daherkommt, daß man ihm seine Existenz ruiniert – er fangt zu lamentieren an oder wird gar rabiat, dann –

ERSTER: Aber ich bitt dich – gar net ignorieren! Oder stantape replizieren: Jetzt sind höhere Interessen! Da wird er schon eine Raison annehmen. Die Leut sind ja intelligent. Man dischkuriert net lang – wo kommt man denn hin, wenn man sich mit jedem erst auf paar Purlees einlassen wollt –

ZWEITER: Wenn er sich aber zu echauffieren anfangt – die Leut wern gleich ordinär –

ERSTER: Da heißt’s ihr ihn ein subversives Element, basta! Also – Kurasch! Morgen referierts mir, da assistier ich euch wieder – Herrgott dreiviertel auf fünf is, jetzt muß ich momentan ein Tempo annehmen – sonst komm ich akkurat zu spät also amüsierts euch gut – Kompliment – Adieu –!

DRITTER: Serwas!

VIERTER: Servitore!

ZWEITER: Orewar!

ERSTER (zurückhaltend): Apropos, im Fall einer protestiert, legitimierts euch einfach als interimistische Volontäre der provisorischen Zentralkommission des Exekutivkomitees der Liga zum Generalboykott für Fremdwörter. Adio!
(Verwandlung.)
In einer Volksschule.

DER LEHRER ZEHETBAUER: – Jetzt aber sind höhere Ideale über uns hereingebrochen, so daß der Fremdenverkehr ein wenig zurückgedrängt ist und erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Trotzdem dürfen wir nicht verzagen, sondern es ist unsere Pflicht, nachdem wir jeglicher ein Scherflein zum Vaterlande beigetragen haben, auf dem einmal betretenen Wege unentwegt und unerschrocken fortzufahren. Die zarten Keime des Fremdenverkehres, die wir allenthalben gepflanzt und die dank der Fürsorge des hochlöblichen Landesschulrates und des löblichen Bezirksschulrates auch in eure jungen Herzen Eingang gefunden haben, sollen vom ehernen Tritt der Bataillone, so unentbehrlich derselbe auch in dieser großen Zeit ist, nicht zertreten werden, sondern im Gegenteil gehegt und gepflegt werden für und für. Sicherlich ist es notwendig, daß jeglicher heute seinen Mann stelle, so auch ihr und so müsset auch ihr euch betätigen, indem ihr an eure Herren Eltern oder Vormünder herantretet, sie mögen euch das schöne Jugendspiel »Wir spielen Weltkrieg« als Geburtstagsüberraschung bescheren oder da Weihnachten vor der Tür steht, den »Russentod«. Auch sollet ihr wissen, daß ihr zur Belohnung für Fleiß und gute Sitten, natürlich mit Zustimmung der p. t. Herren Eltern oder Vormünder, am Sonntag jeglicher einen Nagel in den Wehrmann in Eisen einschlagen dürfet und so durch Benagelung dieses Wahrzeichens –

DIE KLASSE: Das is gscheit!

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Was willst du, Gasselseder?

DER KNABE: Bitt Herr Lehrer, ich hab schon mit dem Vattern einen Nagel einigschlagen, derf ich da noch einen Nagel einischlagn?

DER LEHRER: Wenn deine Herren Eltern oder Vormünder es gestatten, so steht deinem patriotischen Wunsche nach einer abermaligen Benagelung dieses Wahrzeichens von der Schulleitung aus nichts im Wege.

(Ein Knabe zeigt auf.)

Was willst du, Czeczowiczka?

ZWEITER KNABE: Bitt, ich muß hinaus.

DER LEHRER: Hinaus? Du bist zu jung, warte, bis du in ein reiferes Alter kommst.

DER KNABE: Bitt, ich muß.

DER LEHRER: Diesen Wunsch kann ich jetzt nicht erfüllen. Schäme dich. Warum verlangt es dich hinaus?

DER KNABE: Bitt, ich hab Not.

DER LEHRER: Warte, bis bessere Zeiten kommen. Du würdest deinen Kameraden mit schlechtem Beispiel vorangehen. Das Vaterland ist in Not, nimm dir ein Beispiel, jetzt heißt es durchhalten.

(zwei Knaben zeigen auf.)

DER LEHRER: Was wollet ihr, Wunderer Karl und Wunderer Rudolf?

BEIDE: Bitt, wir möchten lieber im Stock im Eisen Stock im Eisen – eine Wiener Sehenswürdigkeit, ein Fichtenstamm, in den jeder ankommende Schmied einen Nagel einschlagen mußte einischlagn.

DER LEHRER: Setzen! Schämet euch. Der Stock im Eisen ist ein Wahrzeichen, auf dem kein Nagel mehr Platz hat. Aber der Wehrmann im Eisen Wehrmann im Eisen – eine Analogie im 1. Weltkrieg dazu soll mit eurer tatkräftigen Hilfe erst ein Wahrzeichen werden, eine Sehenswürdigkeit, von der noch eure Kinder und Kindeskinder erzählen werden.

DER KNABE KOTZLIK: Bitt, der Merores stößt immer!

MERORIES: Das is nicht wahr, er hat Jud zu mir gesagt, ich sags dem Papa, der wirds ihm schon geben, er gibt es hinein ins Tagblatt.

DER LEHRER: Haltet Burgfrieden, Kotzlik und Merores! Wir kommen jetzt zu dem Lesestück: Haßgesang gegen England. Merores, du kannst gleich stehen bleiben, beantworte mir die Frage, wie der Dichter heißt, der dies Gedicht gedichtet hat.

MERORES: Ob ich weiß, Frischauer. Frischauer – Otto Frischauer, Redakteur des »Wiener Tageblatt«

DER LEHRER: Falsch, setz dich.

EIN KNABE (einsagend): Lissauer. Lissauer – Ernst Lissauer – dt. nationalistischer Schriftsteller, † 1937

DER LEHRER: Praxmarer, wenn du noch einmal einsagst, laß ich dich den Prinz Eugen von Hofmannsthal Hofmannsthal – Hugo von Hofmannsthal, österr. Schriftsteller †1929, war an der Begründung der Salzburger Festspiele beteiligt, schrieb das Libretto zu der Strauss-Oper »Der Rosenkavalier« abschreiben. Ich habe den Faden verloren.

( Einige Knaben eilen zum Katheder und bücken sich.)

DER LEHRER: Was suchet ihr?

DIE KNABEN: Den Faden, Herr Lehrer, der Herr Lehrer hat gesagt, der Herr Lehrer haben den Faden verloren.

DER LEHRER: Ihr seid töricht, ich meine ja das nicht bildlich, sondern wörtlich.

EIN KNABE: Derf ich vielleicht meinen Leitfaden –

DER LEHRER: Wottawa, auch du hast mich nicht verstanden. Ich sehe schon, daß ihr nicht reif seid. Ich wollte den Haßgesang prüfen, aber ich will euch das heute noch erlassen. Die Ideale, welche die große Zeit euch auferlegt, werdet ihr bis morgen präpariert haben, weil ich dann keine Nachsicht mehr üben kann. Was soll sich der Herr Bezirksschulinspektor denken, wenn er in die Klasse kommt und wenn das so weiter geht. Jetzt, wo ihr für die zweite Kriegsanleihe werben sollt, ist es umso mehr eure Pflicht, die Erwartungen nicht zu enttäuschen. Also, daß ihr mir morgen den Haßgesang auswendig wisset! Ich kann euch immer wieder nur einprägen: Haltet durch, traget ein Scherflein bei, werbet für die Kriegsanleihe, sammelt Metalle, suchet euer Gold hervor, das ungenützt in der Truhe liegt! Für heute aber will ich noch Nachsicht üben und den Fremdenverkehr mit euch durchnehmen. Hebet denselben! Ich habe euch früher erklärt, warum der Fremdenverkehr gerade jetzt nicht vernachlässiget werden darf. Wiewohl der rauhe Kriegessturm über unsere Lande hinwegfegt, indem unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, so zeigen sich schon jetzt die ersten Ansätze zu einer Hebung des Fremdenverkehrs. Darum lasset uns dieses Ideal nie aus dem Auge verlieren. Wir haben da ein schönes Lesestück »Ein Goldstrom«. Nicht doch. Lasset uns vielmehr heute das alte Lied anstimmen, das ihr einst in Friedenszeit gelernt habt, kennet ihr es noch?

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Nun, Habetswallner?

DER KNABE: Bitt Herr Lehrer, ich weiß schon, bei einem Wirte wundermiId.

DER LEHRER: Falsch!

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Nun, Braunshör?

DER KNABE: Üb immer Treu und Redlichkeit.

DER LEHRER: Nicht doch! Schäme dich!

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Nun, Fleischanderl?

DER KNABE: Das Wandern ist des Müllers Lust.

DER LEHRER: Setz dich!

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Nun, Zitterer?

DER KNABE: Hinaus in die Ferne!

DER LEHRER: Setz dich! Nicht wir können jetzt in die Ferne, die draußen sollen zu uns kommen!

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Süßmandl, weißt du es?

DER KNABE: Bitt, hinaus!

DER LEHRER: Was fällt dir bei, ich sagte doch, das gibt es jetzt nicht, weder in der Klasse noch wenn ihr ins Leben hinaustretet. Nun also, keiner von euch will das Lied kennen?

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Anderle, du?

DER KNABE: Was frag ich viel nach Geld und Gut.

DER LEHRER: Setz dich in die letzte Bank. Wo hast du denn das gelernt? Schäme dich, Anderle! Ich sehe schon, ihr habt es in eiserner Zeit vergessen. Und doch ist es das liebe alte Lied, nach welchem ihr alle einst die Vokale gelernt habt. Schämet euch doch. Nun so will ich denn die Fiedel nehmen und dann werdet ihr gleich von selbst einstimmen.

(Ein Knabe zeigt auf.)

DER LEHRER: Nun Sukfüll, willst du die Klasse beschämen?

DER KNABE SUKFÜLL: Pfleget den Fremdenverkehr!

DER LEHRER: Brav, Sukfüll, du beschämst die ganze Klasse. Ich werde das deinem Vater mitteilen, auf daß auch er dich belobe. (Er nimmt die Geige, die Klasse fällt ein und singt.)

A a a, der Fremde der ist da.
Die stieren stier – öde, langweilig Zeiten sind vergangen,
Der Fremdenverkehr hat angefangen,
A a a, der Fremde der ist da.
E e e, Euer Gnaden wissen eh.
Fesch das Zeugl, fesch die Madeln,
Gstellt vom Kopf bis zu die Wadeln,
E e e, Euer Gnaden wissen eh.
I i i, wir wurzen wie noch nie.
Seids net fad, ruckts aus mit die Maxen,
Reiß’n ma aus der Welt a Haxen,
I i i, wir wurzen wie noch nie.
0 o o, wie sind die Wiener froh.
Mir werns euch schon einigeigen,
Laßts euch das Wiener Blut nur zeigen,
0 o o, wie sind die Wiener froh.
U u u, nun hat die Seel’ a Ruh.
Wien ist und bleibt die Stadt der Lieder,
Bitte beehren uns bald wieder,
U u u, nun hat die Seel’ a Ruh.
(Verwandlung.)
Im Café Pucher. Die Minister sind versammelt.

EDUARD (zu Franz): Es fehlt noch die Muskete, der Floh und das Intressante –

(Fünf Eintretende nehmen am Nebentisch Platz. Der Ministerpräsident wendet sich an den Minister des Innern.)

DER ALTE BIACH: So wahr ich da leb, er hat etwas von einer Bombe gesagt –

EDUARD (bringt illustrierte Blätter): Bitt schön Exlenz is die Bombe Bombe – Die Bombe, humoristische Wochenzeitschrift schon frei?

DER ALTE BIACH: Ah so –

DIE ANDERN (durcheinander): Was hat er gesagt?

DER ALTE BIACH: Nix – ich hab mich geirrt.

DER KAISERLICHE RAT (zu seinem Nachbar): Intressant steht heut im Tagblatt –

(Der Kellner Franz ist an den Tisch getreten. Nacheinander die Rufe: »Mir einen Doppelschlag!« »Mir mit Haut und mehr licht!« »Obersgspritzt und das 6-Uhr-Blatt!« »Einen Gapo passiert!«)

DER KAISERLICHE RAT: Und mir eine Melange, oder nein, wissen Sie was, bringen Sie mir zur Abwechslung eine Nuß Gold und die Presse!

DER ALTE BIACH (die Neue Freie Presse zur Hand nehmend): Großartig!

ALLE: Was denn?

DER ALTE BIACH: Sehn Sie, das imponiert mir, jetzt feiert er schon seit vierzehn Tagen das fufzigjährige Jubiläum, immer an erster Stelle, dann kommt die Schlacht bei Lemberg mit den Eindrücken. Da sieht man doch wenigstens, es gibt auch noch freudige Ereignisse in Österreich! Und schließlich is es ja ein Ereignis wie es noch nicht da war. Das Bollwerk deutschfreiheitlicher Gesinnung, Gesittung und Bildung, Kleinigkeit, was da für Namen gratulieren – schauts euch bitt euch nur an – sss – warts – drei, vier, nein, fünf volle Seiten. Alles wetteifert ihr zu gratulieren, die höchsten Spitzen genieren sach nicht.

DER KAISERLICHE RAT: Heut habe ich geschrieben – passen Sie auf, morgen wird es stehn!

DER ALTE BIACH (erregt): Wenn Sie geschrieben haben, wer’ ich auch schreiben. Keine kleine Ehre, in solcher Umgebung –

DER DOKTOR: Komisch ist nur, fällt mir auf – überall, bei den Tausenden und Abertausenden von Gratulationen, überall druckt er die Adresse mit: Sr. Hochwohlgeboren Herrn Moriz Benedikt, Benedikt – Moritz Benedikt, Leiter der »Neuen Freien Presse«, † 1920 Herausgeber der Neuen Freien Presse, Wien I Fichtegasse 11. Ich kann mir nicht helfen- das is etwas eitel! Das Hochwohlgeboren könnt er sich schenken, und die Adresse genügt schließlich auch zwanzigmal.

DER KOMPAGNON: Sagen Sie das nicht. Das kann man nicht oft genug hören.

DER KAISERLICHE RAT (fast gleichzeitig): Das seh ich nicht ein, er will gar nichts ändern, so haben sie geschrieben, so soll es stehn, recht hat er!

DER ALTE BIACH: Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?

DER KOMPAGNON (begütigend): Aber – nix – Noch is Lemberg in unserem Besitz.

DER KURZWARENHÄNDLER: Vor allem sieht man doch, daß alle Zuschriften echt sind, schaun Sie her, Kleinigkeit, Montecuccoli und lauter Exellenzen – sss –

DER KAISERLICHE RAT: Was heißt Montecuccoli und Exellenzen? Und Berchtold is e Hund? Gestern eigenhändig gratuliert!

DER ALTE BIACH: Was heißt Berchtold? Weiskirchner! Da haben Sie’s vor Ihren Augen, was sagt man! Würde man das für meglich halten? Weiskirchner, der greßte Antisemit! Er gratuliert ihm »aufrichtigen Sinnes«. Was steht da? Wirklich schön, wer schreibt das, »die Neue Freie Presse ist das Gebetbuch aller Gebildeten«.

DER KOMPAGNON: Das is aber ja wahr. Was steht da? Intressant, die Firma Dukes freut sich mit ihr in angenehmster Verbindung zu stehn. Die größte Annoncenfirma von Wien, bitte!

DER DOKTOR: Schaun Sie her! Sogar Harden, bekanntlich der glänzendste Stilist – was schreibt er, er nennt ihn, glänzend, hören Sie, wie er ihn nennt, »Generalstabschef des Geistes«!

DER KURZWARENHÄNDLER: Betamt, aber nicht originell. Das is schon in ein paar Dutzend Zuschriften gestanden, es liegt auch wirklich nah, das zu sagen.

DER ALTE BIACH: Selbstredend, gerade jetzt, wo dahinter gleich von Lemberg die Rede is! Großartig waren auch die Ansprachen beim Bankett –

DER KOMPAGNON: Das war doch nicht beim Bankett, das Bankett war doch abgesagt wegen dem Weltkrieg.

DER KAISERLICHE RAT: Aus Bescheidenheit.

DER KURZWARENHÄNDLER: Übertriebene Rücksicht.

DER ALTE BIACH: Nuna! Also es war kein Essen, aber doch kolossal feierlich. Wenn kein Krieg wär, hätten Sie sehn sollen, was sich getan hätt. Aber sie haben sich’s nicht nehmen lassen. Sehr schön war, wie sie ihn alle gefeiert haben, der Vorstand der Buchhaltung und sogar die erste Austrägerin. Das hat so etwas Familiäres, so ein Fest der Presse. Die Reden hab ich mir sagen lassen wern gleich mitstenographiert.

DER KAISERLICHE RAT: Aber der Stenograph gratuliert doch auch?

DER ALTE BIACH: Ja, aber währenddem stenographiert er.

DER KOMPAGNON: Sehn Sie sich nur bittsie die Liste an, endlos –

DER DOKTOR: Ja, das ist traurig.

DER KOMPAGNON: Wieso traurig?

DER DOKTOR: Ach so, ich hab auf die Verlustliste geschaut unten, ein Zufall, daß das gleich nach den Gratulanten kommt.

DER ALTE BIACH: Nebbich – was soll man machen, ja, ja, das ist und bleibt ein Ereignis, von dem noch die Kindeskinder reden wern.

DER KAISERLICHE RAT: Das is wahr, alle Tag wird ein Blatt nicht fufzig Jahr.

DER ALTE BIACH: Das geben Sie gut, ich hab gemeint – Lemberg.

DER KAISERLICHE RAT: Wer redt von Lemberg?

DER DOKTOR (sich vorsichtig umblickend): Leider kann man nicht leugnen, daß es gerade keine Ehre für uns ist.

DER ALTE BIACH: Erlauben Sie – keine Ehre? Traun Sie sich nur, so etwas laut zu sagen!

DER DOKTOR (leise): No, ich mein’, mit Lemberg –

DER ALTE BIACH: Wer redt von Lemberg? Und wenn man schon wegen dem kleinmütig wird und verzagt, so richtet man sich auf an dem, was vorn steht – am Jubiläum!

DER KAISERLICHE RAT: Wissen Sie was mir am meisten imponiert? Mir imponiert nicht was vorn steht, mir imponiert nicht was in der Mitte steht, mir imponiert was hinten steht! Erinnern Sie sich, am Jubiläumstag die hundert Seiten Bankannoncen, ganzseitig? Alle ham sie blechen müssen, mitten im Moratorium, bis sie schwarz geworn sind! Ja, die Presse ist eine Macht, an der sich nicht rütteln läßt – wenn aber sie rüttelt, dann fallen die Zwetschken von den Bäumen.

DER ALTE BIACH: Was wollen Sie haben, der Mann hat eine Gewure Gewure – jidd. Macht wie heut kein zweiter in Österreich. Er hat Phantasie und Gemüt und Geist und Gesinnung und is ein großer Nemmer vor dem Herrn.

DER KAISERLICHE RAT: Wissen Sie, Herr Biach, an wem mich erinnert in der Sprache, was Sie da jetzt gesagt haben?

DER ALTE BIACH: An wem es erinnert? An wem soll es erinnern?

DER KAISERLICHE RAT: An ihm selbst mit die vielen »und«!

DER ALTE BIACH: No und? Ist das ein Wunder? Man steht unwillkürlich unter dem Bann! Ham Sie neilich gelesen im Abendblatt Laienfragen und Laienantworten? Gediegen, was? Besonders im Abendblatt is er ganz er selbst. Da wiederholt er alles von neuem. Wie es geheißen hat, noch is Lemberg in unserem Besitze, hat er gesagt, hier fällt uns vor allem das Wörtchen noch auf und das Auge bohrt sich herein und man kann sich vorstellen. Da gibt er immer alles und mit noch! »Gestern wurde gemeldet – heute wird gemeldet«, das bringt man nicht mehr aus dem Kopf. Er redet wie unsereins, nur noch deutlicher. Man weiß nicht, redt er wie wir oder reden wir wie er.

DER KAISERLICHE RAT: No und der Leitartikel ise Hund? Schon der erste Satz – wer macht ihm das nach? Die Familie Brodsky ist eine der reichsten in Kiew. Fertig. Mitten drin is man. Dann springt er herum, redt von Talleyrand, Talleyrand – Charles Maurice de Telleyrand-Périgod, frz. Politiker, † 1838 was er gesagt hat beim Essen, und schon is man mitten drin im ungrischen Ausgleich.

DER ALTE BIACH: Mir imponiert am meisten, wenn er sagt, man kann sich vorstellen. Oder wenn er mit der Einbildungskraft kommt, das bringt er packend, und da stellt mm sich gleich alles vor, wie wenn er wär mitten drin im Pulverdampf gottbehüt und wir alle mit ihm. Den größten Wert legt er aber scheint es auf die Stimmungen und auf die Eindrücke von die Details und packend is wenn er erzählt, wie sie die Leidenschaften aufgewiegelt haben. Ich für meinen Geschmack muß aber sagen, ich les am liebsten, wenn er sich vorstellt, wie sie sich schon unruhig wälzen bei Nacht, speziell Poincaré Poincaré – Raymond Pointcaré, 1913/1920 frz. Staatspräsident und Grey Grey – Edward Grey, englischer Ausßenminister 1905/1916, maßgeblich an der Entstehung der Entente (Frankreich, Rußland, England) beteiligt, versuchte den Weltkrieg zu verhindern und sogar der Czar, wenn sie von der Sorge benagt sind, weil es schon rieselt im Gemäuer. Und vielleicht ist in diesem Augenblick schon, und vielleicht haben sie schon und vielleicht und vielleicht, das is hochdramatisch! Ich hab mir sagen lassen, er diktiert, wenn er schreibt. Man kann sich vorstellen, wenn er so einen Leitartikel diktiert. Ich sag Ihnen, die Einbildungskraft schwelgt in der Vorstellung, daß wenn er diktiert, die Kandelaber in der Redaktion zittern!

DER DOKTOR: Zufällig weiß ich aber, weil ich einmal persönlich eine Beschwerde hinaufgetragen habe, über den Mistbauer und die Fliege –

DER ALTE BIACH: Was wissen Sie?

DER DOKTOR: Daß sie dort gar keine Kandelaber haben!

DER ALTE BIACH (erregt): Was denn ham sie? Lassen Sie mich aus, Dokter, Sie sind ein bekannter Miesmacher – so ham sie Stehlampen! Tut nix – die Kandelaber zittern doch! Unsereins hat eben noch Illusionen. Marqueur, Marqueur – frz. veraltet Kellner bringen Sie die Blochische Wochenschrift und Danzers Armeezeitung!

DER KOMPAGNON: Moment! Jetzt – wenn man jetzt so hören könnte, was die Minister reden! – (Alle lauschen. Der alte Biach rückt dicht an den Ministerfisch vor.)

DER MINISTERPRÄSIDENT: Der Pschütt is heut wieder in einem Zustand, recht ärgerlich is das – anstatt daß die Marquör die Illustrierten einsperrn, tun sie’s aufhängen – die möchten sich wirklich schon alle Freiheiten nehmen. Nachher krieg ich so ein Blatt in einer Verfassung – aufheben wer’ ich mir’s nächstens lassen, das is das einfachste.

DER ALTE BIACH (in größter Erregung): Wißts ihr, was ich jetzt gehört hab? Gotteswillen, ich hab ganz deutlich die Worte gehört: Standrecht, einsperrn, aufhängen –

DER KOMPAGNON: Sss …!

DER ALTE BIACH: Alle Freiheiten nehmen, Verfassung aufheben!

DER KAISERLICHE RAT: Also, da ham mas!

DER DOKTOR: Wissen Sie, daß das eine politische Sensation katexochen katexochen – griech. im eigentlichen Sinne ist und man kann wirklich sagen, aus erster Quelle!

DER ALTE BIACH (stolz): Also was sagen Sie zu mir!

DER KURZWARENHÄNDLER: Es ist Ihre Pflicht, es noch heute der Presse zu stecken!

DER ALTE BIACH: Ja, die Zeiten sind ernst –

DER KAISERLICHE RAT: – und wer kann wissen was der kommende Tag bringt –

DER KURZWARENHÄNDLER: – und der Staat hat die Verpflichtung, die Leidenschaften, wenn sie einmal aufgewiegelt sind, wieder einzudämmen –

DER KOMPAGNON: – und die Stimmungen sind wichtig –

DER DOKTOR: – und die Sorge wächst –

DER ALTE BIACH: – und es is schon zehn Uhr und meine Rosa sitzt zuhaus und sie hat nicht gern wenn ich spät komm und ich bin deshalb dafür wir zahlen und gehn.

(Der Zahlkellner kommt, sie gehn ab, indem sie sich alle noch einmal mit scheuer Neugierde nach dem Ministertisch umblicken.)

DER ALTE BIACH (im Abgehen): Wir haben einen historischen Moment erlebt. Den ernsten Gesichtsausdruck vom Gesicht vom Grafen Stürgkh Stürgkh – Karl Reichsgraf von Stürgkh, ab 1911 Ministerpräsident, 1916 von einem Attentäter erschossen werde ich mein Lebtag nicht vergessen!
(Verwandlung.)
Es treffen sich zwei, die sichs gerichtet haben.

DER ERSTE: Servus, du noch in Wien? Du bist doch behalten worn?

DER ZWEITE: Ich bin hinaufgegangen und hab mirs gerichtet. Ja, aber was machst denn du noch in Wien? Du bist doch behalten worn?

DER ERSTE: Ich bin hinaufgegangen und hab mirs gerichtet.

DER ZWEITE: Natürlich.

DER ERSTE: Natürlich.

DER ZWEITE: Weißt nicht, was aus dem Edi Wagner gworn is, hat der sichs vielleicht gerichtet? Er is im Oktober zur Konschtatierung, dann hats gheißen, sein Alter kauft ihm einen Daimler, weil sein Major, der Tschibulka von Welschwehr versprochen hat, er kommt zum Autlkorps, dann hats gheißen, entweder er kommt nach Klosterneuburg zum Kaader oder in eine Munitionsfabrik, natürlich in die Kanzlei, dann hams wieder gsagt, er soll für unentbehrlich erklärt wern im Gschäft und der Onkel von ihm, weißt der fürs Reservespital in der Fillgradergassen die Wurzen is, den hab ich damals troffen, der hat gsagt, wenn alle Stricke reißen, bringt er ihn beim Roten Kreuz unter, kein Mensch hat sich auskennt, kurzum, möcht mich wirklich intressiern, wo’s den armen Teufel am End hingschupft ham.

DER ERSTE: Das kann ich dir sagen. Der Alte hat sich also, ein Schmutzian wie er is, das überlegt mit dem Daimler, er hat ihn lieber bei die dänischen Papierdecken untergebracht, das hat ihm aber gstiert, da hat er gsagt, lieber macht er Dienst und is nach Blumau kommen, dort war’s ihm aber z’fad, und jetzt sitzt er Nacht für Nacht im Chapeau, abwechselnd in Uniform und in Zivil, wie der Bursch das macht is mir ein Schleier, ich kann mir nur rein denken, wie alle Protektion nix gnutzt hat, is er hinaufgegangen und hat sichs gerichtet. Es könnt aber auch sein, daß er wirklich enthoben is oder hat er gar am End doch einen C-Befund C-Befund – Befreiung vom aktiven Kriegsdienst kriegt. Du servus ich hab ein Rendezvous mit einer Persönlichkeit, ich krieg vielleicht eine Lieferung, und das was für eine, da muß man schon tulli sagen –

DER ZWEITE: Du hast immer die Sau. Hast ghört, der Seifert Pepi is gfallen, weißt bei Rawaruska, Rawaruska – Rawa Russkaja, Kleinstadt bei Lemberg, 1914/15 schwer umkämpft servus ich muß zu einer Sitzung ins Kriegsfürsorgeamt, morgen hams den Tee und ich hab versprochen, daß ich die Fritzi-Spritzi hinbring, der Sascha Kolowrat kommt hin, geh sei fesch und komm auch hin, bring dein Schlamperl mit, servus!

DER ERSTE: Lieber Freund, ich hab jetzt andere Dinge, wenn mir das gelingt, ruf ich dich an, servus – du apropos – was ich dir erzählen wollte –

(Ein Abonnent und ein Patriot treten auf.)

DER PATRIOT: Gesunde junge Leut, ham Sie gesehn? Ein Korps könnt ich zusammenstellen auf der Ringstraße!

DER ABONNENT: Da kann man wirklich empört sein. Pfui, Drückeberger in Frankreich!

DER ERSTE (dreht sich um): Meinen Sie vielleicht mich?

DER ABONNENT: Sie? Ich kenn Sie gar nicht, lassen Sie mich in Ruh –

DER ZWEITE: Das möchten wir uns auch ausgebeten haben – Sie können gar nicht wissen –

DER PATRIOT: Aber bitte, bitte meine Herrn, der Herr hat von Drückeberger in Frankreich gesprochen, also brauchen Sie gar nicht so aufgeregt sein, Sie sind ja nicht aus Frankreich.

DER ERSTE: A so, also pardon, also wenn sich das nicht auf Österreich bezieht, so hab ich mich geirrt, djehre! (Beide ab.)

DER ABONNENT: Sehn Sie, frech wern auch noch! Der hat das mit Drückeberger in Frankreich faktisch auf sich bezogen.

DER PATRIOT: Wahrscheinlich ein Franzos, der sich gedruckt hat und hier sein Unwesen treibt, kann man wissen, Sie, ich laß mich hängen, wenn das nicht ein Deserteur is oder gar ein Spion!

DER ABONNENT: Ich hab auch stark den Eindruck.

DER PATRIOT: Überhaupt, wie es in den feindlichen Staaten zugeht!

DER ABONNENT: Wem sagen Sie das! Sind nicht zum Beispiel, um gleich bei Frankreich zu bleiben, dort jetzt Nachmusterungen ausgeschrieben, man soll sich nur vorstellen, Nachmusterungen!

DER PATRIOT: Aber nicht genug, daß dort Nachmusterungen stattfinden – die sie nehmen, müssen auch an die Front! Ich hab gelesen von »Einstellung der Nachgemusterten in Frankreich«!

DER ABONNENT: Und was sagen Sie zu den Mißständen in der französischen Heeresintendantur?

DER PATRIOT: Verträge für Kriegslieferungen sind zu haarsträubenden Preisen abgeschlossen worden.

DER ABONNENT: Bei den Konserven- und Munitionslieferungen sollen bedenkliche Preisunterschiede festgestellt worden sein.

DER PATRIOT: Wucherpreise sind gezahlt worden für Tuch, Leinwand und für Mehl.

DER ABONNENT: Von gewissen Zwischenhändlern sind bei den Abschlüssen der Verkäufe große Verdienste erzielt worden! Mit Zwischenhändlern arbeiten sie!

DER PATRIOT: Wo?

DER ABONNENT: No in Frankreich!

DER PATRIOT: Schkandal!

DER ABONNENT: Und in offener Parlamentssitzung wird so etwas vorgebracht!

DER PATRIOT: Also ob das bei uns möglich wäre! Zum Glück haben wir –

DER ABONNENT: Kein Parlament, meinen Sie –

DER PATRIOT: Ein reines Gewissen, wollte ich sagen.

DER ABONNENT: Millerand Millerand – Alexandre Etienne Millerand, franz. Kriegsminister hat selbst alles eingestanden, es sei unmöglich, hat er gesagt, Fehler zu vermeiden, aber es werde unnachsichtlich vorgegangen.

DER PATRIOT: Ich merk nix davon!

DER ABONNENT: No und Rußland? Sehr bezeichnend ist, daß sie dort schon die Duma einberufen müssen und die Regierung muß sich eine offene Sprache gefallen lassen.

DER PATRIOT: Bei uns wär so etwas ausgeschlossen, wir haben zum Glück –

DER ABONNENT: Ein reines Gewissen, weiß schon.

DER PATRIOT: Kein Parlament, wollte ich sagen.

DER ABONNENT: No und was sagen Sie zur Ernte?

DER PATRIOT: Ich sag nur: Schlechte Ernte in Italien, Mißernte in England. Ungünstige Ernteaussichten in Rußland. Besorgnisse wegen der Ernte in Frankreich. Und was sagen Sie zum Kurs, he?

DER ABONNENT: Was soll ich sagen? Der Preisfall des Rubels spricht eine deutliche Sprache.

DER PATRIOT: Gott wenn man damit zum Beispiel unsere Krone vergleicht –

DER ABONNENT: Miserabel stehn auch Lire, um 3o Perzent gesunken!

DER PATRIOT: Die Krone zum Glück nur um das Doppelte.

DER ABONNENT: Apropos Italien, haben Sie heut drüber gelesen, wie es schon drunten drunter und drüber geht? Der Messagero beklagt sich über die ungenügende Kehrichtabfuhr in Rom, was ein sehr charakteristisches Licht auf die dortigen zustände wirft.

DER PATRIOT: Wenn man damit unsere Wiener Straßen vergleicht! Als ob die im Krieg schmutziger wären wie im Frieden! Hat man je in einer von unsere Zeitungen ein Wort lesen können, daß in diesem Punkt vielleicht etwas nicht in Ordnung wäre? No ja, höchstens hin und wieder steht in der Presse – also etwas vom »Mistbauer und die Fliege« – das is aber auch intressant!

DER ABONNENT: Und das sind Übelstände, die schon zum Teil beseitigt sind. Haben Sie nicht gelesen: »Teilweise Auflassung des Mistbauers«? No also!

DER PATRIOT: Was sagen Sie zu England?

DER ABONNENT: Ich sag, in England sind die Kartoffelpreise kolossal in die Höhe gegangen.

DER PATRIOT: Ja und es stellt sich sogar heraus, daß sie dort jetzt noch niedriger sind wie bei uns im Frieden. Also da kann man sich vorstellen!

DER ABONNENT: No und die Behandlung unserer Zivilinternierten? Haben Sie gelesen, wie die schmachten müssen? Sie wissen doch, wie gut es bei uns den russischen Kriegsgefangenen geht.

DER PATRIOT: Dafür nehmen sie sich natürlich die größten Frechheiten heraus. Da hab ich mir erzählen lassen, in Tirol auf dem Brenner läßt man sie Schützengräben bauen, damit sie eine Beschäftigung haben. Was glauben Sie tun sie? Weigern tun sie sich! No, macht man selbstredend kurzen Prozeß. Aus Innsbruck wird ein Detachement geholt, noch einmal wern sie gefragt, ob sie die Schützengräben bauen wollen. Nein! heißt es. Legt man an. Nu na nicht, genieren wird man sich, was heißt Völkerrecht, Krieg ist krieg. Aber gute Potsch wie sie schon sind bei uns, hat man noch Geduld gehabt und fragt sie noch ein mal, die Rebellen. Nein heißt es! Zielt man. Da natürlich – hätten Sie sehn sollen, melden sich auf einmal alle, ja, sie wolln Schützengräben baun. Ein Geriß war auf amol um die Schützengräben, sag ich Ihnen. Das heißt, alle bis auf vier. No die wern natürlich erschossen, selbstredend. Unter ihnen war ein Fähnrich – hörn Sie nur zu –

DER ABONNENT: Ich hör.

DER PATRIOT: Wahrscheinlich der erste Rädelsführer von ihnen. Hat die Frechheit und hält noch eine Ansprache gegen Österreich, oben am Berg. Wahrscheinlich ein Antisemit. Hörn Sie zu –

DER ABONNENT: Ich hör.

DER PATRIOT: Unsere Leut, ich mein, die Eigenen, gutherzig wie sie sind, waren aber zu aufgeregt beim Schießen, sie haben um keinen Preis treffen können, hat also der Hauptmann persönlich nachhelfen müssen und hat die Kerle mit dem Dienstrevolver abgeschossen. Also was sagen Sie, was sich die Russen bei uns herausnehmen!

DER ABONNENT: Bei uns? Was sie sich bei ihnen herausnehmen gen die österreichischen Gefangenen, sagen Sie lieber! Falls Sie noch nicht gelesen haben sollten, was heute steht, hier, ich hab’s bei mir, hörn Sie: Mißbrauch Kriegsgefangener durch die russischen Truppen zur Teilnahme an den Feindseligkeiten. Aus dem Kriegspressequartier wird geschrieben: Seit der Vertreibung der Russen aus Galizien vergeht selten ein Tag, an dem nicht irgend eine bisher noch nicht bekanntgewordene Verletzung des Völkerrechtes durch die russischen Truppen aufgedeckt werden würde, so daß es heute kaum noch eine Bestimmung des Kriegsrechtes gibt, von der nicht feststünde, daß sie von russischer Seite mit Füßen getreten wird.

DER PATRIOT: Sehr gut.

DER ABONNENT: Hörn Sie nur zu –

DER PATRIOT: Ich hör.

DER ABONNENT: So wird durch die in den besetzt gewesenen Teilen Galiziens jetzt durchgeführten Gendarmerieerhebungen bekannt, daß, auf Grund eines Befehles der russischen Armeekommandanten, während der ganzen Okkupationsdauer alle irgendwie arbeitsfähigen Männer und Weiber außer zu anderen Arbeiten im Bedarfsfall speziell zur Erbauung von Schützengräben –

DER PATRIOT: Was sagt man!

DER ABONNENT: – zwangsweise herangezogen und hiezu bis in die Karpathen getrieben wurden. Daß es dem Feinde nach den Haager Konventionen ausdrücklich untersagt ist, der friedlichen Bevölkerung des besetzten Gebietes Dienstleistungen aufzuerlegen, welche auf die Bekämpfung ihres Vaterlandes hinauslaufen, focht die russischen Machthaber natürlich nicht an.

DER PATRIOT: Focht sie nicht an! Packasch! Bagage – frz. Gesindel, Lumpenpack

DER ABONNENT: Hörn Sie nur zu –

DER PATRIOT: Ich hör.

DER ABONNENT: Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Russen, wie jetzt gleichfalls festgestellt wurde, auch die in ihre Kriegsgefangenschaft geratenen Angehörigen der k. u. k. Armee zur Erbauung von Werken gegen uns mißbrauchen –

DER PATRIOT: Unerhört! Ganz derselbe Fall!

DER ABONNENT: – obwohl dies gleichfalls den Haager Vertragsbestimmungen zuwiderläuft, nach denen die Kriegsgefangenen nicht zu Arbeiten verwendet werden dürfen, die mit den kriegerischen Unternehmungen in irgend einem Zusammenhang stehen. Ein merkwürdiger Zufall brachte es mit sich, daß das k. u. k. 82. Infanterieregiment jüngst einen russischen Stützpunkt erstürmte, den kriegsgefangene Angehörige desselben Regiments hatten errichten müssen. Auf einer Holztafel fand man dort folgende ungarische Inschrift: »Diesen Stützpunkt erbauten Szekler des 82. Infanterieregiments«. Zu der kürzlich gemeldeten zwangsweisen Vertreibung österreichischer Staatsbürger aus ihrer Heimat tritt diese zwangsweise Anhaltung österreichisch-ungarischer Staatsangehöriger zur Teilnahme an den Feindseligkeiten gegen ihr Vaterland nicht als Gegenstück, sondern als eine, das russische Kampfsystem ergänzende Maßregel hinzu. – No was sagen Sie jetzt?

DER PATRIOT: Echt russisch! Das hat die Welt nicht geschn! Das is wirklich kein Gegenstück, das is geradezu eine ergänzende Maßregel! Und von den armen österreichischen Soldaten hat wahrscheinlich keiner sich getraut, sich zu weigern.

Der ABONNENT: No hat denn jeder die Chutzpe Chuzpe – hebr.-jidd. Unverfrorenheit, Unverschämtheit von so einem russischen Fähnrich?

DER PATRIOT: Eine Ansprache gegen den Staat zu halten oben mitten am Berg!

DER ABONNENT: Oben auf den Karpathen!

DER PATRIOT: Wieso Karpathen? Oben am Brenner!

DER ABONNENT: Oben am Brenner! Da kann man wirklich sagen, kein Tag vergeht ohne solche himmelschreiende Kontraste!

DER PATRIOT: Ausgezeichnet war der Artikel von Professor Brockhausen, wie er geschrieben hat, niemals sind bei uns wehrlose Gefangene auch nur mit Worten gehöhnt worden.

DER ABONNENT: Recht hat er gehabt: Das war doch dieselbe Nummer der Presse, wo der Stadthauptmann von Lemberg verlautbart hat, russische Gefangene sind während ihres Transportes durch die Straßen von einem Teil des Publikums beschimpft und mit Stöcken geschlagen worden. Er hat ausdrücklich konstatiert, daß das ein Verhalten sei, einer Kulturnation unwürdig.

DER PATRIOT: Er hat zugegeben, wir sind eine Kulturnation, nicht bloß die Juden.

DER ABONNENT: Selbstredend. Aber es gibt auch wirklich keinen Punkt, wo wir uns nicht unterscheiden würden von den Feinden, die ja doch ein Abschaum der Menschheit sind.

DER PATRIOT: Zum Beispiel im feinen Ton, den wir selbst gegenüber den Feinden anschlagen, die doch die größte Packasch sind auf Gottes Erdboden.

DER ABONNENT: Und vor allem sind wir im Gegensatz zu ihnen immer human! Die Presse zum Beispiel hat im Leitartikel sogar an die Fische und Seetiere in der Adria gedacht, daß sie jetzt gute Zeiten haben wern, weil sie so viel italienische Leichen zu fressen bekommen. Das ist doch schon wirklich die Humanität auf die Spitze getrieben, in diesen verhärteten Zeiten noch an die Fische und an die Seetiere in der Adria zu denken, wo doch sogar Menschen Hunger leiden müssen!

DER PATRIOT: Ja, übertrieben, wie er überhaupt manchmal is. Aber – er gibts ihnen ordentlich! Und nicht nur die Humanität im Krieg haben wir vor ihnen voraus, sondern etwas, was noch weit wertvoller ist – die Ausdauer! Bei die andern herrscht doch schon überall Entmutigung. Froh wären sie, wenn es zu End wär. Bei uns –?

DER ABONNENT: Das is mir auch schon aufgefallen. Da is zum Beispiel Entmutigung in Frankreich!

DER PATRIOT: Verdrossenheit in England!

DER ABONNENT: Verzweiflung in Rußland!

DER PATRIOT: Zerknirschung in Italien!

DER ABONNENT: Überhaupt, die Stimmungen in der Entente! Entente – das Militärbündnis aus England, Frankreich, Rußland und Italien

DER PATRIOT: Es rieselt im Gemäuer.

DER ABONNENT: An Poincaré nagt die Sorge.

DER PATRIOT: Grey ist mißmutig.

DER ABONNENT: Der Czar wälzt sich im Bett.

DER PATRIOT: Beklemmung in Belgien.

DER ABONNENT: Das erleichtert! Demoralisation in Serbien.

DER PATRIOT: Da fühlt man sich! Verzweiflung in Montenegro.

DER ABONNENT: Da kann man noch hoffen! Bestürzung im Viererverband.

DER PATRIOT: Da derfangt man sich! Zweifel in London, Paris und Rom. Man brauch wirklich nur die Titeln anschaun, man brauch gar nicht weiter lesen, weiß man doch schon woran man is. Man sieht, wie mies es jenen geht und wie gut uns. Stimmungen haben wir auch, aber gottlob etwas andere!

DER ABONNENT: Bei uns herrscht Freude, Zuversicht, Jubel, Hoffnung, Genugtuung, wir sind immer gut aufgelegt, warum nicht, recht hammer.

DER PATRIOT: Das Durchhalten zum Beispiel, das is unsere Passion.

DER ABONNENT: So gut wie wir treffen sie das nirgends.

DER PATRIOT: Der Wiener speziell is ein Prima-Durchhalter. Alle Entbehrungen tragen sie bei uns, als ob es ein Vergnügen wär.

DER ABONNENT: Entbehrungen? Was für Entbehrungen?

DER PATRIOT: Ich mein, wenn es Entbehrungen geben möcht –

DER ABONNENT: Es gibt aber zum Glück keine!

DER PATRIOT: Ganz richtig. Es gibt keine. Aber sagen Sie – wenn man nicht entbehrt – wozu muß man dann eigentlich durchhalten?

DER ABONNENT: Das kann ich Ihnen erklären. Es gibt allerdings keine Entbehrungen, aber man erträgt sie spielend – das ist die Kunst. Das haben wir seit jeher getroffen.

DER PATRIOT: Eben. Das Anstellen zum Beispiel is eine Hetz – sie stellen sich förmlich dazu an.

DER ABONNENT: Der einzige Unterschied gegen früher is, daß jetzt Krieg is. Wenn nicht Krieg wär, möcht man rein glauben, es is Friede. Aber Krieg is Krieg, und da muß man so manches, was man früher nur gewollt hätt.

DER PATRIOT: Eben. Bei uns hat sich gar nix verändert. Und wenn es ja alle heilige Zeiten einmal bei uns zu Nachmusterungen kommt, soll man sich anschaun, nicht erwarten können sie’s an die Front zu kommen, unsere jungen Leut bis zu fufzig Jahr.

DEP ABONNENT: Die ältern Jahrgänge sind noch gar nicht gemustert.

DER PATRIOT: Haben Sie gelesen, »Aushebung der Neunzehnjährigen in Italien«? Der Titel allein sagt schon die ganze furchtbare Wahrheit.

DER ABONNENT: Nein, das muß mir entgangen sein. Was Sie sagen, so junge Leut! Bei uns, da muß einer doch schon reifer sein, jetzt sind, wenn ich nicht irre, noch die Fünfzigjährigen bei uns an der Tour, aber natürlich nur für den Etappenraum, es sind noch genug 49jährige draußen.

DER PATRIOT: In Frankreich halten sie schon bei der Ausmusterung der 48jährigen!

DER ABONNENT: Also Leute mit grauen Haaren! Die Jüngern scheinen alle schon verbraucht zu sein. Wir rücken im März mit den 17jährigen heraus, das wird eine Freud sein.

DER PATRIOT: Natürlich, das sind die schönsten Jahre! Wissen Sie, worin auch der Unterschied liegt? In der Ausrüstung. Die is nämlich das Wichtigste. Aber bei uns versteht sich das einfach von selbst, da wird gar kein Aufhebens gemacht. Haben Sie gelesen heute: Italienische Sorgen wegen warmer Gebirgskleidung für die Soldaten?

DER ABONNENT: Sorgen was sie haben!

DER PATRIOT: Bei uns kümmert man sich um so was gar nicht. Bagatell! Man vergibt die Lieferungen und fertig. Sie kennen doch die Geschichte mit den Wolldecken? Oder nicht?

DER ABONNENT: Nein.

DER PATRIOT: Da haben Sie ein großartiges Beispiel, wie das alles bei uns von selbst geht. Feiner & Co. machen einen Schluß auf anderhalb Millionen Wolldecken aus Deutschland, unser Kriegsministerium war der Ansicht, so viel beiläufig wird nötig sein für die Karpathen im Winter. Man hat aber die Sache nicht tragisch genommen, weil man ja schon vorher mit dem Endsieg gerechnet hat. Also wie es dann doch ernst wird, heißt es plötzlich, schön, aber zuerst müssen die Zollformalitäten erledigt wern. Der Finanzminister is um keinen Preis zu bewegen, die Ware früher herauszugeben, und der Kriegsminister hat wieder gesagt, man braucht sie. Was soll ich Ihnen sagen, das is so sechs Monate gegangen, hin und her zwischen Kriegsministerium und Finanzministerium. Durch der ganzen Karpathenschlacht hindurch. Da entschließt sich die Firma, und Katzenellenbogen aus Berlin, Sie wissen doch, der bei uns die rechte Hand is speziell im Kriegsministerium, interveniert persönlich. Er is hinaufgegangen zum Finanzminister und sagt ihm direkt ins Gesicht, das geht nicht! Der Finanzminister sagt, er kann das nicht kurzerhand erledigen. Sagt ihm Katzenellenbogen, energisch wie er is Sie wissen doch, seine Gewure, sagt ihm also Katzenellenbogen, erstens geht die Firma in Konkurs, zweitens gehn die Wolldecken zugrund, sie liegen im Freien bei der Nässe und Kälte, sie sind schon fast alle hin –

DER ABONNENT: Wer?

DER PATRIOT: No, die Wolldecken! Sie sind nämlich im Freien gelagert.

DER ABONNENT: Wer?

DER PATRIOT: No, die Wolldecken! Was fragen Sie? Also, sagt er kategorisch, erstens geht die Firma in Konkurs, zweitens gehn die Wolldecken zugrund und drittens brauchen sie schließlich auch die Soldaten. Zuckt der Finanzminister mit die Achseln und antwortet ihm, er kann nicht, der Akt muß erledigt wern. Erst der Zoll, dann die Decken –

DER ABONNENT: No warum hat aber das Kriegsministerium nicht gezahlt?

DER PATRIOT: Frag! Der Kriegsminister hat sich auf den Standpunkt gestellt, er kann nicht, erst muß der Akt erledigt wern.

DER ABONNENT: Der Akt für den Zoll? Das erklärt doch der Finanzminister?

DER PATRIOT: Konträr, der Akt über die Flüssigmachung für den Zoll!

DER ABONNENT: Ah so, no und was is da geschehn? ich bin schon gespannt –

DER PATRIOT: Was geschehen is? Katzenellenbogen geht wieder hinauf und sagt ihm ins Gesicht: Exzellenz, sagt er, das Kriegsministerium gibt nicht nach. Sagt er, ich will Ihnen was sagen. Im kaufmännischen Verkehr is es üblich, wenn eine Kunde momentan nicht zahlen kann, man erkundigt sich aber und hört, die Kunde is gut, so is es üblich, man stundet ihr. Exzellenz, ich wer Ihnen was sagen, erkundigen Sie sich über das Kriegsministerium, Sie wern hörn, es is gut – was ham Sie davon, stunden Sie ihm! No, das hat ihm eingeleuchtet. Man hat gestundet und die Wolldecken sind ausgeliefert worn.

DER ABONNENT: No also, war doch alles in schönster Ordnung?

DER PATRIOT: So weit ja. Da war aber schon März. Was soll ich Ihnen sagen, wie man die Decken herauszieht, sind sie total verdorben. Jetzt hat man Flüchtlinge genommen, immer zwei zusammstoppen lassen, und wie schließlich April wird und alles war so weit in Ordnung, leider doppelt so teuer wie bei der Bestellung, no so eine Arbeit will doch bezahlt sein, Kleinigkeit anderhalb Millionen Wolldecken zammstoppen – also wie alles fertig war, was glauben Sie daß sich da herausstellt?

DER ABONNENT: Noo –?

DER PATRIOT: Stellt sich heraus, die Soldaten haben die Wolldecken gar nicht mehr gebraucht. Denn erstens war schon nicht mehr so kalt in den Karpathen, und dann waren den meisten sowieso schon die Füß abgefroren. – No, jetzt frag ich einen Menschen: machen wir uns Sorgen wegen Wolldecken?

DER ABONNENT: Die Italiener ja! Das ham sie jetzt davon! Was sagen Sie zu Lebensmittelteuerung in Italien?

DER PATRIOT: Davon hab ich nichts gelesen, ich hab nur gelesen von schlechter Ernte in Italien.

DER ABONNENT: Verwechseln Sie das nicht mit Mißernte in England?

DER PATRIOT: Das is wieder ein anderes Kapitel, genau so wie man wieder Lebensmittelknappheit in Rußland unterscheiden muß.

DER ABONNENT: Ich bitt Sie, es is überall dasselbe. Und Verlustlisten zum Beispiel haben sie auch schon überall eingeführt.

DER PATRIOT: Ja, genau wie bei uns, alles machen sie nach –

DER ABONNENT: Entschuldigen Sie, wie meinen Sie das? Haben wir denn –

DER PATRIOT: Im Gegenteil, bei uns is jetzt die Tägliche englische Verlustliste eingeführt.

DER ABONNENT: Das is mir auch schon aufgefallen, während die unsere nur alle heiligen Zeiten einmal erscheint.

DER PATRIOT: No soll man vielleicht fälschen und Namen erfinden? Wenn’s hoch kommt, ham wir in dem Jahr vielleicht achthundert Verwundete gehabt!

DER ABONNENT: In Italien erscheint überhaupt keine. Das is wohl mehr als verdächtig. Sie können eben ihre Hekatomben nicht zugeben, was sie schon erlitten haben.

DER PATRIOT: Apropos Italien, haben Sie gelesen, Verabschiedung eines italienischen Generals? Wegen an der Front bewiesener Unfähigkeit! Weitere Verabschiedungen sollen bevorstehen!

DER ABONNENT: Ssss …! Sollte man nicht für möglich halten. Hat man bei uns je etwas davon gehört, daß ein General –

DER PATRIOT: No, no, das schon.

DER ABONNENT: Wegen Unfähigkeit?

DER PATRIOT: Auch!

DER ABONNENT: Aber er hat doch wenigstens nicht Gelegenheit gehabt, sie an der Front zu beweisen!

DER PATRIOT: Das nicht, da haben Sie recht. Wissen Sie übrigens, daß es auch schon Drückeberger in Italien gibt?

DER ABONNENT: Wo denn sonst? Und kaum daß sie den Krieg angefangen haben! Aber wissen Sie, was sie auch schon eingeführt haben? Eine Zensur! Mit der Freiheit der Meinungsäußerung soll es übrigens bei allen miserabel stehn. Kein freies Wörtl darf man dort reden, hab ich mir sagen lassen.

DER PATRIOT: Höchstens is den Zeitungen dorten erlaubt zu schreiben, daß unsere militärische Lage viel besser is wie ihre eigene. No ja, die Wahrheit läßt sich eben nicht unterdrücken. Die englischen Militärkritiker bezeichnen die Lage der Ententemächte als hoffnungslos.

DER ABONNENT: Schöne Wirtschaft, daß sie das erlauben! Wenn bei uns einer so etwas sagen möcht, was möcht ihm passieren!

DER PATRIOT: Wenn er sagen möcht, daß die Lage der Ententemächte hoffnungslos ist?

DER ABONNENT: Nein, wenn er sagen möcht, daß die Lage der Zentralmächte Zentralmächte – Mittelmächte, Deutschland und Österreich hoffnungslos ist. Mit Recht möcht er aufgehängt wern. So eine Frechheit nimmt sich hier keiner heraus.

DER PATRIOT: Warum sollte er auch? Er müßte lügen! Sehn Sie, sogar in England sagen sie die Wahrheit, wenn sie nämlich zugeben müssen, daß es ihnen schlecht geht.

DER ABONNENT: Schöne Patrioten müssen das dorten sein. Neulich hat einer dorten geschrieben, England verdient, daß es von Deutschland vernichtet wird. No, dem ist das aber übel bekommen. Wissen Sie, was sie dem aufgepelzt haben? 14 Tage!

DER PATRIOT: (sich an den Kopf greifend): Gefängnisstrafe für Kritik in England. Schöne Zustände das! 14 Tage!

DER ABONNENT: Ja, so etwas hören die Herrn freilich nicht gern, die Wahrheit können sie nicht vertragen. Bei uns würde sich aber auch kein Journalist zu so etwas hinreißen lassen.

DER PATRIOT: No und is es denn in Frankreich besser? Nicht um einen Gran. Ham Sie nicht grad heut in der Presse gelesen: Gefängnisstrafen für Verbreitung der Wahrheit in Frankreich? Also bitte, weil einer die Wahrheit gesagt hat! Nämlich eine Dame – sie hat gesagt, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet, Frankreich aber nicht. Also wenn man ihnen ja einmal die Wahrheit ins Gesicht sagt –

DER ABONNENT: Nein, das vertragen sie nicht, die Herrn Machthaber in Frankreich! Krieg führen, ja das passet ihnen, Deutschland, einen friedliebenden Nachbarn, aus blauem Himmel überfallen, das passet ihnen –

DER PATRIOT: Goldene Worte, Deutschland führt einen Verteidigungskrieg, keine Seele in Deutschland war auf den Krieg vorbereitet, die schwerindustriellen Kreise waren förmlich wie vor den Kopf geschlagen.

DER ABONNENT: Selbstredend, und wenn die arme Person in Frankreich eine so einfache Wahrheit, die auch der Laie begreift, in schlichten Worten –

DER PATRIOT: Sie, da ham Sie sich jetzt geirrt, die Frau is doch verurteilt worn, weil sie –

DER ABONNENT: No weil sie die Wahrheit gesagt hat!

DER PATRIOT: No sie hat aber doch gesagt, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet –

DER ABONNENT: No die Wahrheit is aber doch, Deutschland war auf den Krieg nicht vorbereitet –

DER PATRIOT: No sie hat aber doch gesagt, Deutschland war auf den Krieg ja vorbereitet!

DER ABONNENT: No das is aber doch eine Lüge!

DER PATRIOT: No sie is aber doch verurteilt worn, weil sie die Wahrheit gesagt hat –

DER ABONNENT: No warum is sie dann aber verurteilt worn?

DER PATRIOT: No weil sie doch gesagt hat, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet!

DFR ABONNENT: No wie kann sie dadafür in Frankreich verurteilt wern, dadafür sollte sie doch in Deutschland verurteilt wern!

DER PATRIOT: – Wieso? – Moment – nein – oder doch – passen Sie auf, ich erklär mir die Sache einfach so: sie hat natürlich die Wahrheit gesagt, aber in Frankreich wie sie dorten schon sind is sie verurteilt worn, weil sie gelogen hat!

DER ABONNENT: Moment, Sie ham sich da verhaspelt. Ich glaub eher, es is so: sie hat gelogen, und verurteilt ham sie sie, weil sie in Frankreich die Wahrheit nicht vertragen können.

DER PATRIOT: Sehn Sie, das wird es sein! Ich bitt Sie, das liegt im Blut. Die Leut lassen sich dorten zu Äußerungen hinreißen.

DER ABONNENT: Natürlich, man liest ja, wie sie dorten in den Zeitungen der Regierung die Wahrheit sagen und was sie zusammenlügen über uns. Das ist Verderbtheit. Wenn man das glauben würde, was in den Londoner Zeitungen über uns steht, würde man glauben, England is fertig.

DER PATRIOT: Ich bitt Sie, wer glaubt das! Bei uns fühlen sie eben anders. Die Mentalität hab ich mir sagen lassen is eine ganz andere. Gottseidank. Unsere Redakteure sind, man kann sagen, noch mehr begeistert wie unsere Soldaten. Speziell im Feuilleton.

DER ABONNENT: Weil Sie Feuilleton sagen – ich wollt Ihnen erzählen, wissen Sie, wer heut zu uns kommt? Raten Sie, der greßte lebende Schriftsteller, Hans Müller! Hans Müller – österr. Schriftsteller, † 1950

DER PATRIOT: Sie, dem können Sie sagen, daß er mir alles aus dem Herzen schreibt! Wie ist der persönlich? Das intressiert mich. Auf seinem Stil paßt kein anderes Wort wie sonnig und goldig. Das war doch mehr wie goldig, wie er in Berlin einem Feldgrauen auf offener Straße ein Pussl gegeben hat, und dann das Gebet für die verbündeten Waffen in der Kirche am Schluß vom Feuilleton! Der is mein spezieller Liebling! Keiner von ihnen allen, wie sie da schreiben, sogar Roda Roda, Salten, Salten – Felix Salten, österr. Schriftsteller, † 1945 hat so das Schulter an Schulter erfaßt wie er, man kann wirklich sagen, er schreibt förmlich Schulter an Schulter – zum Beispiel mit Ganghofer. An den reicht er sogar heran! Im Anfang, wie er das Feuilleton aus dem Felde geschrieben hat, Cassian im Feld, so echt, so begeistert, hat man direkt geglaubt, er is im Feld. Später erst hab ich durch puren Zufall erfahren, daß er in Wien is. Er hat es sogar in Wien selbst geschrieben! Wie er das trefft! Begabt! Intressiern möcht mich nur, wie is er persönlich?

DER ABONNENT: Persönlich – das is schwer zu sagen. Momentan sehr in Ängsten, übermorgen kommt er nebbich zur Musterung.

DER PATRIOT: So, und wieso kommt das, daß er da in Ängsten is?

DER ABONNENT: No wegen der Musterung!

DER PATRIOT: In Ängsten? weil er fürchtet, sie wern ihn nicht nehmen?

DER ABONNENT: Ich versteh Sie nicht, in Ängsten is er selbstredend weil er fürchtet, sie wern ihn ja nehmen!

DER PATRIOT: Machen Sie keinen Witz. Hans Müller? Der Hans Müller, was sich zerreißt fürs Vaterland? Was Sie nicht sagen! Ich hab doch noch nie von einem Menschen gehört, von dem man so geglaubt hätte wie von ihm, er lebt und stirbt für der Nibelungentreue? Ich war konträr der Meinung, er is damals eigens zurück aus Deutschland, wo er die Balmachomes Balmachomes – jidd.-hebr. Soldaten umarmt hat, unsere Feldgrauen, weil er es nicht erwarten kann, weil er sich freiwillig melden will! Der wird doch froh und glücklich sein hab ich mir gedacht, wenn sie ihn nehmen –? und er tut sich was an, wenn sie ihn nicht nehmen!

DER ABONNENT: Wieso, Sie ham doch selbst gehört, das Feuilleton aus dem Feld war aus Wien, und grad das hat Ihnen imponiert, wie er getroffen hat aus dem Feld zu schreiben in Wien?

DER PATRIOT: Das Feuilleton aus dem Feld, hab ich mir gedacht, hat er geschrieben aus Kränkung, weil sie ihn vielleicht schon nicht genommen haben – um zu zeigen! Er wollt ihnen beweisen, was er erst möcht treffen aus dem Feld zu schreiben wenn er wär im Feld! Ich kann nicht glauben, was Sie mir da erzählen. Sie wern ihn verwechseln.

DER ABONNENT: Er wär froh, wenn sie ihn übermorgen bei der Musterung verwechseln möchten.

DER PATRIOT: Hören Sie, das verdrießt mich! Ich kann mir nur denken, daß Sie da nicht genau informiert sind. Wenn einer so geschrieben hat, wie Hans Müller geschrieben hat, so echt, so begeistert, is er sicher froh, daß sie ihn nehmen –

DER ABONNENT (erregt): Also – also jeden müssen sie nehmen? Jeder muß froh sein? Gar keine andere Sorg darf einer mehr haben? Es genügt nicht, daß er begeistert ist? Nein, dienen muß er? Ausgerechnet er? Gemütsmensch was Sie sind! Als ob Sie es nicht erwarten könnten, zu sehn, wie er exerziert. Aber Sie machen sich unnütze Sorgen, und er hoffentlich auch. Und wenn sie ihn nehmen – man weiß zum Glück heute schon, wer Hans Müller is! Man wird ihn verwenden seinem Talent entsprechend!

DER PATRIOT: Sie haben gesehn, ich stimme in allem mit Ihnen überein – aber da gehn unsere Ansichten auseinander! Ich hab an Hans Müller geglaubt und das was ich da hören muß enttäuscht mich. Sie stehn natürlich auf dem Standpunkt des Abonnenten, für Sie ist eine solche Kraft unentbehrlich –

DER ABONNENT: Und Sie betrachten alles als Patriot – da möcht man weit kommen! Adieu, ich such eine Extraausgabe. Und was tun Sie?

DER PATRIOT: Ich geh ein Scherflein beitragen. (In verschiedenen Richtungen ab.)

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Beide Berichtee –!
(Verwandlung.)
Es treten auf ein Riese in Zivil und ein Zwerg in Uniform.

DER RIESE: Sie haben es gut, Sie können sich der Allgemeinheit nützlich machen. Mich hat der Regimentsarzt sofort weggeschickt.

DER ZWERG: Was war der Grund?

DER RIESE: Zu schwach. Nämlich nach dem alten Befund, vor fünfzehn Jahren. Damals hab ich so ausgesehn wie Sie.

DER ZWERG: Darnach muß ich mich wundern, daß man Sie nicht behalten hat. Mich hat der Regimentsarzt kaum angeschaut und ich war schon genommen. Die Mama war sehr unglücklich.

DER RIESE: Sie Muttersöhnchen.

DER ZWERG: Ich aber bin zufrieden. Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken. Zuerst hab ich ja gezweifelt, ob ich in die große Zeit passen werde und imstande sein, Schulter an Schulter zu kämpfen. Aber im Zivil wird man nur verspottet und vom Militär komm ich als Held zurück, über den so manche Kugel hinweggeflogen sein wird. Wenn die andern sich zu Boden werfen – ich bleibe stehn!

DER RIESE: Sie Glücklicher!

DER ZWERG: Trösten Sie sich. Sie können ja nichts dafür. Es kommt auf die Kommission an.

DER RIESE: Ich bin durchgerutscht.

DER ZWERG: Ich bin dem Arzt aufgefallen.

DER RIESE: Gehn wir essen, ich habe einen Riesenhunger.

DER ZWERG: Ich werde eine Kleinigkeit zu mir nehmen.

EIN ZEITUNGSAUSRUFER: Extraausgabee –! Beide Berichtee –!
(Verwandlung.)
Elektrische Bahn Baden-Wien. Ein Schwerbetrunkener, der im zivilen Leben ein Möbelpacker sein dürfte, Riesenfigur, buschiger Schnurrbart, Pepitahosen, welche die Spuren von übermäßigem Weingenuß und einer eben überstandenen gewaltsamen Entfernung vom Tatort zeigen. Er hat einen Sack neben sich, aus dem er hin und wieder eine Flasche hervorzieht. Er gerät mit einem Paar in Streit, weil er an das Mädchen angestoßen ist, bedroht den Begleiter, und brüllt die ganze Fahrt hindurch.

DER SCHWERBETRUNKENE: A so a Binkel – wüll sich da aufbrausnen – wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S’ Ihna! Vur mir! – Schaun S’ mi an – solchene Söhne wia Sö hob i im Föld – die wos mehr Boart ham als wia Sö – die leisten wos – fürs Votterland – Wissen S’ von wo i kumm – von Boden kumm i – Sö Binkel – legimitiern solln S’ Ihna – Was glauben denn Sö – so aner – wüll sich da aufbrausnen –’leicht weil S’ Ihner Muckerl bei Ihna ham – was ham denn Sö fürs Votterland geleisteet?- schaun S’ mi an – i leist was – fürs Votterland – A jeder soll aufbrausnen als wia der – Wos wolln denn Sö? Hab i Ihna vielleicht beleidigt? – Sö Binkel – i leist wos – legimitiern S’ Ihna – do schaun S’ her – wissen S’ wos dös is – a Földpostkarten von mein Neffen – fürs Votterland – Sö Binkel – legimitiern soll er sich – der Binkel – vur mir soll er sich legimitiern – hot nix geleisteet – für’s Votterland – (Nachdem er sich über Zureden des schwächlich aussehenden Kondukteurs ein wenig beruhigt hat, bietet er den Umsitzenden, auf die er abwechselnd fällt, die Flasche.) G’fällig Herr Nachbar – weil mr Österreicher san!

EIN GALIZISCHES FLÜCHTLINGSPAAR: Gott behüte! (Flieht auf andere Plätze, läßt aber an der alten Stelle den Schirm zurück.)

DER SCHWERBETRUNKENE (nur noch lallend): Der Binkel – fürs Votterland – legimitiern –

DER VERZEHRUNGSSTEUERBEAMTE (erscheint): Was haben Sie da im Binkel?

DER SCHWERBETRUNKENE (dumpf): Binkel – fürs Votterland legimitiern – (Er wird nach längerem Zureden dazugebracht, zu öffnen und eine Steuer von 2o Heller zu erlegen. Währenddessen hält der Zug.)

EIN WIENER (der inzwischen den Platz eingenommen hat, wo das Flüchtlingspaar gesessen war): Da müssen wir halt alle warten, wegen so einer Lappalie! Immer gibts auf dera Strecken solche Unannehmlichkeiten! Das is mir schon z’fad! (Er verläßt mit dem Schirm den Zug. Es regnet. Der Schwerbetrunkene verläßt nun gleichfalls den Zug, der sich wieder in Bewegung setzt.)

DER SCHWERBETRUNKENE (schon draußen, wieder lebhafter): Fürs Votterland – soll er – legimitiern soll er si – der Binkel – hot nix geleisteet – für’s Votterland –

DAS FLÜCHTLINGSPAAR (atmet auf und bezieht wieder die allen Plätze. Nach einer Pause aufspringend): Wo is der Schirm? Gott wo is der Schirm? Herr Kondukteur wo is der Schirm?
(Verwandlung.)
In der Wohnung der Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben aus Rußland zurückgekehrt ist. Halb ausgepackte Koffer. Die Reporter Füchsl, Feigl und Halberstam halten ihre Arme und dringen auf sie ein.

ALLE DREI (durcheinander): Haben Sie Spuren von Nagaikas? Zeigen Sie her! Wir brauchen Einzelheiten, Details. Wie war das Moskowitertum? Haben Sie Eindrücke? Sie müssen furchtbar zu leiden gehabt haben, hören Sie, Sie müssen!

FÜCHSL: Schildern Sie, wie Sie behandelt wurden wie eine Gefangene!

FEIGL: Geben Sie Eindrücke von Ihrem Aufenthalt fürs Abendblatt!

HALBERSTAM: Geben Sie die Stimmung von der Rückfahrt fürs Morgenblatt!

ELFRIEDE RITTER (spricht norddeutsch, lächelnd): Meine Herren, ich danke für Ihr teilnahmsvolles Interesse, es ist wirklich rührend, daß mir meine lieben Wiener ihre Sympathien bewahrten. Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie sich sogar persönlich bemüht haben. Ich wollte ja auch gern mit Kofferauspacken warten, aber ich kann Ihnen beim besten Willen, meine Herren, nichts anderes sagen, als daß es sehr, sehr interessant war, daß mir gar nichts geschehen ist, na was denn noch, daß die Rückfahrt zwar langwierig, aber nicht im mindsten beschwerlich war und (schalkhaft) daß ich mich freue, wieder in meinem lieben Wien zu sein.

HALBERSTAM: Intressant – also eine langwierige Fahrt, also sie gibt zu –

FEIGL: Beschwerlich hat sie gesagt –

FÜCHSL: Warten Sie, die Einleitung hab ich in der Redaktion geschrieben – Moment – (schreibend) Aus den Qualen der russischen Gefangenschaft erlöst, am Ziele der langwierigen und beschwerlichen Fahrt endlich angelangt, weinte die Künstlerin Freudentränen bei dem Bewußtsein, wieder in ihrer geliebten Wienerstadt zu sein –

ELFRIEDE RITTER (mit dem Finger drohend): Doktorchen, Doktorchen, das habe ich nicht gesagt, im Gegenteil, ich habe doch gesagt, daß ich mich über nichts, über gar nichts beschweren konnte –

FÜCHSL: Aha! (schreibend) Die Künstlerin blickt heute mit einem gewissen ironischen Gleichmut auf das Überstandene zurück.

ELFRIEDE RITTER: Ja, aber was denn – da muß ich doch sagen – nee, Doktor, ich bin empört –

FÜCHSL (schreibend): Dann aber, wenn der Besucher ihrer Erinnerung nachhilft, packt sie doch wieder Empörung. In bewegten Worten schildert die Ritter, wie ihr jede Möglichkeit, sich über die ihr zuteilgewordene Behandlung zu beschweren, genommen war.

ELFRIEDE RITTER: Aber Doktor, was treiben Sie denn – ich kann doch nicht sagen –

FÜCHSL: Sie kann gar nicht sagen –

ELFRIEDE RITTER: Aber wirklich – ich kann doch nicht sagen –

HALBERSTAM: Aber gehn Sie, Sie wissen gar nicht, was man alles sagen kann! Liebe Freundin, schaun Sie her, das Publikum, verstehn Sie, will lesen. Ich sag Ihnen, Sie können sagen. Bei uns ja, in Rußland vielleicht nicht, hier herrscht Gottseidank Redefreiheit, nicht so wie in Rußland, hier kann man Gottlob alles sagen, über die Zustände in Rußland! Hat sich in Rußland eine Zeitung um Sie gekümmert? No also!

FEIGL: Ritter, sind Sie vernünftig; glauben Sie, daß Ihnen ein bißl Reklam schaden wird, jetzt wo Sie wieder auftreten wern, no also!

ELFRIEDE RITTER: Aber meine Herren – ich kann doch nicht das ist doch bei den Haaren herbeigezogen – wenn Sie es gesehn hätten – auf der Straße oder in den Ämtern – wenn ich nur Anlaß zur geringsten Klage gehabt hätte, über Drangsalierungen und so, glauben Sie denn, ich würde es verschweigen?

FÜCHSL (schreibend): Noch vor Erregung zitternd, schildert die Ritter, wie der Straßenmob sie bei den Haaren gezogen hat, wie sie auf die geringste Klage hin von den Ämtern drangsaliert wurde und wie sie über alle diese Erlebnisse Schweigen bewahren mußte.

ELFRIEDE RITTER: Aber Doktor, Sie treiben wohl Ulk? Ich sage Ihnen doch sogar, daß die Polizeibeamten sehr entgegenkommend waren, man hat mir, wo man nur konnte, unter die Arme gegriffen, ich durfte ausgehn, wohin ich wollte, nachhause kommen, wann ich wollte, ich versichere Ihnen, wenn ich mich auch nur ein Augenblickchen als Gefangene gefühlt hätte –

FÜCHSL (schreibend): Die Künstlerin erzählt, daß ihr, als sie einmal den Versuch machte, auszugehen, augenblicklich Polizeibeamte entgegenkamen, sie unter den Armen ergriffen und nachhause schleppten, so daß sie buchstäblich das Leben einer Gefangenen geführt hat –

ELFRIEDE RITTER: Jetzt bin ich aber ernstlich böse – es ist nicht wahr, meine Herren, ich protestiere –

FÜCHSL (schreibend): Sie wird ganz böse, wenn man ihre Erinnerung, an diese Erlebnisse, an ihre aussichtslosen Proteste –

ELFRIEDE RITTER: Es ist nicht wahr, meine Herren!

FÜCHSL (aufblickend): Nicht – wahr? Was heißt nicht wahr, wo ich jedes Wort von Ihnen mitschreib?

FEIGL: Wenn wir bringen wollen, is es nicht wahr?

HALBERSTAM: Wissen Sie, das is mir noch nicht vorgekommen. Das is intressant!

FEIGL: Sie is imstand und schickt noch eine Berichtigung!

FÜCHSL: Sie machen Sie keine Geschichten, das kann Ihnen schaden!

FEIGL: Machen Sie sich nicht unglücklich!

HALBERSTAM: Wann hat sie denn wieder eine Rolle?

FÜCHSL: Wenn ich das Samstag beim Repertoire dem Direktor erzähl, kriegt die Berger das Gretchen, das garantier ich Ihnen!

FEIGL: Das is also der Dank, wo der Fuchs Sie immer so gut behandelt hat? Sie, Sie kennen den Fuchs nicht! Wenn er hören wird, passen Sie auf, bei der nächsten Premier!

HALBERSTAM: Wolf hat sowieso einen Pick auf Sie, seit Sie damals in seinem Stück gespielt haben, das kann ich Ihnen verraten, Wolf is ohnedem sehr gegen Rußland, wenn er jetzt noch hören wird, daß Sie sich über Rußland nicht zu beklagen haben – er verreißt Sie auf der Stelle!

FÜCHSL: Kunststück, und Löw? Fangen Sie sich nichts mit Löw an, eine Schauspielerin hat sich anzupassen, da gibts nix!

FEIGL: Dagegen kann ich Ihnen verraten, möchte es Ihnen kolossal nützen, nicht nur beim Publikum, sondern sogar bei der Presse selbst, wenn Sie in Rußland mißhandelt wurden.

HALBERSTAM: Überlegen Sie sich das. Sie kommen aus Berlin und haben sich rasch in die hiesigen Verhältnisse eingelebt. Hier is es Ihnen immer gut gegangen, mit offenen Armen hat man –

FÜCHSL: Ich kann Ihnen nur sagen, mit solchen Dingen is nicht zu spassen. Eine Person soll in Rußland gewesen sein und nichts zu erzählen haben von ausgestandene Leiden, lächerlich, eine erstklassige Künstlerin! Ich sag Ihnen, es handelt sich um Ihre Existenz!

ELFRIEDE RITTER (händeringend): Aber – aber – aber – Herr Redakteur – ich hab ja – geglaubt – lieber Doktor – bitte bitte lieber Doktor – ich hab ja nur – die Wahrheit sagen wollen – entschuldigen Sie – bitte bitte sehr –

FEIGL (wütend): Die Wahrheit nennen Sie das? Und wir lügen also?

ELFRIEDE RITTER: Das heißt – Pardon – ich hab nämlich – geglaubt, es sei die Wahrheit – wenn Sie aber – meine Herren glauben – daß es – nicht die Wahrheit ist – Sie sind ja Redakteure – Sie – müssen ja – das – besser verstehn. Wissen Sie – ich als Frau hab ja auch gar nicht mal so den rechten – Überblick, nich wahr? Mein Gott – Sie verstehn – es ist doch Krieg – unsereins ist so verschüchtert – man ist so froh, wenn man nur mit heiler Haut aus Feindesland –

HALBERSTAM: No sehn Sie, wenn Sie sich erinnern nach und nach –

ELFRIEDE RITTER: Ach Doktorchen natürlich. Wissen Sie, die erste freudige Aufwallung, wieder in eurem geliebten Wien zu sein – man sieht dann alles rosiger, was man überstanden hat, für’n Momentchen nur, versteht sich – dann aber – faßt einen wieder Wut und Erbitterung –

HALBERSTAM: No also, sehn Sie, wir haben vorn ersten Moment gewußt, Sie wern –

FÜCHSL (schreibt): Wut und Erbitterung faßt noch heute die Künstlerin, wenn sie der ausgestandenen Martern gedenkt und sobald die erste freudige Aufwallung, wieder in der Metropole zu sein, den bösen Erinnerungen Platz gemacht hat – (sich zu ihr wendend) No, is das jetzt wahr?

ELFRIEDE RITTER: Ja, meine Herren, das ist die Wahrheit wissen Sie, ich war noch so unter dem Eindruck – man ist so eingeschüchtert, so –

FÜCHSL: Warten Sie – (schreibend) Noch ganz verschüchtert, wagt sie es nicht davon zu sprechen. Im Lande der Freiheit erliegt sie noch immer zeitweise der Suggestion, in Rußland zu sein, dort, wo sie den Verzicht auf die Rechte der Persönlichkeit, freie Meinung und freie Rede, so schimpflich fühlen mußte. (Sich zu ihr wendend) No, ist das jetzt wahr?

ELFRIEDE RITTER: Nee, Doktor, wie Sie die geheimsten Empfindungen-

FÜCHSL: No sehn Sie!

HALBERSTAM: No also, sie gibt zu, sie hat gelitten –

FEIGL: Sie hat ausgestanden!

FÜCHSL: Was heißt ausgestanden? Wahre Martern hat sie durchgemacht!

HALBERSTAM: Also was brauchen wir da weiter, gehn wir, wir sind doch nicht zu unserm Vergnügen da –

FÜCHSL: Selbstredend, den Schluß mach ich in der Redaktion. Also – eine Berichtigung haben wir nicht zu befürchten? Das hätte noch gefehlt!

ELFRIEDE RITTER: Aber Doktor! – Na, charmant war’s, daß Sie mich besucht haben. Kommt doch bald wieder – Adieu, adieu. (Hinausrufend) Grete! Gre – te!

FEIGL: Sie is wirklich eine vernünftige Person. Grüß Ihnen Gott, Freilein. (Im Abgehn zu den andern) Sie hat das Ärgste überstanden und sie hat nicht den Mut es jemandem zu sagen – nebbich!

(Elfriede Ritter sinkt auf einen Stuhl und erhebt sich dann, um den Koffer auszupacken.)
(Verwandlung.)
Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

DER OPTIMIST: Es ist erhebend und rührend zugleich, wie sich der Patriotismus jetzt selbst auf Firmentafeln zur Geltung bringt, ein Umstand, der mit der Erhöhung der Preise aussöhnen könnte.

DER NÖRGLER: Da müßten Sie dem Hotel Bristol gegenüber unversöhnlich bleiben, das noch immer so heißt, wiewohl es in London selbst im Frieden kein Hotel St. Pölten gegeben hat.

DER OPTIMIST: Immerhin hat das Hotel Bristol durch Verwandlung seines Grillroom in einen Rostraum bewiesen, daß es den Mut und die Kraft aufbringt, sich auf sich selbst zu besinnen. Und sehen Sie, hier – »Zur Flotte«. Wie schlicht! Es ist ein Wäschegeschäft, das bekanntlich noch vor kurzem »Zur Englischen Flotte« hieß. (Der Geschäftsinhaber erscheint in der Tür.)

DER NÖRGLER: Ja, aber da weiß man nicht – warten Sie, ich will ihn fragen, welche Flotte er jetzt eigentlich im Schilde führt. Vielleicht läßt er in der Verwirrung etwas vom Hemdenpreis nach. (Der Geschäftsinhaber zieht sich zurück.) Es ist die österreichische!
(Verwandlung.)
Standort des Hauptquartiers. Vier Heerführer treten auf.

AUFFENBERG: Auffenberg – Moritz Auffenberg von Komarow, 1911 Kriegsminister, † 1928 Also meine Herren, das gibts nicht! Ich habe nicht die Absicht, ein zweiter Benedek Benedek – Ludwig August Ritter von Benedek – österr. General, wurde nach seiner Niederlage in der Schlacht bei Königgratz 1866 in den Ruhestand versetzt zu werden, das laß ich mir einfach nicht gefallen –

BRUDERMANN: Brudermann – Rudolf Ritter von Brudermann, österr. General, nach der Niederlage von Lemberg entlassen, † 1941 Aber geh, sei net zwider, was soll denn unsereins sagen. Ich hab nur achtzigtausend verloren und gegen mich fangen s’ auch schon an zu stierln.

DANKL Dankl – Viktor Graf Dankl von Krasnick, 1915 Landeskommandant von Tirol, † 1941: Mir rechnen s’ die sieberzigtausend nach.

PFLANZER-BALTIN: Pflanzer-Baltin – Karl Freiherr von Pflanzer-Baltin, österr. General, eroberte 1915 Czernowitz, 1918 letzter Sieg Österreichs in Albanien, † 1925 Gar net ignorieren! Bei mir wird g’stürmt, da gibts keine Würschtel. Morgen moch’ mr an Sturm, sonst sitz’ mr in der Scheißgassen. I bin für Sturm, möcht wissen, wozu die Leut sonst auf der Welt sind als fürn Heldentod! Sturm moch mr, Sturm moch mr – (er bekommt einen Anfall.)

AUFFENBERG: Aber geh, aber geh – ganz deiner Ansicht. Ich war immer dafür, daß die Eigenen frisch draufgehn. Bin auch schon mitten drin in der Vorarbeit. I sag, nutzt’s nix, so schadt’s nix. Aber richtig, daß ich nicht vergiß – der Adjutant hat mich wieder nicht erinnert, an alles muß man rein selber denken –

BRUDERMANN: Was hast denn?

AUFFENBERG: Nix – zu blöd – nämlich, also ich muß ihm doch eine Karten schreiben. Seit Lublin Lublin – polnische Stadt, nach der Eroberung durch die Österreicher wurden diese im September 1914 wieder vertrieben nimm ich mirs vor, aber in dem Durcheinander beim Rückzug hab ich richtig total drauf vergessen. Einen Augenblick! (Er setzt sich an einen Tisch und schreibt.) Na, das wird ihn doch gfreun!

DANKL: Was schreibst denn da?

AUFFENBERG: Hörts zu: »In dieser Stunde –«

PFLANZER-BALTIN: Ah, der pulvert die Leut auf – dös tur i net. Mir ham Maschinengwehre und Feldkuraten! Morgen moch mr an Sturm und da –

AUFFENBERG: »In dieser Stunde –«

BRUDERMANN: Schreibst an’ Armeebefehl?

AUFFENBERG: Nein, eine Korrischpodenzkarten.

DANKL: An wen schreibst denn nacher so welthistorisch?

AUFFENBERG: Hörts zu: »In dieser Stunde, in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. Auffenberg.«

BRUDERMANN: Wem schreibst denn? Dem Krobatin?

AUFFENBERG: Aber was fallt denn dir ein? Dem Riedl!

ALLE: Ah dem Riedl!

BRUDERMANN: Der Auffenberg is doch ein Gemütsmensch. Sixt es, das gfreut mich von dir. Da wern s’ dich nicht mehr mit die neunzigtausend Tiroler und Salzburger heanzen können, die du geopfert hast. Geopfert heißen s’ das!

PFLANZER-BALTIN: Gar net ignorieren!!halt beim Hunderter.

DANKL: Wißts, was? Schreiben wir alle dem Riedl!

BRUDERMANN: No ja, ich verkehr eigentlich mehr im Opera – da wer’ ich lieber – (er setzt sich und schreibt.)

PFLANZER-BALTIN: Ich bin im Heinrichshof wie zuhaus, da wer’ ich – (er setzt sich und schreibt.)

DANKL: No ja, das is ja wahr – wo ich seidera 29 Jahr im Café Stadtpark ein- und ausgehn tu – jeden Tag les ich dort mit’n zusammen den Generalstabsbericht – (er setzt sich und schreibt.)

AUFFENBERG (beiseite): Alles machen s’ mir nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr mit’n Hinterland. Schad, daß der Potiorek net da is, aber der hat mir gestern eine Feldpostkartn ausn Café Kremser gschrieben und der Liborius Frank sitzt mit’n Puhallo v. Brlog beim Scheidl. Der Conrad geht auf Freiersfüßen, da is nix mehr mitn Kaffeehausleben. Alles machen s’ mir nach. Ich war der erste, der in’ »Humoristen« mein Bild hineingeben hat, da war ich bahnbrechend. Das war doch amal eine Abwechslung – nicht immer nur lauter Theatermenscher. Jetzt marschiern s’ alle auf, nix wie Generäle, is scho fad, höxte Zeit, daß wieder a Mensch erscheint. Ich war der erste, der die Presse mehr herangezogen hat – jetzt hat scho jeder sein Schlieferl, alles nur wegen der Reglam. Ich bin gespannt, ob der Riedl so viel Geistesgegenwart haben wird, die Karten ins Extrablatt hineinzugeben. Aber richtig, daß ich nicht vergiß, auf d’ Wochen hammer Sturm und da muß ich doch – du Pflanzer was glaubst, soll ich gleich an Sturm machn oder erst auf d’ Wochen?

PFLANZER-BALTIN: Ich will dir in diesem Punkt nichts dreinreden, aber wenn ich an deiner Stell war, ich machet dir an Sturm, daß –

BRUDERMANN: Jetzt wo deine Leut eh kaputt sind, wär ich auch der Meinung. Zum Retablieren is immer noch Zeit. Laß s’ stürmen!

DANKL: Lächerlich. Er soll sich das lieber fürn 18. August aufheben, wenn er schon nicht bis zum 2. Dezember warten will. Das gibt dann immer eine schöne Überraschung.

PFLANZER-BALTIN: Auf solche Liebedienerein laß ich mich net ein. Bei mir wird morgen g’stürmt, da gibts keine Würschtel!

(Ein Adjutant Pflanzer-Baltins tritt ein.)

ADJUTANT: Exlenz melde gehorsamst, die Professoren san scho do und wolln das Ehrendoktorat überreichen.

PFLANZER-BALTIN: Aha, solln warten – wann’s schwer is, sollns es niederstelln und a wengerl verschnaufen. (Der Adjutant ab.)

AUFFENBERG: Also kann man gratuliern? Von welcher Fakultät is ‘s denn?

PFLANZER-BALTIN: Czernowitz.

BRUDERMANN: Aber geh, das is doch keine Fakultät, sondern nur ein Lehrstuhl. Von welchem Fach?

PFLANZER-BALTIN: Philosophie natürlich.

DANKL: Wo rehabilitierst dich?

PFLANZER-BALTIN: Czernowitz. ‘s haßt net viel, aber schließlich –

BRUDERMANN: Ich hab Aussichten für Graz, weil die dortige Studentenschaft in meinen Reihen gekämpft hat. Aber leider spießt sichs, weil s’ aus ‘n nämlichen Grund zuspirrn wolln.

DANKL: Mir könnts bald zum Ehrendoktorat von Innschbruck gratuliern.

AUFFENBERG: Ihr seids Provinzschauspieler. Ich würde so etwas gar nicht annehmen! Ich sag: Wien oder nix. Apropos Wien, der Riedl wird eine Mordsfreud haben! Ich darf nicht vergessen, daß ich den Adjutanten erinner, daß er nicht vergißt, er soll den Kurier erinnern, sonst vergißt der am End und laßt mr die Kartn fürn Riedl liegen!

DANKL, BRUDERMANN, PFLANZER-BALTIN: Das is eine Idee, das mach mr auch, durch’n Kurier is alleweil am sichersten.

AUFFENBERG (beiseite): Alles machen s’ mir nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr mit’n Hinterland!
(Verwandlung.)
Wien. In der Kaffeesiedergenossenschaft. Vier Cafefiers, darunter Riedl, treten auf. Alle reden heftig auf ihn ein.

DER ERSTE: Das geht nicht, Riedl, du bist ein Padriot und schlichter Gewerbsmann, du därfst das nicht – schau, es is ja nur solang der Krieg dauert, später kriegst es ja eh wieder zruck.

DER ZWEITE: Riedl, mach mich nicht schiach, du komprimierst den ganzen Stand, dessen Zierde du heute bist – du mußt, ob du wüllst oder nicht, du mußt!

DER DRITTE: Loßts ‘n gehn, mir folgt er. Riedl, sei net fad. Bist du ein Wiener? No alstern! Bist du ein Deutscher? No alstern!

RIEDL: Aber schauts, wie schaut denn das nacher aus im nächsten Lehmann – immer war ich der, der was am meisten Orden im Weichbild Wiens g’habt hat, so viel wie über mich steht – über keinen drin –

DER ERSTE: Riedl, ich kann dir’s nachfühlen, daß dir das schwer fallt, aber du mußt ein Opfer bringen. Riedl, das wär eine Blamage, das wär geradezu Hochverrat, wo bei dir so viele Schlachtenlenker verkehren und einer gar Stammgast is!

DER ZWEITE: Schau, wir alle bringen Opfer in dera großen Zeit, ich hab sogar den Schwarzen statt auf vier fufzig bloß auf vier vieravierzig hinaufgsetzt, a jeder muß heuntigentags sein Scherflein beitragen –

DER DRITTE: Lächerlich, das kann ich gar nicht glauben, daß der berühmte Padriot Riedl, der Obmann, der Kommandant von die Marine-Veteraner – hörts mr auf, der Tegethoff drehert sich im Grab um, wann er das erfahret. Dös glaub i net! Riedl, du, der einzige von uns, der schon bei Lebzeiten ein Denkmal hat –

RIEDL: Bitte und eins, was ich mir selber gsetzt hab! Ich bin nämlich ein Senfmadlmann durch und durch – an meinem eigenen Haus, meiner Seel und Gott, jedesmal wann ich z’haus komm, hab ich eine Freud mit dem schönen Relif!

DER ERSTE: Na alstern, hast du da die Pletschen von unsere Feind nötig? Alle mußt ablegen Riedl, alle, selbst von Montenegro, und sogar den Orden von der Befreiung von der Republik Liberia!

RIEDL: Hörts auf, den auch? Speziell der war immer mein Stolz. Schauts, wo ich aufs Jahr ohnedem mich mit dem Gedanken trage, zurückzutreten – nein, es ist unmöglich!

DER ZWEITE: Riedl, du mußt.

DER DRITTE: Riedl, es bleibt dir nix übrig.

RIEDL: Am End den Franzjosefsorden auch?

DER ERSTE: Aber im Gegenteil, den kannst jetzt im Lehmann fett drucken lassn!

RIEDL (kämpft mit sich, dann mit großem Entschluß): Alstern gut ich will es tun! Ich weiß, was ich dem Vaterlande schuldig bin. Ich verzichte auf die Ehrungen, die mir die feindlichen Regierungen erwiesen haben, die Saubeuteln! Ich würde nicht einmal das Geld für den Klumpert zrucknehmen!

ALLE (durcheinander): Hoch Riedl! – Das is halt doch unser Riedl! – Es lebe die Wienerstadt und unser Riedl! – Der Stephansturm soll leben und unser Riedl daneben! – Gott strafe England! – Er strafe es! – Nieder mit Montenegro! – Schmeiß’n weg! – Der Riedl is der größte Padriot!

RIEDL (sich die Stirn wischend): Ich danke euch – ich danke euch – gleich telephonier ich zhaus, daß sie’s zum Roten Kreuz hintragen. Morgen werds ihr schon lesen können – (er wird nachdenklich) Hier steh ich, ein entleibter Stamm.

DER ZWEITE: Schauts, wie gebildet der Riedl is, jetzt redt er sogar schon klassisch.

RIEDL: Das is nicht klassisch, das sagt immer der Doktor vom Exrablatt, wenn er im Angehn verliert. Jetzt – (gebrochen) verlier ich!

DER DRITTE: Nicht traurig sein, Riedl! Nicht traurig sein! Was d’ jetzt hergibst, später kriegst es doppelt und dreifach wieder herein. Und vielleicht früher, als wie du glaubst.

(Ein Kellner stürzt in das Zimmer.)

DER KELLNER: Herr von Riedl, Herr von Riedl, eine Karten is kommen, d’ Fräuln Anna hat g’sagt, ich soll laufen – das is großartig – das ganze Lokal is in Aufregung –

RIEDL: Gib her, was is denn – (liest, vor freudigem Schreck zitternd) Meine Herrn – in dieser Stunde – es is ein historischer Augenblick – ich hab als Padriot und schlichter Gewerbsmann, wo ich von meinen Mitbürgern zahllose ehrende Beweise ihrer Anhänglichkeit – indem ich als Obmann – aber so etwas – nein – schauts her –

ALLE: Ja, was is denn?

RIEDL: Mein glorreichster Stammgast – unser erstklassigster Schlachtenlenker – hat – während der Schlacht – an mich – gedacht! Halts mich! Das muß ich – dem – Extrablatt –

(Alle halten ihn und lesen.)

DER ERSTE: No geh, ich hab weiß Gott was glaubt. Was der für G’schichten macht! Ich hab gestern eine Karten vom Brudermann kriegt – (zieht sie aus der Tasche).

RIEDL: Hör auf, das is mir peinlich –

DER ZWEITE: No hörts, was is denn da dabei, ihr seids ja narrisch – mich touchiert so etwas nicht. Ich hab nämlich vorgestern vom Pflanzer-Baltin – (zieht sie aus der Tasche.)

DER DRITTE: Ihr bildts euch alle an Patzen ein. Ich hab zufällig schon vorige Wochen vom Dankl – (zieht sie aus der Tasche.)

ALLE DREI (lesen gleichzeitig vor): In dieser Stunde, in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. Dankl-Pflanzer-Brudermann.

RIEDL (ausbrechend): Das gibts nicht! Das is ein Plagat! Ein Plagat is das! A Schwindel! Ihr seids Flohbeutln gegen mich. Ich laß mir das net gfallen! Vorläufig hab ich noch kan Orden zruckg’Iegt, fallt mr gar net ein, und wenn mir der Auffenberg das nicht sofort aufklärt – behalt ich sie alle!

(Verwandlung.)
In der Wiener Deutschmeisterkaserne. Ein elegant gekleideter Herr, etwa 4o Jahre, wartet in einem schmutzigen Raum, in dem kein Sessel ist. Feldwebel Weiguny tritt ein.

DER HERR: Entschuldigen Sie – Herr Feldwebel – könnten Sie mir – vielleicht sagen – ich steh nämlich jetzt drei Stunden hier und kein Mensch kommt – ich habe nämlich einen C-Befund – ich habe mich freiwillig vor dem Einrückungstermin gemeldet, damit ich eine Kanzleiarbeit zugewiesen bekomm – und da hat man mir gesagt, ich soll gleich – dableiben – aber ich muß doch –

DER FELDWEBEL: Maul halten!

DER HERR: Ja – bitte – aber also ich möchte – ich muß – also bitte wenigstens – meine Familie verständigen – und ich kann doch nicht so wie ich bin – ich brauche also doch – also meine Sachen zum Waschen – eine Zahnbürste, eine Decke und so –

DER FELDWEBEL: Mäul halten!

DER HERR: Aber – bitte – entschuldigen Sie – ich habe mich doch gemeldet – ich hab doch nicht gewußt – ich muß doch –

DER FELDWEBEL: Blader Hund, wannst jetzt no a Wort redtst, nacher schmier i dr a Fotzen eini, daß d’ –

(Der Herr zieht eine Zehnkronennote aus der Westentasche und hält sie dem Feldwebel hin.)

DER FELDWEBEL: Alstern – schaun S’ gnä Herr – zhaus derf i Sie wirkli net lassen, dös geht net, aber wann S’ a Decken haben wollen – die verschaff i Ihna. (Er verläßt den Raum.)

(Ein Kadett tritt aus dem Nebenraum.)

DER KADETT: Was? Du bist der, der den Disput mit’n Feldwebel g’habt, hat? Servus, kennst mich nicht mehr? Wögerer, Athletikklub –

DER HERR: Ja richtig!

DER KADETT: Hast an C-Befund, gelt? – Du hör amal, wie kannst du dich als intelligenter Mensch mit’n Feldwebel einlassen?

DER HERR: Ja was soll ich denn machen? Ich steh jetzt drei Stunden da. Ich muß doch nachhaus – meine Leute haben keine Ahnung – ich hab mich freiwillig gemeldet –

DER KADETT: Na da bist schön hineinpumpst. Wer hat dir denn den Rat geben? Aber wenn du nachhaus willst, kannst natürlich gehn.

DER HERR: Ja aber wie macht man denn das?

DER KADETT: Lächerlich, du bist doch ein besserer Mensch – ich hilf dir – du machst das so – also du gehst zum Hauptmann –

DER HERR: Was, der läßt mich nachhaus?

DER KADETT: Sonst also natürlich nicht, der is sehr streng, aber du mußt ihm ganz einfach sagen, weißt aber ganz direkt, ohne Genierer, schneidig (er salutiert) Herr Hauptmann, melde gehorsamst, i muaß zu an Madl! – Paß auf, drauf sagt der Hauptmann, wett’n, daß er das sagt. – Was, zu an Madl müssen S’? Fahrn S’ ab, Sie Schweinkerl! – No und nacher kannst gehn!
(Verwandlung.)
Kriegsfürsorgeamt.

HUGO V. HOFMANNSTHAL (blickt in eine Zeitung): Ah, ein offener Brief an mich? – Das is lieb vom Bahr, daß er in dieser grauslichen Zeit nicht auf mich vergessen hat! (Er liest vor.) »Gruß an Hofmannsthal. Ich weiß nur, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo, doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die Zeitung schreiben. Vielleicht weht’s der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mit –« (Er bricht die Vorlesung ab.)

EIN ZYNIKER: No – lies nur weiter! Schön schreibt er der Bahr!

HOFMANNSTHAL (zerknüllt die Zeitung): Der Bahr is doch grauslich –

DER ZYNIKER: Was hast denn? (Nimmt die Zeitung und liest bruchstückweise vor) »Jeder Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns Gott erhalten! – Es ist der alte Weg, den schon das Nibelungenlied ging, und Minnesang und Meistersang, unsere Mystik und unser deutsches Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Bach, Beethoven, Wagner. – Glückauf, lieber Leutnant –«

HOFMANNSTHAL: Hör auf!

DER ZYNIKER (liest): »Ich weiß, Sie sind froh. Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein größeres.«

HOFMANNSTHAL: Du, wenn du jetzt nicht aufhörst –

DER ZYNIKER (liest): »Und das wollen wir uns jetzt merken für alle Zeit: es gilt, dabei zu sein. Und wollen dafür sorgen, daß wir hinfort immer etwas haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, Herr Walter von der Vogelweide und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären dann erfüllt. –« Wie hängen denn die mit dir zusammen? Ah, er meint vielleicht, daß sie enthoben sind. »Und das hat unserem armen Geschlecht der große Gott beschert!« Gott sei Dank! – (liest) »Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau sein!«

HOFMANNSTHAL: Aufhören!!

DER ZYNIKER: »Da gehen Sie nur gleich auf unser Konsulat und fragen nach, ob der österreichisch-ungarische Generalkonsul noch dort ist: Leopold Andrian.« (Er bekommt einen Lachkrampf.)

HOFMANNSTHAL: Was lachst denn?

DER ZYNIKER: Der is wahrscheinlich nach Kriegsausbruch in Warschau geblieben, um den einziehenden Truppen das Paßvisum auszustellen – das is ja im Krieg unerläßlich – sonst können s’ nicht nach Rußland! (liest) »Und wenn ihr so vergnügt beisammen seid, und während draußen die Trommeln schlagen, der Poldi durchs Zimmer stapft und mit seiner heißen dunklen Stimme Baudelaire Baudelaire – Charles Baudelaire, frz. Lyriker, †1867 deklamiert, vergeßt mich nicht, ich denk an euch! Es geht euch ja so gut – »

HOFMANNSTHAL: Hör auf!

DER ZYNIKER: »– und es muß einem ja da doch auch schrecklich viel einfallen, nicht? –« Was dem alles einfallt!

HOFMANNSTHAL: Laß mich in Ruh!

DER ZYNIKER: Du kommst doch sowieso bald nach Warschau? Auf Propaganda, mein’ ich oder so. Wirst wieder deinen Hindenburg-Vortrag halten?

HOFMANNSTHAL: Ich sag dir, laß mich in Ruh –

DER ZYNIKER: Du, eine Kälten hats heut wieder – ich muß doch läuten, daß er das Wachtfeuer nachlegen kommt.

HOFMANNSTHAL: Also das is eine Gemeinheit – du – pflanz wen andern, laß mich arbeiten!

(Der Poldi tritt ein.)

DER POLDI (heiße, dunkle Stimme): Gu’n Tog, du Hugerl weißt nix vom Bohr?

(Hofmannsthal hält sich die Ohren zu.)

DER ZYNIKER: Habe die Ehre, Herr Baron, Sie kommen wie gerufen.

DER POLDI: Du Hugerl is wohr daß der Bohr in dem Johr noch nicht do wor oder is er gor eingrückt?

DER ZYNIKER: Was, der auch?

HOFMANNSTHAL: Du der Mensch is zu grauslich – komm, gehn wir da hinein –

DER POLDI: Du Hugerl, der Baudelaire is ganz gscheidt, ich trog dir ein poor Sochen vor.

HOFMANNSTHAL: Und ich zeig dir meinen Prinz Eugen!

DER POLDI: Wunderbor!
(Verwandlung.)

Liebesmahl bei einem Korpskommando. Die dem Zuschauer zugekehrte Wand des Saales ist von dem Kolossalgemälde »Die große Zeit« ausgefüllt. Es wird ein Sautanz Sautanz – Festessen nach dem Schlachten serviert. Die Musik spielt »Der alte Noah hats doch gewußt, die schönste Boa wärmt nicht die Brust«. Das Gelage neigt sich dem Ende zu. Offiziere der verbündeten Armeen stoßen miteinander an. Aus der Ferne Geschützdonner. Ein Husarenoberleutnant wirft ein Sektglas an die Wand.

DER PREUSSISCHE OBERST (neben dem General, summend und nickend): Der olle Noah, ja der hats jewußt – Na Prösterchen!

DER GENERAL (erhebt sich unter Hoch-Rufen, schlägt an das Glas): Meine Herrn – also – nachdem unser Offizierskorps ein vierjähriges beispielloses Ringen – also gegen die Übermacht einer Welt – überstanden hat – also setze ich das Vertrauen auf meinen Stab – indem ich überzeugt bin – wir werden auch fernerhin unerschrocken – tunlichst – die Spitze zu bieten. Kampfgestählt gehen unsere heldenmütigen Soldaten – diese Braven – gehen sie neuen Siegen entgegen – wir wanken nicht – wir werden den bis ins Mark getroffenen Feind – zu treffen wissen, wo immer es sei – und der heutige Tag – der heutige Tag, meine Herrn – wird einen Markstein bilden – in der Geschichte unserer glorreichen Wehrmacht immerdar! (Hoch-Rufe.) – Drauf und dran! Von Ihnen aber, denen die schwerste Aufgabe in diesem beispiellosen Kampfe obliegt – wie von unserer in Not und Tod getreuen Mannschaft, der die unermüdlichste Pflicht aufgezwungen ist – also ich erwarte von euch allen – daß ihr bis auf den letzten Hauch von Mann und Roß mit Hintansetzung eure Pflicht erfüllen werdets! Es gilt einen letzten, aber heißen Strauß und wir wissen, daß es – um nichts Geringes geht. Fürwahr! Stehen wir doch alle hier, jedermann – und ein jeglicher stellt seinen Mann – auf seinen Posten, um auszuharren – daselbst – wohin den Soldaten unsere Pflicht hingestellt hat und der Allerhöchste Dienst uns hingesetzt hat (Hoch-Rufe) – wie es dem Gagisten Gagist – Offizier geziemt! In dieser Stunde gedenken wir der Lieben in der Heimat – die fern sind und unserer in Treuen gedenken. Und speziell die Mütter, die vorangegangen sind – indem sie also naturgemäß mit Freuden ihre Söhne geopfert haben auf dem Altare des Vaterlands! Und wahrlich – es ist nicht leicht, in diesem Augenblicke alle Gedanken zusammenzufassen – weil sie immer auf das eine Ziel gerichtet sein müssen. Es gilt – ich spreche das Wort im vollen Bewußtsein meiner Tragweite aus – es gilt, zu siegen! Siegen, meine Herrn – wissen Sie, was das heißt? Das ist die Wahl, die dem Soldaten bleibt – sonst muß er ruhmbedeckt sterben! Zu diesem Behufe – will ich mich der Erwartung verschließen – daß Sie meine Herrn – im Hinblicke und mit Rücksicht darauf die Pflege eines innigeren, herzlicheren Kontaktes mit derselben – also mit der Mannschaft – für die tunlichste Herabminderung der persönlichen Gefahr – also – sich aufgeopfert haben. (Hoch-Rufe.) Denn meine Herrn – wir alle wissen – das Letzte, was der Offizier, vornehmlich der Stabsoffizier, besitzt – ist (Rufe: Seine Ehre!) – Sie haben es erraten meine Herrn – seine Ehre! Und die werden wir sich nicht – also ich weiß schon – es gibt solche subversive Elemente – die bis ganz vorn in die vorderste Lini hineinreichen – aber – meine Herrn – uns können sie nicht das Wasser reichen! Oh! Unser Menschenmaterial haltet noch was aus! (Bravo-Rufe) – Und wir, die wir Blut von ihrem Blute, Geist von ihrem Geiste sind – nein und tausendmal nein! – der Offizier fühlt mit dem gemeinen Mann, mit dem einfachen Mann, der am heutigen Tage das Bollwerk ist, an dem sich der Feind blutige Köpfe holen wird – wenn sie auf Granit beißen! Und da können s’ sagen, was sie wollen, diese Schkribler – man derf nicht generalisieren! (Er schlägt auf den Tisch) – derf man denn das? (Rufe: Nein!) Diese Schkribler – ich meine natürlich nicht die beiden Herren Kriegsberichterstatter, die uns heute hier die Ehre erwiesen haben – wir wissen nur zu gut, was die Wehrmacht einer wohluniformierten Kriegsberichterstattung zu verdanken hat – die Presse – die in Erfüllung ihrer hochpadriotischen Pflicht den Mut des Hinterlands behebt – belebt – kann bei uns immer auf Anklang rechnen ! (Bravo-Rufe.) Ich meine nicht diese Herrn und ich hoffe, daß die Herrn das also nicht auf die Herrn bezogen haben – indem wir ihre gemeinnützige Tätigkeit tunlichst vollauf würdigen (Bravo-Rufe. Die Kriegsberichterstatter verneigen sich.) Ich meine – diese Anarchisten und Defaitisten – die ihre Zwietracht hineintragen und durch Ausstreuung von Gerüchten zur Verbreitung derselben beitragen! Das sind die Elemente! Das sind die Leute, die zuerst wühlen und nacher dann noch Umtriebe machen. Und ich frage Sie meine Herrn – haben wir das notwendig? (Rufe: Nein!) In meinem Korps – wo alle Nationen friedlich miteinander vertreten sind – wir haben in unserem Stab deutsche Herrn und wir haben böhmische Herrn, wir haben Polen und Kroatten haben wir und rumänische Herrn haben wir und solche mosaischer Konfession mosaische Konfession – gläubige Juden sind auch da. Und haben wir nicht auch Vertreter unserer prächtigen Honved? (Eljen-Rufe) Eljen – ungar. Hoch!– Also da hat sich noch niemand beschwert! Da heißts immer – Nationalidäten hin und her. Ich frage Sie meine Herrn – merkt man da etwas? Also – darum sage ich – es wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wenigstens bei uns! Da zeigen Sie den Herrn Bundesgenossen, die wir mit Stolz heute an dieser Tafel hier herin erblicken dürfen – (Hoch-Rufe) – wie bei uns volle Einigkeit herrscht! Jeder füllt seinen Platz aus – mit Hintansetzung – denn wir wissen alle, daß und wofür wir durchhalten müssen, alle Nationalidäten ohne Ausnahme, wie wir da sind, in diesem uns aufgezwungenen Verteidigungskriege der germanischen gegen die slawische Rasse! (Hurra- und Hoch-Rufe.) Unsere Waffen in diesem beispiellosen Kampfe heißen Zuversicht und Disziplin! (Bravo-Rufe.) Oh, ich halte etwas auf Disziplin – aber eisern muß sie sein! Und wir alle – können wahrlich ein Lied davon singen. Bei der letzten Inspizierung habe ich diesbezüglich also Übelstände bemerken müssen und ich habe auch leider bemängeln müssen, daß mir draußen zu wenig Herrn gefallen sind. Ich will niemandem nahetreten, aber es gilt doch, mit gutem Beispiel voranzugehen. Statt den eigenen werten Kadaver in Sicherheit zu bringen! (Bravo, bravo!) Mein hohes Vorbild, Seine Exlenz Pflanzer-Baltin (Hoch-Rufe) hat das Wort geprägt: »Ich werde schon meinen Leuten das Sterben lehren!« Dadrauf halte ich! Und was wolln denn die Leut eigentlich? Wolln s’ denn ewig leben? Zu solchen Passionen meine Herrn ist jetzt nicht die Verfassung – wo das Vaterland in Gefahr ist, das aber so Gott will – hervorgehn wird – wie ein Phönix aus dem Stahlbad des Weltkriegs! Was uns nottut – ist Selbstsucht! Verwöhnung kann ich nicht hingehn lassen. Wie sie das Glück gehabt haben, damals wie Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Friedrich – (mit Rührung) der Soldatenvater (Hoch-Rufe) – bis in die vordersten Schützengräben vordrang, um der Mannschaft die huldreichen Grüße Seiner Majestät des obersten Kriegsherrn zu überbringen (Hoch-Rufe) – da haben s’ also naturgemäß eine Freud ghabt! Ja was wolln denn die Leut noch haben? Damals wars noch ganz ruhig draußen und kein so bewegter Tag wie heute, wo sie den Stürmen trotzen. Aber nein, da wird herumgestierlt und es gibt Elemente, welche es glücklich so weit gebracht haben, daß sich die Mannschaft beklagt und aufbegehrt – wegen dem Dörrgemüse und so – sie möchten womöglich wie im Frieden ein Soupetscherl vom Sacher haben (Heiterkeit) – und dreimal täglich Schaumrollen! Jetzt heißt es durchhalten! (Bravo, bravo!) Meine Herrn – ich perhorresziere perhorreszieren – verabscheuen das und wo ich Anzeichen bemerke, da bin ich scharf hinterher! Disziplin – wissen Sie meine Herrn, was das heißt? Disziplin heißt Mannszucht! Das ist die Autorität – die das tägliche Brot für den Soldaten ist! Wenn s’ das untergraben, hört sich die Gemütlichkeit auf! Diese Schkribler – Bismarck – er war zwar – also unser großer Bundesgenosse – hat das Kernwort geprägt: Was das Schwert uns vernichtet hat – geht durch die Feder wieder verlorn! – Meine Herrn, lassen wir das nicht aus dem Auge fallen! Erinnern wir uns! – Aber ich staune über die Langmut unseres hohen KM. Wenns nach mir ginge, müßte die Zensur ein Exempel schtatuieren und diese Leute alle aufhängen! (Bravo-Rufe.) Auditor et altera parte! Auditor et altera parte – Wortspiel mit dem Rechtsgrundsatz »Audiatur et altere pars«, »auch die Gegenseite muß gehört werden« Ich habe schon gegen die Katzelmacher gekämpft, wo diese Elemente noch nicht auf der Welt waren! (Bravo-Rufe) – das kann ich mit Stolz sagen! Aber meine Herrn – wenn das am grünen Tische geschieht, da freilich – können wir nicht die Verantwortung übernehmen! Man darf nicht alle feindlichen Lügen über uns glauben. Opferfreudigkeit hätten wir genug in unserem lieben Vaterlande, aber was uns fehlt, ist Hingabe und grad auf die kommt es an! Also – man darf derartige subversive Strömungen gar nicht aufkommen lassen – weil sie sonst unterminierend wirken könnten! Wenn wir hier jeder unentwegt bleiben, so werden wir auch die letzte Entscheidung, die uns der Feind aufzwingt – planmäßig und in Ehren an uns herankommen lassen! Wer von uns gedenkt nicht der geradezu beispiellosen Taten, mit denen unsere allzeit bewährte, todesmutige Truppe uns vorangegangen ist – nachdem sie getreu unserem Bettel gefolgt ist in Sturm und Gefahren! Und fürwahr – die sich vielfach aufgeopferten Stäbe haben jederzeit die Verantwortung planmäßig übernommen und auch beispiellos durchgeführt! Und haben wir denn nicht auch schöne Erfolge erzielt? Erfolge, die in den Annalen unserer Wehrmacht fortleben werden, während wir selbst dereinst ruhmbedeckt gefallen sind. Haben wir nicht Erfolge erzielt, die den Neid unserer Bundesgenossen – unserer Feinde – erwecken – so daß sie sie uns schmälern wollen? Leicht, meine Herrn, hat man es uns wahrlich nicht gemacht. Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden und bieten einer numerischen Übermacht die Stirne immerdar! Sieg über Sieg, meine Herrn! Wer hätte das vor vier Jahren gedacht, damals als wir auszogen in das Ungewisse, um Serbien zu zertreten – planmäßig und unter den Klängen des Prinz Eugen! (Hoch-Rufe.) – Und ist es uns denn nicht gelungen? Haben wir nicht Serbien zertreten meine Herrn? Wir haben es zertreten! (Hoch-Rufe.) – Da hats geheißen: Bis hieher und nicht weiter! Also – auskehrn mit eiserner Faust! Meine Herrn, noch ein Schritt und der Sieg ist unser! Rußland stellt sich immer klarer heraus – das ist ein Koloß auf tönernen Füßen! Das ist so gut wie ein erledigter Standpunkt! Und was die Katzelmacher anbetrifft – nun also, wer von uns zweifelt heute noch am schließlichen Endsieg? Pflicht des Soldaten, meine Herrn, ist es sich gut zu schlagen, und wir haben sich gut geschlagen, fürwahr! Diese Tapferen – die vorangegangen sind und alles in die Schanze geschlagen haben! Wir gedenken ihrer – denn sie haben die Fahne ihres Regiments hochgehalten und tunlichst mit ihrem Blute besiegelt! Meine Herrn – wir leben in einer großen Zeit und die für unser Vaterland unschätzbaren Früchte sind noch im Wachsen – sein Ansehn in der Welt – und vor allem verdanken wir diesem Stahlbad den horrenden Seelenaufschwung, den wir mitgemacht haben. Is das vielleicht nix? Nun trennt uns nur noch ein Schritt und wir haben den Lorbeer unüberwindlich erreicht! Darum sage ich – und das gilt für den Gagisten wie für den gemeinen Mann – kalten Mut, kaltes Blut meine Herrn! Auf Sie kommt es in letzter Linie an – seien Sie sich dessen bewußt! Sie wissen, wofür wir hier stehen! Für den Allerhöchsten Dienst (Hoch-Rufe) – für unsern allergnädigsten Kaiser (Hoch-Rufe) – dem jeder sein Bestes geben soll, trotz Not und Tod in Stürmen, Gefahren und Unternehmungen aller Art, wie es einem braven Kriegsmanne geziemt! (Hoch-Rufe.) Gott helfe weiter! Ich trinke auf das Wohl unserer allmächtigen Verbündeten – die wir hier erblicken im Zeichen bewährter sturmerprobter Nibelungentreue Schulter an Schulter mit uns verbunden auf Gedeih und Verderb! (Hoch- und Hurra-Rufe.) Seine Majestät der deutsche Kaiser und Seine Majestät unser oberster Kriegsherr, unser allergnädigster Kaiser und König mitsamt dem angestammten Herrscherhause – sie leben hoch! hoch! Hoch! (Brausende Hoch- und Hurra-Rufe. Allgemeines Anstoßen. Er setzt sich.) – Was servierst denn da?

DER BURSCHE: Exzellenz bitte gehorsamst, Handgranaten.

DER GENERAL (lacht aus vollem Halse): Das sein ja Eisbomben – die heißen s’ bei uns Handgranaten! Also in Gottes Namen Handgranaten her!

DER PREUSSISCHE OBERST: Handgranaten her! – Donnerwetter noch mal, seid ihr Östreicher aber schneidje Kerlchens! Na wir haben kürzlich Metzelsuppe, denn Schlachtpastetchen mit Blutwurst jehabt (Heiterkeit) und zum guten Ende gabs Torpedos mit Schlagsahne. (Er singt:)

Wer sorgt für solche Gäste
So, wie ‘s bei uns geschieht!
Gesprengt, versenkt wird feste –
Doch immer mit Jemüt!

DER GENERAL: Auf das deutsche U-Boot! (Hoch- und Hurra-Rufe. Anstoßen.)

DER PREUSSISCHE OBERST: Exzellenz, ich bin kein Wortemacher und ‘nen Toast zu leisten, dazu – reichts nicht mehr. Dazu – ist euer Ungarwein zu gut. (Heiterkeit.) Aber soviel kann ich noch sagen – Ihre Worte haben auch zu meinem deutschen Herzen gesprochen! Wo Disziplin fehlt, kommt das dicke Ende nach. Der schlappe Geist, der bei euch Östreichern in eurem Hinterlande herrscht, würde unfehlbar auch die Front zum Wanken bringen – (ein Hauptmann ist unter den Tisch gefallen. Es entsteht Bewegung.)

DER GENERAL: Die Schkribler sind schuld! Was wollen s’ denn haben – mir san ja eh die reinen Lamperln!

DER PREUSSISCHE OBERST: Nich doch. Euer Friedensgewinsel Friedensgewinsel – Karl I. erstrebte 1917 einen Verständigungsfrieden mit der Entente war Unjebühr. Da habt ihr an euch selbst jesündicht. Nu droht dieser Geist auch eure Front zu verseuchen.

DER GENERAL: Hörts es? Disziplin muß sein, da gibts nix!

DER PREUSSISCHE OBERST: Ludendorff hat volles Vertrauen zu Ihnen, Exzellenz.

DER GENERAL: Zu schmeichelhaft. O ja, ich schau auf das Menschenmaterial – ich schau aber auch auf die Herrn! Jetzt wern mrs wieder a bißl auffüllen – speziell bei der Kag fehlt’s – mit ‘n Flak wär ich eher zufrieden – unsere Herrn Ärzte sind im allgemeinen recht brav, sie tun was sie können – bei der Konschtatierung und halt so. Alles is scho inschtradiert. Wissen S’, mit die Ersatzkörper –

DER PREUSSISCHE OBERST: Prothesen? – Ach so!

DER GENERAL: Zum Inschtradieren!

DER PREUSSISCHE OBERST: Na – heut dürfte ja ‘n heißer Tach sein.

DER GENERAL (sich die Stirn wischend): Damisch heiß is herint.

(Ein Telephonoffizier kommt, tritt an den diensthabenden Generalstabsoffizier heran und überreicht eine Depesche. Der Generalstabsoffizier öffnet, erhebt sich, torkelt auf den General zu und flüstert ihm etwas ins Ohr.)

DER GENERAL: Trotteln!

DER PREUSSISCHE OBERST: Was is ‘n los?

DER GENERAL: Vorstellung genommen. Auf zweite Linie zurück. Da is der Wottawa schuld!

DER PREUSSISCHE OBERST: Fatale Schose! Na da habt ihr wieder mal auf dem falschen Fuß Hurra jeschrien? (Die Musik spielt ein Wiener Lied.) Ach köstlich! (Er singt mit) Trink ma noch a Flaschal – trink ma noch a Flaschal – ich – haab – Geld im Taschal – – (Um sich blickend) Aber ich kenne ja eigentlich einige der Herren noch nich – (er zeigt auf eine Gruppe von Offizieren.)

DER GENERAL (winkt): Tu! tu! Tu! (Die Offiziere erheben sich.)

EIN HUSARENOBERLEUTNANT: Geza von Lakkati de Nemesfalva et Kutjafelegfaluszeg.

DER PREUSSISCHE OBERST: Komischer Name. Fideles Haus.

DER GENERAL: Das is a roter Teufel.

DER PREUSSISCHE OBERST: Roter Teufel – schneidich! Ja die prächtje Honved!

EIN HAUPTMANN: Romuald Kurzbauer.

DER PREUSSISCHE OBERST: Wiener?

DER GENERAL: Na, a Salzburger is er.

EIN OBERLEUTNANT: Stanislaus v. Zakrychiewicz.

DER PREUSSISCHE OBERST: Kroate?

DER GENERAL: Pole, Pole.

DER PREUSSISCHE OBERST: Ah, ein edler Pole!

EIN LEUTNANT: Petricic.

DER PREUSSISCHE OBERST: Rumäne?

DER GENERAL: Nein, Kroatt.

EIN OBERLEUTNANT: Iwaschko.

DER PREUSSISCHE OBERST: Böhme?

DER GENERAL: Rumäner.

EIN HAUPTMANN: Koudjela.

DER PREUSSISCHE OBERST: Italiener?

DER GENERAL: Behm!

EIN TRAINRITTMEISTER: Trainreferent Felix Bellak.

DER PREUSSISCHE OBERST: Aha. (Die Vorgestellten setzen sich. Der Oberstabsarzt stößt mit dem Oberauditor an. Der Feldrabbiner mit dem Feldkuraten.) Mal munter, Heiligenscheinwerfer! Immer stramm, immer stramm! Recht so!

EIN HAUPTMANN: Das is unsere wackere Sündenabwehrkanone! (Schallende Heiterkeit, in die der Feldkurat einstimmt.)

DER FELDKURAT: Jawoohl, jawoohl – ich tu ihnen schon das Wülde abiramen!

DER PREUSSISCHE OBERST: Abi – ramen? Köstliches Wort! Bedeutet vermutlich abräumen? Der Mann ist woll vom Lande?

DER FELDKURAT: Nein Herr Oberst, aus Linz.

DER PREUSSISCHE OBERST: Ah, das schöne Linz in der grünen Steiermark!

DER GENERAL: Jetzt soll einer meiner begabten jüngeren Herrn was zum besten geben!

DER OBERINTENDANT: Der Wowes!

DER GENERAL: Wowes! Zum Klavier antreten! Gschwind!

WOWES (setzt sich ans Klavier, spielt und singt dazu):

Wenn ich dich – an deinem Fenster seh –
So tut mir – das Herz so weh.
Ich sehn mich – nach dir zurück.
Denn du bist – das Glück.

(Rufe: Bravo Wowes!)

WOWES: Is noch nicht aus!

DER PREUSSISCHE OBERST (summend und nickend): Du bist – das Glück. Hat er fein jemacht!

WOWES (fortfahrend):

Wenn ich – bei dir im Bette bin –
So ist mir – gar wohl im Sinn.
Ich will – von dort nicht fort.
Denn dort ist – mein Ort.

(Heiterkeit. Rufe: Bravo Wowes!)

DER PREUSSISCHE OBERST (summend und nickend): Denn dort ist – mein Ort. Famoser Bengel! (Trinkt ihm zu.)

DER GENERAL: Er komponiert selbst! Oh, er is sogar auch ein Zauberkünstler. Prestischatehr! Der unterhaltet eine ganze Gesellschaft!

DER PREUSSISCHE OBERST: Ach was!

DER GENERAL: Ja, das is ein gefinkelter Kampl! gefinkelter Kampl – findiger Bursche Aber ich laß ihn auch nicht hinaus. Jetzt hab ich ihn eingegeben für die große Silberne. (Geschützdonner.)

EIN DEUTSCHER GENERALSTABSOFFIZIER: Es lebe die österreichische Gemütlichkeit! (Hurra- und Hoch-Rufe. Anstoßen.)

DER OBERSTABSARZT: Es lebe die deutsche Organisation! (Hoch- und Hurra-Rufe. Anstoßen.)

DER GENERAL: Oho! Auch wir – meine Herrn! Auch wir! Oho! Da gibts nix – Wir folgen – unserer Fahne – (Die Musik spielt »Heut hab i schon mein Fahnl«. Gelächter und Singen am Tafelende.) Was – habts denn?

EIN RITTMEISTER (singend): Heut hab i – schon mein –

DER OBERINTENDANT: Ja wer tommerlt denn da – ? (Heiterkeit.)

(Der Telephonoffizier kommt eilig herein, tritt an den diensthabenden Generalstabsoffizier heran und überreicht eine Depesche. Der Generalstabsoffizier erhebt sich, torkelt auf den General zu und flüstert ihm etwas ins Ohr.)

DER GENERAL: Solche Hornviecher!

DER PREUSSISCHE OBERST: Was is ‘n los?

DER GENERAL (liest): Stellung – zusammengetrommelt. Annäherungsräume liegen – unter – unter schwerem Vernichtungsfeuer – Diese Kineser – ! verderben einem die schönsten Erfolge – ! (Läßt die Depesche fallen.) Ah woos -gar net ignorieren.

DER PREUSSISCHE OBERST (sie aufhebend): Reserven eingesetzt. Abschnittsreserven vollkommen aufgebraucht. Batterien müssen in Aufnahmsstellung zurückgenommen werden – Donnerwetter noch mal! (Verstärkter Geschützdonner.)

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER (zu einem Burschen): Net allweil einschenken. Heut brauch ich – einen klaren – Kopf. Wieviel Stiefel und Kappen verloren, sagt er natürlich wieder nicht. Trottel das!

DER DEUTSCHE GENERALSTABSOFFIZIER: Nanu? Stiefel und Kappen?

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER: Weißt – Leut und Herrn.

DER PREUSSISCHE OBERST: Es scheint, daß euch lieben Östreichern die Friedensoffensiven denn doch besser gelingen sollen. Na hoffen wir, daß Hindenburch da mal zum Rechten sehn wird. Schließlich ist es ja doch wieder an uns, euch aus dem Dreck zu ziehn!

DER GENERAL: Meine Herrn – wir sind stolz – daß wir – Schulter an Schulter mit unseren kampfgestählten Bundesgenossen – in schimmernder Wehr – meine Herrn, ich trinke auf die Nibelungentreue – in diesem Bündnis – das s’ jetzt ausgebaut hab’n (Bravo-Rufe) und – und –

DER PREUSSISCHE OBERST: Vertieft! (Hoch- und Hurra-Rufe. Die Musik spielt die »Wacht am Rhein« und hierauf »Heil dir im Siegerkranz«.) Ich danke Ihnen meine Herrn – ich danke Ihnen! Aber nu mal wieder ohne feierlichen Klimbim wenn ich bitten darf. Die Wonnejans heben wir uns für den Tach des Endsiechs auf, jetzt mal wieder eins eurer köstlichen Östreicherlieder – von eurem prächtigen Lehar, der uns an der Westfront so viel Freude jebracht hat. (Bravo-Rufe.)

DER GENERAL: Spielts »Sag Schnucki zu mir«!

DER PREUSSISCHE OBERST: Schnuckii – was ist denn das? Also Schnuckii, famos! (Die Kapelle intoniert dieses Lied.)

DER GENERAL: Aber was is denn mit unsere Feldmatratzen? Die san ja heut ganz stad? Was singts denn nicht mit?

DER RITTMEISTER (über den Tisch rufend): Die Schwester Paula – die hat dir eine Krupp! Taarlos –! Da kann sich die Schwester Ludmilla verstecken!

SCHWESTER PAULA (kreischt): Au! – Aufhörn – grauslicher Mensch das!

DER RITTMEISTER: Was is denn, was is denn, Komplimenten machen darf man auch nicht mehr?

SCHWESTER LUDMILLA: Immer der mit seine Anzüglichkeiten!

EIN OBERLEUTNANT: No und die Gspaßlaberln! Gspaßlaberln – weibliche Brüste

DER PREUSSISCHE OBERST: Gespaßlabal – ? Nee, hört mal, was ihr für ulkje Namen – was ist denn das fürn Ding? (Der General gibt eine Erklärung.)

DER OBERINTENDANT: Die Madln solln a Duett singen! (Rufe: A Duett!)

DER OBERLEUTNANT: Der Feldkurat und der Feldrabbiner solln aa a Duett singen!

EIN ZWEITER: Der Feldrabbiner kann jodeln – und der Feldkurat – na – verkehrt – (Schallende Heiterkeit.)

EIN PREUSSISCHER HAUPTMANN: Doll!

EIN DRITTER OBERLEUTNANT: Bist halt a Klassikaner. (Heftiger Geschützdonner.)

DER ARTILLERIEREFERENT: Die arbeiten heut aber fest – meine Herrn – ! das geht ja wie im Takt!

DER FELDKURAT (singend): Können nimma Katzl mach’n, es tuat halt gar zviel krach’n! Tschiff, tscheff, tauch – der Wallisch liegt am Bauch! (Gelächter und Mitsingen.)

MEHRERE: Prost Hochwürden! (Anstoßen.)

DER PREUSSISCHE OBERST: Ich fürchte, daß es ‘n heißer Tach ist!

DER GENERAL (sich die Stirn wischend): Wiar in die Hundstäg. (Die Musik spielt »Am Manzanares«.)

(Der Telephonoffizier stürzt herein, tritt direkt an den General heran, flüstert ihm etwas ins Ohr.)

DER GENERAL: Was? Die elendigen – die elendigen – diese Frontschweine – !

DER PREUSSISCHE OBERST: Was is ‘n los?

DER GENERAL: Ich – versteh – das nicht. Ich – habe doch ausdrücklich –

DER PREUSSISCHE OBERST: Nanu Kinder – macht mir man b l o ß jetzt nicht flau, wo wir den Sieg in der Tasche haben!

DER GENERAL: Herrschaften – da sind wir in der rue de Kack!

DER PREUSSISCHE OBERST (zum Telephonoffizier): Was is ‘n los?

DER TELEPHONOFFIZIER (in größter Erregung, stammelnd): Die Spitzen der rückflutenden Divisionen erreichen bereits den Stand des Korpskommandos – die gesamte Artillerie wurde im Stich gelassen – die Straßen sind von gepfropftem Train gesperrt – die Truppen demoralisiert – feindliche Kavallerie im schärfsten Nachdrängen. (Ab. Der Oberst spricht auf den General ein. Die andern in zwangloser Konversation.)

EIN HAUPTMANN: Du – Koudjela –

KOUDJELA: Jaa –

DER HAUPTMANN: Spehlmeis war guut! Aber schon sehr gut!

KOUDJELA: Jaa –

DER HAUPTMANN: Du – Koudjela –

KOUDJELA.: Jaa –

DER HAUPTMANN: Wein ist guut! Aber schon sehr gut!

KOUDJELA: Jaa –

EIN OBERSTLEUTNANT (zu einem schlafenden Obersten): Du Herr Oberst!

DER ÖSTERREICHISCHE OBERST (erwacht): Was is denn –

DER OBERSTLEUTNANT: Nix! (Heiterkeit.)

EIN LEUTNANT (über den Tisch rufend): Du Windischgraetz – hast heut mit dem Schlesinger gebritscht oder gebackt?

DER RITTMEISTER: – Hörts mr auf, die Glanzzeit der Presse war im Anfang, wie s’ noch ‘n Roda Roda ghabt ham – jetzt is gar nix.

EIN OBERLEUTNANT (gibt ihm einen Stoß): Pst – die zwei Judenbuben! (Laut) Weißt, großartig find ich die Sachen von der Schalek – sehr instruktiv! – nächste Wochen kommt sie zu uns heraus – no vor allem is sie tapfer, das muß ihr auch der Feind lassen!

DER RITTMEISTER (gibt ihm einen Stoß): Pst – das gift’ die doch noch mehr! (Laut) Weißt, der Roda Roda, der hat das verstanden, so mit einem Satz eine militärische Situation – also zum Beispiel, das is mir noch genau in Erinnerung – wie er gschrieben hat: »Sie werden Ihren Mantel kaum mehr brauchen«, sagte der Oberleutnant, als er den Popen an den Steigbügel eines Ulanen binden ließ. Nix weiter.

DER OBERLEUTNANT: Gelungen, aber wieso hast dir das so gemerkt?

DER RITTMEISTER: No Tepp – ratest denn nicht, wer der Oberleutnant war? Ich!

DER OBERLEUTNANT: Keh! – Was hat der angstellt ghabt?

DER RITTMEISTER: No Umtriebe und so. A rote Nasen hat er ghabt – also du das reine Lichtsignal! Das war schon einer!

EIN OBERLEUTNANT (zu einem andern, der versunken dasitzt): Du – was denkst du so? Du Denker du.

DER ANDERE: Weißt, ich denk halt – jetzt, auf der Sirk-Ecken. Hier sitzt man herum –

DER ERSTE: Du – ich auch.

EIN PREUSSISCHER OBERLEUTNANT: – Nee Kinderchens laßt mich man bloß unjeschoren, den Siegfrieden erringt ihr fein ohne mich – ich muß ja doch nächste Woche nach Berlin. Da haben wir unser Heldengedächtnisrennen.

EIN ZWEITER: Ach wer wird an morgen denken! Die Hauptsache ist ‘ne tüchtje Pulle, daß man die nötje Bettschwere bekommt. Die faulen Hinterlandonkels –

DER RITTMEISTER: No ich verlang mir auch keinen Urlaub. Ujegerl – ins Land, wo Wrucken und Maisbrot fließt! (Heiterkeit) – könnt mich haben!

EIN HAUPTMANN: Was Reischl, aber auf die Front hast halt auch kan Gusto? (Heiterkeit.)

DER RITTMEISTER: Du hast was zu reden, Obertachinierer!

DER ZWEITE PREUSSISCHE OBERLEUTNANT: Mit das Schlimmste an der Front ist alle Tage Marmelade.

DER ERSTE: Ach Heldenbutter ist auch schon alle. In Rußland sind sie jetzt eklich dran. Da haben sie in einem Abschnitt ne richtichgehende Cholera. Wißt ihr, weil die Kerls Wasser aus ‘nem Teich getrunken haben, wo Russenleichen waren.

DER RITTMEISTER: Das wär nix für mich, ich brauch einen Schampus! (Schallende Heiterkeit.)

DER ZWEITE: – Ja, kochen könnt ihr Östreicher, aber die Speisenfolge, die wir mal an der Nachmittachstafel in Homburg jehabt haben – da (er zeigt die Menikarte): Kraftbrühe mit Ochsenfleisch – Königinpastetchen – Gebackene Rheinfische mit Remouladentunke – Fasane im Topf – Osterlammrücken auf Hausmannsart mit Halberstädter Würstchen – Hammelkeule mit Weißbohnen und Artischockenböden – Spargel mit Sahnentunke – Niersteiner Auflanger vom Kasino Duisburg – Kupferberg-Gold – Eisbombe – Geschmortes Obst – Käsestangen! Jawoll! Da könnt ihr nich ran! (Oho-Rufe.)

DER PREUSSISCHE OBERST: – Nee Kinder, euer berühmtes Hofftheaterballett war bei euch?

DER GENERAL: Ja – und auf d’ Wochen krieg mr ein Kabarett was sich gewaschen hat!

DER ERSTE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Herr Oberst, mein Werk!

DER ZWEITE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Wiesoo?Angeregt hab ich!

EIN OBERLEUTNANT: – Aber nein, das war doch bei der siebenten Isonzoschlacht, weißt, wie der Sascha bei uns heraußt war –

EIN ANDERER OBERLEUTNANT: – Noja, der Oberst haltet sich übern Kanonendonner auf. Er kann bei der Nacht net schlaf’n. Da warn die frühern Quartier besser. Ich hab’s immer gsagt, die Situation is ungünstig. Das wird wieder a Nacht wern heut! Passieren kann nix, aber der Lärm bei der Nacht is zwider. (Heftige Detonation.)

DER ARTILLERIEREFERENT: Das war a schwarer Pumperer!

EIN LEUTNANT: – Der Scharinger von die Elfer? No der hat dir eine Sau! Jetzt is er eingegeben –

DER RITTMEISTER: – Du, weißt, also ein Busen – (Geste) erstklassig!

EIN OBERLEUTNANT: Du, aber was i c h jetzt in petto hab -! also tulli -!

DER RITTMEISTER: Obersteiger! In der letzten Muskete –

EIN MAJOR: Unsern Menageoffizier lass mr leben! (Hoch-Rufe. Anstoßen.)

EIN GENERALMAJOR: Ja der Pschierer! Der stellt seinen Mann! Zwölf Gänge – da muß man schon Habedjehre sagen.

(Trinkt ihm zu.)

DER OBERAUDITOR: Also ich habe mich schon auf manchen schweren Gang vorbereitet (Heiterkeit) – aber ich muß schon sagen – Pschierer Prost!

DER MAJOR: Du, hörst nix vom Haschka?

DER OBERAUDITOR: Der Haschka is noch immer der Alte. Fleißig –!

DER MAJOR: Aber jetzt kann er doch nicht mehr für’n Stöger-Steiner arbeiten? Also gar so viel kanns doch nicht mehr zu tun geben!

DER OBERAUDITOR: Ja die Zeiten sind vorbei. Aber der Haschka is dir ein Hauptbursch. Sein Steckenpferd hat er halt noch immer. Da hebt er sich das Todesurteil auf, pünktlich bis die Suppen aufgessen is. Schaut auf die Uhr, springt auf, mit’n Braten solln s’ warten sagt er – bumsti san scho drin im Billardzimmer zum Verkündigen. Sein schönster Fall war bei den Ma-Formationen vom Fünfzehner-Korps, weißt Wocheiner-Feistritz. Da warn a paar Humanitätspimpf, die ham sich aufghalten – paßt ihnen akkurat nicht, weils der Stöger-Steiner gewunschen hat – no ja, es hat halt solln ein Exempel schtatuiert wern.

DER MAJOR: p. u.?

DER OBERAUDITOR: Aber nein – der Fall is doch berühmt. Ein Kerl hat a Brieftaschl gstohln ghabt, no und vom Arrestgitter ham s’n hineingheanzt, daß er dafür erschossen wird. Der Kerl geht durch – aus Furcht. No hat der Haschka gsagt, wanns auch keine ausgesprochene Desertion is, weils bloß aus Furcht war – es is wegn ‘n Exempel. Weil also naturgemäß der Stöger-Steiner Wert drauf legt. – Wern dir die Pimpf hopatatschig! Daraufhin verurteilen s’ nicht! Was sagst! Ein Skandal so was! Aktive -?!

DER MAJOR (perplex): Aktive –?!

DER OBERAUDITOR: Ja das gibts auch! Aber ich bitt dich – ich hab ja selbst Fälle ghabt, wo s’ selbst bei Selbstverstümmlung einen Kerl ham heraushaun wolln. Bitte – Aktive! Tragen des Kaisers Rock! Die sollt man schtampern! Diese umstürzlerischen Ideen sind eben sogar schon in unsern engern Stand eingedrungen.

DER MAJOR: Was willst haben, in der Lini machen s’ auch schon manchmal Gschichten wegen der Mannschaft! No – ich will nix sagen, man darf nicht generalisieren, zum Glück ist der Geist unversehrt. – Also du, was war da?

DER OBERAUDITOR: No hat er ihnen versprechen müssen der Haschka im Protokoll, der Kerl wird begnadigt, wann s’n nur verurteilen. Aber der Haschka, schlau wie er is, hat oben kan Ton von kan Protokoll nicht gsagt – no is also naturgemäß schtantepeh vollzogen worn. Weißt, bei uns sind auch schon viel Exempel schtatuiert worn – aber so eine Exekution, da muß man schon tulli sagen! Ja, der Haschka is halt was bsonderes.

DER MAJOR: Weißt, mit die Humanen – das hab ich scho gfressen. Wann ich einen Humanen nur von weitem siech, wer’ ich scho fuchtig. Sich auflehnen gegen ‘n Stöger-Steiner! Da hat dir der Tersztszyansky amal kurzen Prozeß gmacht. Das heißt – er hat gar kan Prozeß gmacht.

DER OBERAUDITOR: Wieso?

DER MAJOR: Weißt, da war dir auch so ein Humaner – also ein engerer Standesgenosse von dir –

DER OBERAUDITOR: No mich brauchst nicht verdächtigen, du!

DER MAJOR: Aber geh, ich tu dich ja nur bißl pflanzen. Also hör zu – der weigert sich, einen Kerl standrechtlich zu behandeln. Es is nur eine Disziplinarsache, sagt er und so Spomponadeln. No in der Meß – kommt dir der Tersztszyansky herein, setzt sich zur Suppen – du aber so ruhig hab ich dir den Tersztszyansky noch nie gsehn! – sagt er, Herr Hauptmann-Auditor sagt er, mit Ihrem Delinquenten brauchen wir überhaupt keine Verhandlung mehr. Wieso, fragt er. No schaun S’ sich ihn draußen im Garten an – schaun S’ sich ihn nur an – draußen liegt er. Hat dir der Tersztszyansky einfach dem Zugführer gsagt ghabt, er soll den Kerl niedermachen, mit’n Baj onett – bumstinazi! Weißt, weil er dir eine Wut ghabt hat auf den widerspenstigen Menschen.

DER OBERAUDITOR: Auf den Kerl?

DER MAJOR: Aber nein, auf ‘n Auditor!

DER OBERAUDITOR: Ah so, natürlich! Du gelt ja, neulich hab ich mich gstritten, der Tersztszyansky is doch Ehrendokter der Philosophie – oder nicht?

DER MAJOR: No ich möcht glauben! – Du richtig, was macht denn der Stanzl von der Na-Stelle? Is der noch in Albanien? Ich hab ghört, daß s’ ihn nach Feldkirch hin tun wolln für ‘n feinern Dienst?

DER OBERAUDITOR: Woher denn, der hat dir in Albanien Hals über Kopf zu tun! Du, aber der Balogh – weißt in Kossovo-Mitrovica –

DER MAJOR: Ja richtig, da hab ich so eine Gschicht ghört von einer Hinrichtung mit Zahnziehn oder was.

DER OBERAUDITOR: Das is ein Tratsch. Es is unglaublich wie der Mensch verleumdet wird – das wollt ich dir grad erzähl’n. Das ist die harmloseste Gschichte von der Welt. Das Ganze beruht einfach darauf, daß er einen Sechzehnjährigen zum Aufhängen ghabt hat, weil er ein Komitatschi Komitatschi – bulgarische Freischärler auf seiten der Entente war. No hat er dem Dokter gsagt, er soll halt nachschaun, ob der Bursch nicht am End schon an Weisheitszahn hat. No sagt der Dokter, ja. No hat er hineingschrieben 20 – ham s’n halt aufghängt. Also er hat sich noch die Mühe gnommen mitn Nachschaunlassen. Das war der Fehler – so is ‘s herauskommen. No und nacher, weil er dafür vom AOK eine Rüge bekommen hat, is halt der ganze Tratsch entstanden. No, das AOK hat früher bei solche Fälle, wo es sich um verdiente Offiziere handelt, mit die Rügen nicht so geuraßt – Geuraßen – verschwenden unter uns! Sonst setzt ma’s Alter einfach hinauf, sagt ka Mensch was.

DER MAJOR: Is mir auch ein Schleier. Bei unserer Truppendivision – Herrgott waren das Zeiten – wie noch der Peter Ferdinand mehr freie Hand ghabt hat – da hams einmal gewettet, weißt die kaiserliche Hoheit und der Parma, Parma – Elias Prinz von Parma, hoher Offizier an der italienischen Front der Generalstabschef – also ob bei der Hinrichtung von Vierzehnjährigen eine Dingsda stattfinden werde – wie hat er’s nur gheißen, der Dokter – so a gspaßigs Wort –

EIN REGIMENTSARZT: Aha, eine ejaculatio seminis! ejaculatio seminis – Samenerguß (beim Erhängen)(Gelächter.)

DER MAJOR: Ja richtig, natürlich! Oh das war intressant. No überhaupt – damals!

DER OBERINTENDANT: Vierzehnjährige hinrichten – derfen s’ denn das? (Gelächter.)

DER MAJOR: Ja mein lieber Oberintendant, wir ham ja schließlich Krieg, verstandewu? Da wird man schon keine Spomponadeln machen! Was? Bei die 92er hams Kerln weils eine Konserven ‘gessen hab’n vom eisernen Vorrat, draußen vorm Drahtverhau anbinden lassen, damit s’ von die Russen abgschossen wern –

DER OBERINTENDANT: Noja, wann s’ vom eisernen Vurrat –

DER MAJOR: Meine Devise: Krieg – das is nicht nur gegen den Feind, da müssen die Eigenen schon auch was gspürn! Ujeh! Damals ham sie s’ bei uns zum Hinrichten anstell’n lassen! No und a Butterweib was die Buttern für’n Stab bracht hat, wie s’ hat warten müssen – no hams ihr halt gsagt, sie soll sich dazu stell’n – no und da hat mas halt auch aufghängt! (Schallende Heiterkeit) – Aber – bitte – da gibts nix zu lachen – irren is menschlich – so was kann ja vorkommen – bei untergeordnete Organe! Sie is halt auf die Maschikseiten Maschikseite – die falsche Seite zu stehn kommen. Noja. Aber schöne Zeiten waren ‘s doch! Wie der Weiskirchner zu uns bei die Edelknaben auf Besuch kommen is, also da hams ihm zu Ehren lebhafteren Kanonendonner anbefohlen – ja! Und mit dem 30,5 Mörser hams nach pflügenden Bauern schießen lassen ja! Und –

DER OBERINTENDANT: Ja warumperl denn –?

DER MAJOR: No – ein Erzherzog war zu Besuch! – also du Oberauditor, wannst mich derschlagst, weiß ich nicht mehr, welcher – also damit er sich halt von der Treffsicherheit der Geschosse überzeugen tut. No er hat aber auch seine Bewunderung ausgesprochen! Also in der leutseligsten Weise – richtig, der Josef Ferdinand wars! – Aber du – weißt, ich hab dich immer fragen woll’n – du hast doch den Fall in Kragujevac ghabt mit die vierundvierzig. Hast da keine Unannehmlichkeiten – (Die Musik spielt »Jetzt trink mr noch a Flascherl Wein, hollodriohl« Die Offiziere singen: »Es muß ja nicht das letzte sein, hollodrioh!« Der Husarenoberleutnant Lakkati wirft ein Sektgks an die Wand )

DER OBERAUDITOR: Aber! Das war a Sauferei. Es is wirklich unglaublich, wie die Leut saufen. Weißt, ich hätt auch dreihundert hinrichten lassen! Trunkenheitsexzesse können nicht geduldet werden! Ich habe den Leuten den ehrenvollen Tod durch Erschießen ausnahmsweise bewilligt!

EIN K-OFFIZIER (mischt sich in die Konversation): Die Bagasch is ja immer besoffen. Aber da verraten s’ einem wenigstens die Gesinnung. Na so viel wie im vierzehner Jahr is nicht mehr zu tun.

Also du HerrOberauditor, da hab ich dir einmal einenTransport von die Achtundzwanziger aus Prag, ehschowissen, nach Serbien begleitet. Ich hab gleich einen Schpurius ghabt! No – hinter Marchegg gehts los. Die Leut sind renident und fangen an mit die Unteroffizier zu schimpfen, weil s’ gegen die Serben gehn solln – diese Horde! Die sind aber auf die Maschikseiten zu liegen kommen! Pomali – da ham wir s’ schön auswaggoniert, 25 packt und in einen bsondern Waggon einigschupft. Da is für 40 Platz – ham s’ es eh noch kommod ghabt. Dann – so alle Stund ham mr dann auf offener Strecken schön ghalten. Nacher – also eine Unteroffizierspatrouille hat nacher jedesmal drei Mann schön außagholt und in den letzten Wagen einigschupft. Also – fahr’ mr! Nach zwei Minuten – rrtsch obidraht! Hättst die Gsichter sehn solln von die nächsten drei – wann alstern wieder drei neuche einikommen sind. Immer drei – nachanand. Der letzte seprat. Die Beschtie! No bis am Westbahnhof in Budapest waren alle fünfundzwanzig schön erledigt. Der Waggon, wie s’ ihn abkoppeln – der hat ausgschaut! Meine Herrn! Ein Ramatama! Förmlich durchgsiebt – also taarlos! – und ‘s Blut is nur so –

DER OBERAUDITOR: Hätt ma photographiern solln. Da hast dich verdient gemacht!

DER K-OFFIZIER: Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. Der Oberst hat gsagt, schtatuirn mr ein Exempel. Das is nix gegen den Wild.

DER MAJOR: Ja der Wild!

DER K-OFFIZIER: Er geht halt am liebsten auf Ruthener. Gestern hat er mir seine Ansichtskarten gschickt – er zwischen vier Ghängte. Feschak das!

DER OBERAUDITOR: Ja der Wild!

DER K-OFFIZIER: No und der Wild is wieder nix gegen den Prasch! Das is einmal ein Frontoffizier, wie er sein soll. Was der schon eigenhändig –

DER PREUSSISCHE OBERST: – Wie hieß doch das Gericht? Sautanz? Köstliches Wort! Ich könnte mich halbdot lachen über eure ulkjen Bezeichnungen. Ach – ihr Östreicher – ! Aber leider muß man auch sagen, es fehlt euch doch an der nötjen ernsten Lebensauffassung. Krieg is ‘n Stahlbatt! Seit euer alter ritterlicher Kaiser dot ist, jeht die Sache man bisken etepetete. Nich mehr so stramm, nich mehr so stramm, Gott seis jeklagt. Na was schwatzt denn der rote Teufel dort?

GEZA VON LAKKATI DE NEMESFALVA ET KUTJAFELEGFALUSZEG (zu einer Gruppe): – Tescheek – hob ich gleich bemerkt, wor Dreck am Huf. Sogt der Kerl, Huf wor rein, muß am Weg von Stall passiert sein! Nohät, nehm ich Säbel, – nehm ich Dreck von Huf – schmier ich Schwain in Maul. (Heiterkeit. Bravo-Rufe.) Igen, ise so ein ise – so ein Reservepintsch dobeigestonden – hot sich eingemischt – hob ich verflixtem Hund gesogt, kommt vor Kriegsgericht! Na ssärwus, konn sich frain! (Bravo-Rufe.)

DER RITTMEISTER: No und der Kerl, der Bursch? Hat der was gsagt?

GEZA VON LAKKATI DE NEMESFALVA ET KUTJAFELEGFALUSZEG: Obbär – hot nicht können – hot Dreck im Maul gehobt, bittä – ! (Schallende Heiterkeit. Starke Detonation.)

DER ARTILLERIEREFERENT: No no! a wengerl pomali – die beledern uns am End a no!

DER PREUSSISCHE OBERST: – Nee, da könn’ Se nischt dawider sagen – euer galizischer Rückzuch war nich berühmt. Euer Erzherzog –

DER GENERAL: Tschuldigen – man hat nix machen können. Seine kaiserliche Hoheit hat das Menschenmöglichste getan – aber der geringe Kampfwert der Truppe – und dann – also das is mir zufällig bekannt – Exlenz Borewitsch hat das ausdrücklich anerkannt – also daß es Seiner kaiserlichen Hoheit durchaus nicht an Energie gemangelt hat – bitte, die Leut ham Selbstmord begangen! Kann man halt nix machen. Mit’n Maschingwehr allein oder Dezimiern dezimieren – jeden Zehnten erschießen also naturgemäß – wissen S’, es war halt gar so ein schwächliches Korps. Manchmal is scho so mit die Eigenen. Die Leut warn nicht ausgschlafen und so.

DER PREUSSISCHE OBERST: Nanu?

DER GENERAL: Ja – bitte – Exlenz Borewitsch hat selber zugeben müssen, die vorgekommenen Erfrierungen Schlafender, hat er hinaufgschrieben, erzeugen Furcht vor dem Einschlafen.

DER PREUSSISCHE OBERST: Ach so. Na denn freilich trifft euern Erzherzog Josef keine Schuld. Na ejal. Seht mal nur jetzt zum Rechten. Ihr habt gut getan, die diesmalige Offensive der Jahreszeit anzupassen. Die Jahreszeit is nich ungünstich. Die Schlappe in Ihrem Frontabschnitt –

DER GENERAL: Na bei die andern wirds a net vül besser –

DER PREUSSISCHE OBERST: Wir wollen das beste hoffen. Es ist freilich fatal, daß der Feind auf diesem Teil der Front zur Offensive übergegangen zu sein scheint. Aber umso mehr Aussicht besteht, ihn zu umzingeln. Das haben wir im Westen schon an die dutzend Mal erprobt. Ich bin in diesem Punkte guter Dinge. Wir Deutsche konzentrieren alle unsre Gedanken auf den schließlichen Endsiech – und da kann ich nur sagen: Machen wir.

DER GENERAL: Aber ja, wer’ mr scho machen. (Lakkati wirft ein Sektglas an die Wand.)

EIN OBERLEUTNANT: – Hörts – heut hab ich Schluß gmacht mit der Schreibmaschinflitschen – frech war’s – na, der hab i’s eingfadelt!

EIN LEUTNANT: No was hast gmacht mit ihr?

DER OBERLEUTNANT: Petschiert! Fertig! (Gelächter) – Na – bled seids -! Gehts ins Lausoleum!

DER RITTMEISTER: – Mei Lieber, da kannst sagen, was d’willst – die Honved stellen ihren Mann!

EIN DEUTSCHER HAUPTMANN: Ja, aber die Bayern beißen die Gurgel entzwei! Also das möcht ich dir wünschen, so einem -!

DER RITTMEISTER: Erlaub du mir -! (Heiterkeit. Der Geschätzlärm nimmt ab.)

DER ARTILLERIEREFERENT: – Hörts mr auf – da hab ich schon ganz andere Mullatschaks mitgemacht, mei Lieber – in der siebenten und achten Isonzoschlacht!

DER RITTMEISTER: No was is das für a Mullatschak, wo die Madeln fad sein! (Ruft) Kapelle!

EIN OBERLEUTNANT: In Rußland hab ich euch mullattiert –!

EIN ZWEITER: Weißt, bei Rawaruska – wie noch der Fallota –

EIN PREUSSISCHER LEUTNANT: Nanu – der Musikfritze schläft ja!

EIN PREUSSISCHER HAUPTMANN: Spielt mal »Auf dem Friedhof La Bassée«!

DER MAJOR: Nein – herstellt – spielts »Mizzerl, Mizzerl, sei doch netter«!

DER PREUSSISCHE HAUPTMANN: Also – Mizzal! Ach,’s ist ja doll!

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER: Das hams immer in der Gartenbau – der Varady und die Rollé –

DER OBERINTENDANT: Ja die Gartenbau! Wie noch der Schenk war –! (singt) Wir brauchen – keine – Schwiegermamama – Schwiegermamama – Spülts »Ein Tampus vom Schampus«! (Rufe: Ein Tampus vom Schampus! Bravo!)

DER RITTMEISTER: Spielts »Nobel geht die Welt zugrund«!

DER OBERAUDITOR: Spielts »Schön war der Tanz, aber spieln tan s’ ‘n net«! (Rufe: Bravo! Die Musik spielt. Die Offiziere singen mit.)

DER OBERINTENDANT (wiederholend):-aber spüln tan s’ ‘n net!

(Der Telephonoffizier stürzt kreidebleich herein und direkt auf den General los, sagt ihm etwas ins Ohr.)

DER GENERAL: Was -?! Meutern tan s’?! Dezimiern die Bagasch überanand!! Solln s’ a paar frische Regimenter einsetzen!! Antreiben, antreiben!! Geschwind!

DER PREUSSISCHE OBERST: Was is ‘n los?

(Der Telephonoffizier flüstert dem General abermals etwas zu.)

DER GENERAL: Was?! Die Gasgranaten gehn auch nicht?! Sauwirtschaft überanand!!

DER PREUSSISCHE OBERST: Na hört mal, das sollte denn doch nich – ! das könnte bei uns denn doch –!

DER GENERAL: So ein – Pallawatsch! – So ein Pech! – Kann man halt nix machen –

DER PREUSSISCHE OBERST: Na vorbeijelungen! Bißk’n schlapp, die lieben Östreicher, bißk’n schlapp!

DER ERSTE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Sehn Sie sich den General an, also was hab ich gesagt – !?

DER ZWEITE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Herr Major, können Sie mir vielleicht sagen, wie die Schlacht steht –?

DER MAJOR: Es hat eine feindliche Offensive eingesetzt.

DER ERSTE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Ojwe.

DER MAJOR: Der Feind hat die eigenen Stellungen der ersten Linie etwas eingedrückt –

DER ZWEITE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Die eigenen? wozu –?

DER MAJOR: Wir hoffen, daß es uns gelingen wird, diesen tückischen Plan zuschanden zu machen. Bitte aber meinen Namen nicht zu nennen.

DER ERSTE: Unsere artilleristische Überlegenheit –

DER ZWEITE: Alles, nur keinen Flankenangriff!

SCHWESTER PAULA: – Au! – frecher Mensch!

DER RITTMEISTER: No no – man wird doch noch angreifen dürfen oder nicht?

SCHWESTER LUDMILLA: Aufhörn! Immer der mit seine –

EIN HAUPTMANN: Schakerl, trau di net!

DER PREUSSISCHE HAUPTMANN: Ach ja, Schakal Schakal trau dich nich!

EIN OBERLEUTNANT: – Meinst ‘n Madler oder ‘n Madlé, der was in Schabatz beim Hausenblas war? Der Madler sag ich dir, is der größte Tachinierer in der ganzen Armee. Der Pimpf is wütend, weil ich eingegeben bin.

EIN ANDERER: Wo is er jetzt?

DER OBERLEUTNANT: No wo wird er sei, beim Kader! Wir plagen uns hier – Du, was macht dein Pupperl?

(Die Musik spielt einen Csardas. Lakkati und eine weibliche Hilfskraft tanzen. Lebhafte Bravo-Rufe.)

DER PREUSSISCHE OBERST: Ach einzich! Famos! ‘n richtichgehender roter Teufel!

DER DEUTSCHE GENERALSTABSOFFIZIER: – Ach laßt mich man bloß mit euerm Gas zufrieden! Unser Gelbkreuz, Gelbkreuz, Grünkreuz, Blaukreuz – Namen der deutschen Giftgase unser Grünkreuz, unser Blaukreuz – wenn wir in Frankreich Bunte Woche hatten!

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER: Bitte wir haben bei Tolmein Tolmein – Ort in Jugoslawien, Brückenkopf der Österreicher a ganz a scheene Wirkung erzielt. Die sind nur so umgfalln, bitte –

DER OBERINTENDANT: Spülts »Braunes Isonzomädel!« (Rufe: Braunes Isonzomädel! Bravo! Die Musik spielt.)

DIE OFFIZIERE (singen mit):

Brau-nes Isonzomädel –
Heiß glüht – dein Auge – mir zu,
Brau-nes Isonzomädel –
Die Schönste – von allen – bist du.
Laß mich – noch einmal – dich küsseen,
Schling dei-ne Arme – um mich,
Süßestes braunes Isonzomädel,
Ich lieb ja – alleine – nur dich.

DER PREUSSISCHE OBERST (summend und nickend) : Ich lieb ja – alleine – nur dich. Einfach süß!

DER OBERINTENDANT (singend): Doch auch sie – scheute nicht das Kriegsgebraus –

Aber das is noch gar nix gegen die dritte Strophen, wie dann aufs Jahr der Pamperletsch kommt mit die Guckerln so schwarz wie Mama und mit ein’ Lockenschäderl genau so wie einstens Papa. So a ganz a glanwunzigs Wuzerl.

DER PREUSSISCHE OBERST: Wuzal? Köstlich! Na wer war denn der Vater?

DER OBERINTENDANT: Ein gar ein schmucker Kaiserjägerleutenant! Ein Feschak! Auf die Art wie der Wowes. Der Wowes solls singen!

DER PREUSSISCHE OBERST: Na sagt mal – von wem ist doch dies wundervolle Lied?

DER OBERINTENDANT: Das is von Egon Schubert! Egon Schubert – gemeint ist Franz Schubert, KK demonstriert hier die grenzenlose Dummheit und Unbildung dieser Leute

DER PREUSSISCHE OBERST: Ach natürlich – na das sollte man eigentlich wissen. Ja, euer Schubert! Ja, den habt ihr Wiener doch vor uns voraus, da is nischt zu wollen. Ach überhaupt euer herrliches Wien! Ja ja! So ‘n richtjer Wiener Fiagaa mit seiner Jummidroschke und mit seinem Heurigen im Prater – nee, da is nich dran zu tippen. Und die Weana Waschermadal – ja – kennimus! Auch mal dajewesen. Da sangen se immerzu – (er singt und pascht)paschen – in die Hände klatschen Weil ich’n oller Dreher bin – oder so ähnlich. Da war noch Vater Strauß in Blüte mit seinen Schwammal – nee, wie hieß doch gleich das Ding – Schrammal! Der gute Johann. Na da mag sich auch manches verändert haben.

(Der Geschützlärm immer schwächer.)

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER: – Bitte bei Tolmein –

DER DEUTSCHE GENERALSTABSOFFIZIER: Ach, das war einmal. Da haben wir doch an einem Tach weit mehr vergast als ihr in ‘nem ganzen Jahr! Bei Ausräuchern von letzten Franzosennestern, weißen und farbigen Engländern und so. Jawoll – unsre deutsche Handgasbombe B! Da verspritzt sich die Giftmasse und erzeugt eiternde Wunden, mit ‘ner Absonderung wie ‘n richtichgehender Tripper. (Heiterkeit.) Nanu? das ist wissenschaftlich einwandfrei festjestellt! Der Mann ist erst am andern Tach kaputt.

DIE KAPELLE (spielt und singt zugleich):

Jessas na –
Uns gehts guat –
Ja, das liegt schon
So im Bluat!

(Die Offiziere repetieren .)repetieren – wiederholen

DER GENERAL (lallend): Ja – das liegt schon –

(Der Geschützlärm ist verstummt.)

VERSCHIEDENE STIMMEN. Oha! Was is denn? Was is denn?

DIE KRIEGSBERICHTERSTATTER: Was heißt das -?

DER GENERAL (mit brandrotem Kopf, springt auf, schlägt auf den Tisch): Kruzi!! Ich habe doch ausdrücklich – !! Das is wirklich nur bei uns möglich – Was – hab ich derer Bagasch eingeschärft?! (brüllend) Wenn eine Patrone fehlt, kannibalisch strafen! – Mit kräftigem Hurra ungestüm auf Gegner stürzen! – Ihm noch auf kurze Distanz eins unter die Nasen brennen, dann sofort mit dem Bajonett in die Rippen! – Ungetreue rücksichtslos niedermachen! – Gewehr bleibt trotz Handgranate und MG stets bester Freund der Infanterie! – Offiziere müssen da hart sein und beste Kräfte herausfordern! – Und was haben s’ gmacht – diese Frontschweine, diese Fronthunde, diese – diese – (jammernd) verderben einem alles – der Wottawa! – diese Schkribler! – Nicht durch den Feind, durch Hunger! – der Hunger – und da hams angsetzt – (die Fäuste ballend) da hams zersetzend – aufhängen! – Ich – war derjenige – ich habs immer vorausgesagt, das Unglück unserer Armee wird – selbst mein Korps mitreißen! – Dieser bodenlose Leichtsinn – unausrottbar – nix als fressen und Menscher – demora – (er bricht zusammen.)

DER DIENSTHABENDE GENERALSTABSOFFIZIER (springt auf): Dadran sind diese Tachinierer schuld – vorne – diese Frontschweine – diese –

DER ÖSTERREICHISCHE OBERST (erwachend): Was is denn gschehn?

DER OBERSTLEUTNANT: Nix! Gschossen hams in Ottakring!

DER GENERAL: Wo – waren die Maschingwehr zum Antreiben?! – Wo bleibt unsere artilleristische Überlegenheit?! – Schufte das!! – Nach einem vierjährigen beispiellosen Ringen – gegen eine – vorbildliche – Übermacht – beispielgebend – unsere glor – (er fällt auf den Stuhl, wimmernd) – also – da – kommen s’noch – am End – da – herein –

DER PREUSSISCHE OBERST: Nich doch, Exzellenz, Kopf hoch! Meine Herrn – wir dürfen und können den Mut nicht sinken lassen – jetzt vor dem Endsieg – können und dürfen wir erhobenen Hauptes – Seien Sie überzeugt, meine Herrn, daß es sich nur um den typischen Anfangsgewinn einer jeden feindlichen Offensive handelt – um Bluff und weiter nichts! Bange machen gilt nicht. Was uns noch immer bleibt, ist ein strategischer Rückzug – und ein strategischer Rückzug ist immer ‘n Erfolg! (Vereinzelte Hurra- und Hoch-Rufe.) Und davon, daß der Feind unsre seit Jahren ins Auge gefaßten und seit Tagen eingeleiteten Bewegungen nicht hindern werde, bin ich vorwech überzeugt. Unsre Operationen nehmen einen plan mäßigen Verlauf. Wir haben uns einfach vom Feinde losjelöst und denn ziehen wir ihn glatt hinter uns her! Immer feste druff! Die Stimmung der Truppen ist eine nicht zu überbietende. Meine Herrn, wir wanken nicht und wir weichen nicht! Je öfter wir dem Feind Gelegenheit zu Vorstößen geben, umso mehr Aussicht haben wir, ihn zu zermürben! Das ist die Taktik, die wir an der Somme erprobt haben. Das ist die Taktik, die uns auch am Piave gelingen wird. Nur jetzt nicht miesmachen! Gott ist mit uns! Wir schaffen es und wenn die Welt voll Teufel wär! Der Feind wird – seien Sie des überzeugt, meine Herrn – der Feind wird an uns wie an einer ehernen Feuermauer –

(Der Horizont ist eine Flammenwand. Panikartiger Lärm. Viele der Anwesenden liegen unter der Tafel. Viele eilen oder wanken dem Ausgang zu, etliche kehren mit entsetzten und verzerrten Gesichtern zurück.)

RUFE: Was is denn gschehn? Was – is –

DER GENERAL (lallend): Durch – san s’-! Spielts – weiter –

(Alle Lichter sind erloschen. Draußen Tumult. Man hört das Platzen von Fliegerbomben. Dann tritt Stille ein. Die Anwesenden schlafen, liegen in Somnolenz Somnolenz – krankhafte Schläfrigkeit oder starren völlig entgeistert auf die Wand, an der das Tableau »Die große Zeit« hängt und nun der Reihe nach die folgenden Erscheinungen aufsteigen.)

Schmaler Bergpfad nach Mitrovica. Schneegestöber. Zwischen tausenden von Karren eine unübersehbare Menschenmasse, Greise und Frauen, Kinder, halbnackt, an der Hand der Mütter, deren manche auch einen Säugling im Arme tragen. Ein kleiner Junge, an der Seite einer Bäuerin aus dem Moravatal, streckt sein Händchen aus und sagt:

Tschitscha, daj mi hleba –

Die Szene wird von einem andern Bilde verdrängt. Durch die Landschaft rast der Balkanzug. Das Tempo verlangsamt sich. Man sieht den Speisewagen, aus dessen Fenstern sich die beiden Kriegsberichterstatter beugen, sie scheinen ihren Ebenbildern im Saal zuzutrinken. Einer ruft:

Es ist doch etwas Schönes um den Krieg –

Nun ist es wieder das andere Bild. Die erschöpften, fast schon erfrorenen Flüchtlinge liegen auf den eisbedeckten Steinen. Das Morgenlicht fällt auf eingefallene, blasse Gesichter, in denen noch das Grauen der verbrachten Nacht steht. Ein Schrei: ein Pferd stürzt in die Tiefe. Wieder ein Schrei, noch gellender: sein Führer ist ihm nachgestürzt. Am Wegrand ein Zu Tode erschöpftes Pferd, dort ein Ochse mit heraushängenden Eingeweiden, ein Mensch mit zertrümmertem Schädel. Der Zug setzt sich in Bewegung. Entkräftete müde Tiere bleiben zurück. Unbeweglich stehen sie. Ihr todtrauriger Blick folgt dem Zug. Mit totenblassem Antlitz, an einen Tannenbaum gelehnt, sitzt eine Bäuerin – es ist jene aus dem Moravatal – in den Armen einen leblosen kleinen Körper, zu dessen Häupten, mit zitterndem Licht, eine kleine Wachskerze brennt.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Eine Garnison. Es spielen sich in jähem Wechsel die folgenden Szenen ab. Slowakische Bauern, aus der russischen Gefangenschaft heimgekehrt, zum Teil in Bauernkleidern, zum Teil in russischen Uniformen, bitten um Urlaubsverlängerung wegen des Rückstandes in der Erntearbeit. Der Kompagniekommandant ordnet die sofortige Einteilung der Bittsteller in die nächste Marschkompagnie an. Ein Raum wird sichtbar, in welchem zwei junge Heimkehrer, 19 und 21 Jahre alt, schlafen. Sie werden durch den Lärm des Auftritts geweckt, der sich nun draußen abspielt. Der Feldwebel nimmt die Verteilung der Monturen vor. Die Leute verweigern die Übernahme, verlangen die Vorführung zum Batailionsrapport. Der Feldwebel schlägt einige von ihnen und empfängt einen Schlag ins Gesicht. Die Kasernenmannschaft wird alarmiert, die Gewehre werden geladen, die Meuternden mit dem Bajonett in den Kasernenhof getrieben und umzingelt. Der Hauptmann erscheint, alle leisten seinem Befehl, sich in Reib und Glied aufzustellen, Folge. Jetzt befinden sich auch die zwei darunter. Er nimmt den Bericht über den Vorfall entgegen. Niemand weiß, wer den Schlag versetzt hat. Der Hauptmann greift jeden Zehnten heraus, läßt sie ins Wachzimmer abführen. Dort werden sie geschlagen, liegen mit Springeisen an den Füßen gefesselt, werden dann in den Garnisonsarrest gebracht. Das Standrecht wird verhängt. Es folgen die Verhöre. Sechs werden vor das Standgericht gestellt. Der Arresthof im Grauen des nächsten Morgens. Die Richter, der Bataillonskommandant, der Militäranwalt und zwei Geistliche erscheinen. Ein Tisch und ein Kruzifix werden gebracht. Der Gerichtshof gruppiert sich um den Tisch, zu beiden Seiten die Geistlichen. Einer der sechs bekommt bei diesem Anblick einen Herzkrampf, er stürzt heulend und schäumend zusammen, andere raufen sich die Haare, toben, zerreißen ihre Kleider. Die Wachmannschaft sucht sie mit der Versicherung zu besänftigen, daß nur zwei zum Tode verurteilt würden. Ein Richter verliest die Anklageschrift. Der Neunzehn- und der Einundzwanzigjährige werden zum Tode durch Erschießen, die übrigen zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Der Neunzehnjährige stürzt vor den Vorsitzenden hin auf die Knie, bittet, von Schluchzen geschüttelt, um Gnade. Er zeigt ein Medaillon mit dem Bilde seines alten Mütterchens. Sie werde seinen Tod nicht überleben, man solle ihn ins Feld schicken, er wolle beweisen, daß er ein braver Soldat ist, er habe während des Krawalls geschlafen, er sei ganz unschuldig. Der Richter läßt ihn abführen. Der andere Angeklagte steht totenbleich, aber aufrecht da. Er spricht die Worte:

Gott weiß, daß ich unschuldig sterbe!

Er läßt sich abführen, während die übrigen um ihre Kameraden weinen. Die Richter begeben sich ins Kasino. Dort sagt einer von ihnen:

Es is ja ganz klar, daß nur der eine Verheiratete der Schuldige sein kann. Aber kann man denn an’ Vatern von sechs Kindern erschießen? Da müsset ja das Ärar für die Hinterbliebenen zahlen! So hat er sechs Jahr, soviel wie er Kinder hat, und den Angehörigen von Militärsträflingen kann der staatliche Unterhaltsbeitrag entzogen wern a no.

Ein zweiter sagt:

Drei andere waren auch verheiratet – also bleiben nur die zwei jungen Burschen zum Erschießen. Wern scho was angstellt haben. Tun sie’s heut nicht, täten sie’s morgen. Unschuldig hin, unschuldig her – ein Exempel muß schtatuiert wern.

Nachts im Arrest. Der Jüngere steht mit dem Rosenkranz betend hinter dem vergitterten Fenster. Die Militärgeistlichen erscheinen, um den Delinquenten die letzte Ölung zu erteilen. Der Jüngere heult auf und äußert den Wunsch, noch einmal seine Mutter zu sehen. Es folgt ein gemeinsames Gebet. Er erbittet Papier und Bleistift, um seiner Mutter zu schreiben. Er schreibt. Es ist schon 1/4 9 Uhr. Er erhebt sich.

Mutter!

Er sinkt zusammen. Der andere:

Habe ich deshalb gekämpft, bin ich deshalb aus Rußland gekommen, daß man mich jetzt wie einen Schlachtochsen zum Metzger führt? – Man soll mich binden und tragen! – Bin ich dazu 21 Jahre alt geworden, um erschossen zu werden? – Macht es schnell!

Auf dem Weg zum Richtplatz. Er nimmt Abschied von der strahlenden Augustsonne. Er reißt ein grünes Baumblatt ab und küßt es inbrünstig. Der Jüngere weint unaufhörlich um seine Mutter. Auf dem Richtplatz. Alter Burghof. Der Einlaß erfolgt nur gegen Vorweis einer Legitimation. Man bemerkt unter den Anwesenden die Spitzen der Behörden, hohe Offiziere und sonstige Würdenträger mit ihren Damen. Die besten Gesellschaftskreise der Stadt sind vertreten. Die Richter, der Bataillonskommandant und die dienstfreien Bataillonsoffiziere nehmen in der Mitte des Karrees Aufstellung. Die Delinquenten werden vorgeführt. Das Urteil wird verlesen. Der ältere:

Wenn der Feldwebel so aussagen konnte, verdient er hier zu stehen, um erschossen zu werden.

Sie wollen nicht, daß ihnen die Augen verbunden werden.

Ich fürchte nicht mehr die Kugel.

Die Augen werden ihnen verbunden. Sie knien nieder.

»Feuer!«

Säbelschwenken. Zwei Leichen im Gras. Der Hauptmann kommandiert zum Gebet. Alle salutieren. Einer der Priester, mit Offizierskappe und goldener Distinktion Distinktion – hier: Rangabzeichen am Arm, halt eine Rede, zeigt mit erhobener Rechten auf eine Standarte und blickt verklärt gen Himmel auf das Habsburgerwappen über dem Tor.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Kragujevac. In Zwei parallelen Reihen sind je 22 Gräber aufgeworfen. Davor knien 44 Heimkehrer älterer Jahrgänge, mit Tapferkeitsmedaillen aller Grade. Bosniaken schießen auf zwei Schritt Entfernung. Ihre Hände zittern. Die erste Partie wälzt sich am Boden. Keiner ist tot. Man setzt ihnen die Gewehrläufe an den Kopf. Offiziersmesse. Der Oberauditor erhebt das Glas und spricht, indem er seinem Ebenbild im Saal zutrinkt, die Worte:

Weißt, ich hätt auch dreihundert hinrichten lassen. Trunkenheitsexzesse können nicht geduldet werden. Ich habe den Leuten den ehrenvollen Tod durch Erschießen ausnahmsweise bewilligt.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Der Hauptmann Prasch sieht vor seiner Deckung, ganz mit Blut bestrichen, er hält über seinem Kopf einen Kopf, den er auf einen Stock gespießt hat. Er spricht:

Das ist mein erster italienischer Gefangener, mit meinem eigenen Säbel habe ichs getan. Meinen ersten russischen Gefangenen habe ich vorher martern lassen. Am liebsten gehe ich auf Tschechen. Ich bin ein gebürtiger Grazer. Wer mir in Serbien begegnet ist, den habe ich auf der Stelle niedergeknallt. Zwanzig Menschen, darunter Zivilisten und Gefangene, habe ich mit eigener Hand getötet, mindestens hundertfünfzig habe ich erschießen lassen. Jeden Soldaten, der sich beim Angriff verspätet oder während des Trommelfeuers versteckt hat, habe ich eigenhändig niedergeknallt. Ich habe meine Untergebenen immer ins Gesicht geschlagen, sei es mit dem Stock, sei es mit der Faust. Aber ich habe auch viel für sie getan. In Serbien habe ich ein serbisches Mädchen vergewaltigt, aber dann den Soldaten überlassen und am nächsten Tag das Mädchen und seine Mutter auf einem Brückengitter aufhängen lassen. Die Schnur riß und das Mädchen fiel noch lebend in das Wasser. Ich zog meinen Revolver und schoß auf das Mädchen so lange, bis es tot unter dem Wasser verschwand. Ich habe stets meine Pflicht erfüllt, bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Ich wurde ausgezeichnet und befördert. Ich war stets auf dem Posten. Der Krieg erfordert ein straffes Zusammenfassen aller Kräfte. Man darf den Mut nicht sinken lassen. Kopf hoch! (Er hebt den Stock höher.)

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Ulanenoberleutnant läßt einen Popen an den Steigbügel eines Ulanen Ulanen – die leichte Reiterei binden. Man zieht ihm den Mantel aus.

Sie werden Ihren Mantel kaum mehr brauchen.

Der Reiter entfernt sich in leichtem Trab.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Winter in den Karpathen. Ein Mann an einen Baum gebunden. Er wird losgebunden und bricht ohnmächtig zusammen. Der Kompagnieführer tritt ihn mit dem Stiefelabsatz und weist auf ein Erdloch, zu dem ihn Soldaten tragen.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Flucht. Es regnet. Der General der Tafelrunde sitzt im Automobil und gibt Auftrag, einem Verwundeten das Zeltblatt von der Tragbahre wegzunehmen und über seinen Wagen zu breiten. Er winkt seinem Ebenbild zu und fährt ab.

(Die Erscheinung verschwindet.)

An einem Rübenfeld in Böhmen. Zwei Kinder tragen einen Kindersarg zum Friedhof. Sie lassen den Sarg fallen. Sie schleppen die Leiche, die im Feld liegt, wieder zum Sarg und setzen dann ihren Weg fort.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Neben einer Brotfabrik ein Haufen von Schutt, Schlacken und Betriebsabfällen. Halbverbungerte Kinder suchen nach Brotkrumen. Sie finden ein Schrapnell. Sie spielen damit. Es explodiert.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Hängeallee in Neusandec. Neusandec – Kleinstadt in Galizien Kinder schaukeln und drehen die Leichname.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Eine Frau, die Kartoffeln gekauft hat, wird von anderen Personen, die nichts mehr bekommen haben, erschlagen. Sie treten auf der Leiche herum.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Auf einem Geleise steht ein Lastzug: die Wohnstatt eines schmutzigen Menschenhaufens; es sind Flüchtlinge, darunter schwangere Frauen, sterbende Greise, kranke Kinder.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Vor einer Hütte in Wolhynien. Ein Bauer mit seinem Schäferhund. Ein Soldat kommt des Weges und verwundet den Hund durch einen Bajonettstich.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Trinkgelage von Offizieren. Ein Leutnant erschießt eine Kellnerin.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Gefechtspause an der Drina. Ein serbischer Bauer holt Wasser. Gegenüber steht und zielt ein Leutnant. Er schießt ihn ab. (Die Erscheinung verschwindet.)

Karfreitag in einer Pariser Kirche. Ein Geschoß aus der 120 Kilometer-Kanone schlägt ein.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ostersonntag. Russische Gefangene, die sich geweigert haben, Stellungsarbeiten im feindlichen Feuer auszufähren, verrichten ihr letztes Gebet.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Sterbende am Drahtverhau vor Przemysl.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Nahkampf und Ausputzen in einem Graben.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Schlafzimmer, in das eine Fliegerbombe fällt.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Soldat wird aus einer Erdmasse emporgezogen. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Er breitet die Arme aus. Seine Augen sind erloschen.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Verbandplatz, auf den eine Fliegerbombe fällt.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Minenexplosion. Ein Soldat reckt seine blutigen Armstümpfe in die Richtung des Saales.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Doppelbild: Ein deutscher Offizier, der einen um sein Leben flehenden französischen Gefangenen niederschießt. Ein französischer Offizier, der einen um sein Leben flehenden deutschen Gefangenen niederschießt.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Somme-Wüste. Rauchschwaden wie Riesentrauerfahnen. Gebäude stürzen ein. Brunnen werden von Pionieren gesprengt und verschüttet. Evakuierung. Alte Leute werden aus ihren Häusern gejagt. Vor Kälte zitternde Menschen auf dem Versammlungsplatze. Frauen fallen vor Offizieren auf die Knie. Abtransport in die Zwangsarbeit.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Einäscherung der Meierei Sorel bei Loison Loison – wahrscheinlich Loisy-sur-Marne, Stadt an der Marne und Verbrennung von 250 dort befindlichen Verwundeten.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Versenkung eines Spitalschiffes.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Longuyon Longuyon – franz. Kleinstadt mit Petroleum-Eimern in Brand gesetzt, Häuser und die Kirche geplündert. Verwundete und kleine Kinder verbrennen.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Flandern. In einer ausgeplünderten Hütte sitzt vor einem Kessel eine Gasmaske. Auf ihrem Schoß eine kleinere Gasmaske. (Die Erscheinung verschwindet.)

Es erscheint das Pferd, auf dessen Rücken die Form der Geschützlast blutig eingezeichnet ist.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Winter auf Asinara. Asinara – Insel vor Sardinien, Kriegsgefangenenlager Gefangene nehmen den an Cholera verstorbenen Kameraden die Kleider ab. Hungernde essen das Fleisch von Verhungerten.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Baracke in Sibirien. Ergraute Männer, ganz unterernährt, barfüßig, in zerfetzten Uniformen, kauern auf der Erde, starren wie mit aus ausgehöhlten Augen ins Weite. Einige schlafen, einige schreiben, einige exerzieren mit Schaufeln und machen Gewehrgriffe.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Tausende von Kreuzen in einem Schneefeld.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Schlachtfeld. Trichter und Kavernen. Kaverne – unterirdischer Hohlraum Spazierwege durch die noch stehenden Drahtverhaue. Luxusautomobile treffen ein. Die Touristen zerstreuen sich in Gruppen, photographieren sich gegenseitig in heroischen Stellungen, parodieren Feuersalven, lachen und stoßen Schreie aus. Einer hat einen Schädel gefunden, steckt ihn auf das Ende seines Spazierstockes und bringt ihn mit triumphierendem Gesicht. Ein Trauernder tritt dazwischen, nimmt den Fund an sich und begräbt den Schädel.

(Stöhnen der Schlafenden. Die Erscheinung verschwindet.)

Nun kommt ein Zug von Gasmasken, die vor den im Saale Anwesenden Front machen und sich der Tafel zu nähern scheinen.

DIE GASMASKEN:

Gesegnete Mahlzeit, wir stecken den Rüssel
aus purer Neugier in fremde Speise.
Denn unsre leider war nicht geraten.
Wir hatten heute nur auf der Schüssel,
und zubereitet auf deutsche Weise,
Dörrgemüse mit Grünkreuzgranaten.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Bei der vordersten Linie in den Karpathen. Es ist alles ruhig. In den Schützengräben stehende Leichname. Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag.

DIE ERFRORENEN SOLDATEN:

Kalt war die Nacht.
Wer hat diesen Tod erdacht!
Oh die ihr schlieft in Betten –
daß euch das Herz nicht bricht!
Die kalten Sterne retten uns nicht.
Und nichts wird euch erretten!

DER ALTE SERBISCHE BAUER:

Wir standen rings um unsere Truh.
Soldaten schrieen auf uns zu.
Wir hatten nichts mehr. Sie wollten was haben.
Drum muß ich jetzt meine Grube graben.
Wir waren arm, wir waren nackt.
Uns selber haben sie angepackt.
Sie stellten die Kinder mir an die Wand,
sie haben sie mit vorausgesandt.
Verbrannt ist mein Feld, verbrannt mein Hab.
Nun grabe ich mir das eigene Grab.
Schon rufen die Kinder – ich komme gleich!
Herr, hilf mir in das Himmelreich!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Der Kronprinz bei den Flammenwerfern der 5. Armee. Zur Begrüßung des Kronprinzen wird durch Flammen ein »W« gebildet.

DIE FLAMMEN:

Wir sind die Flammen! Es waren verloren
in unsrer Höllenqual
viele, die Mütter in Schmerzen geboren.
Wir sind ein Initial!
Oh W der Zeit. Weh diesem blutigen Tropf!
Er hatte nichts im Sinn,
er führte was im Schilde.
So mähte er die Menschheit hin.
Geschaffen nach Teufels Ebenbilde.
Hat er vorm Kopfe einen Totenkopf!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Zwölfhundert Pferde tauchen aus dem Meer, kommen ans Land und setzen sich in Trab. Wasser strömt aus ihren Augen.

DIE ZWÖLFHUNDERT PFERDE:

Wir sind da, wir sind da, wir sind da, wir sind da –
wir sind da, die zwölfhundert Pferde!
Die Dohna’schen Pferde sind da, Dohna, da –
wir stiegen empor zu der Erde.

Oh Dohna, wir suchen dich auf im Traum.
Uns wollte der Platz nimmer taugen.
Wir hatten kein Licht, zu viel Wasser hat Raum
in zweimal zwölfhundert Augen.

Graf Dohna umgeben von zwölf Vertretern der Presse. Plötzlich stehen statt ihrer zwölf Pferde da. Sie dringen auf ihn ein und töten ihn.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Eine altertümliche Erfinderwerkstatt.

LIONARDO DA VINCI:- – wie und warum ich nicht meine Art schreibe, unter dem Wasser zu bleiben, solang’ ich bleiben kann; und dies veröffentliche ich nicht oder erkläre es wegen der bösen Natur der Menschen, welche Art sie zu Ermordungen auf dem Grund des Meeres anwenden würden, indem sie den Boden der Schiffe brächen und selbige mitsamt den Menschen versenkten, die drinnen sind –

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein süßer Ton erklingt. Meeresstille nach dem Untergang der Lusitania. Auf einem schwimmenden Brett zwei Kinderleichen.

DIE LUSITANIA-KINDER:

Wir schaukeln auf der Welle –
wir sind nun irgendwo –
wie ist das Leben helle –
wie sind die Kinder froh

(Die Erscheinung verschwindet.)

Zwei Kriegshunde, vor ein Maschinengewehr gespannt.

DIE KRIEGSHUNDE:

Wir ziehen unrecht Gut. Und doch, wir ziehn.
Denn wir sind treu bis in die Todesstund.
Wie war es schön, als Gottes Sonne schien!
Der Teufel rief, da folgte ihm der Hund.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein toter Wald. Alles ist zerschossen, abgehauen und abgesägt. Hüllenloses Erdreich, aus dem sich nur ab und zu ein paar kranke Bäume erheben. Zu Hunderten liegen noch die gefällten, entästeten, zersägten Stämme mit halb schon verwitterter Rinde am Boden herum. Eine zerfallene Feldbahn führt quer hindurch.

DER TOTE WALD:

Durch eure Macht, durch euer Mühn
bin ich ergraut. Einst war ich grün.
Seht meine jetzige Gestalt.
Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!

Der Seele war in meinem Dom,
ihr Christen hört, ihr ewges Rom!
In meinem Schweigen war das Wort.
Und euer Tun bedeutet Mord!

Fluch euch, die das mir angetan!
Nie wieder steig ich himmelan!
Wie war ich grün. Wie bin ich alt.
Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ein Oberst läßt eine dalmatinische Frau mit ihrem zwölfjährigen blonden Knaben festnehmen. Wahrend die Frau weggezerrt wird, gibt er den Auftrag, dem Knaben in den Kopf zu schießen. Er steht rauchend dabei, indes Soldaten auf den Händen des Kindes knien und die Exekution vollzogen wird.

DIE MUTTER:

Daß nie, durch alle Tage, die ihr schändet,
sich euer Blick von diesem Bilde wendet!
Und seid am Ende ihr der Höllenfahrt,
bleib’ euch erst dieser Anblick aufgespart!
Die Splitter dieser edlen Kinderstirn,
sie bohren sich in euer Herz und Hirn!
Lebt lang und ewiger Begleiter sei
durch eure Nächte dieser Mutterschrei!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Ins Fiebrige verzerrte Heurigenmusik setzt ein. Die Hinrichtung Battistis. Lachende Soldaten umstehen den Leichnam, Neugierige recken die Hälse. Die Hände über dem Haupt des Toten der fidele Scharfrichter.

DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ:

Aus Tod wird Tanz,
aus Haß wird Gspaß,
aus Not wird Pflanz,
was is denn das?
Is alles stier,
is’s einerlei,
denn mir san mir
und a dabei.
Ein guter Christ
sagt: Kinder bet’s,
und Henker ist
man nur aus Hetz.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Die Klänge erbeben sich wahrend des folgenden Phantoms zu furchtbarer Musik. Auf dem Monte-Gabriele. Monte-Gabriele – Berg bei Görz (Isonzoschlacht) Zu einem hohen Haufen geschichtet unbegrabene, halb verweste Leichen. Ein Schwarm von Raben umkreist krächzend die Beute.

DIE RABEN:

Immer waren unsre Nahrung
die hier, die um Ehre starben.
Aber eure Herzenspaarung
macht, daß Raben nimmer darben.

Wir, die wir uns nie bewarben,
Nahrung haben wir erworben.
Ihr nicht, wir nicht dürfen darben,
euch und uns sind sie verdorben.

Ihr und wir vom Siege schnarren,
wenn die Opfer sich vermehren,
weil im Reiche rings die Narren
eurem, unsrem Ruf nicht wehren.

Waren Generale Raben,
schnarrts von Phrasen dort im Saale.
Draußen sind sie unbegraben,
da sind Raben Generale!

Dürft getrost die Schlacht verlieren,
wir und ihr in keinem Falle
müssen uns vor uns genieren,
Kriegsgewinner sind wir alle!

Ja wir sind noch sehr lebendig,
wir sind beide noch die Alten,
und wir freuen uns unbändig,
diese Kriegszeit durchzuhalten.

Während ihr zum Fraß vereinigt,
brauchen wir nicht zu entbehren.
Hunger hat uns nie gepeinigt,
seit wir folgen euren Heeren.

Hunger würd’ uns nimmer munden,
und wir stürben an der Schande,
und wir sind euch sehr verbunden,
daß wir nicht im Hinterlande.

Dort ist wahre Not, die Greise
und die Kinder dort verderben,
weil hier auf die andre Weise
uns zum Trost die Männer sterben.

Eure Schlachtbank läßt nie darben
ihre angestellten Kunden.
Raben haben, seit sie starben,
immer Nahrung noch gefunden.

(Die Erscheinung verschwindet.)

Die Musik, völlig abgedämpft, begleitet das nun einsetzende Schauspiel, um allmählich zu verstummen. Ein unübersehbarer Aufzug von bleichen Frauen marschiert vorüber, flankiert von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.

DIE WEIBLICHEN HILFSKRÄFTE:

Wir, die Wehrmacht zu entzücken,
eingerückte Heereshuren,
kehren nunmehr euch den Rücken
als Brigade der Lemuren.

Opfernd heldischem Verlangen,
angesteckt von eurem Mute,
Rosen blühn uns auf den Wangen
und die Syphilis im Blute.

Blut und Tränen, Wein und Samen
flossen euch zum Bacchanale,
und was wir von euch bekamen
tragen heim wir zum Spitale.

So verabscheut sind wir heute,
denn uns schlottern die Gewänder,
und wir schleppen unsre Beute
in die fernen Hinterländer.

Doch wir wachsen durch die Zeiten!
Einstens rast ein Landsturm, brausend,
alle Menschheit zu bestreiten,
durch ein Schauderndes Jahrtausend!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Nun erfüllt ein phosphoreszierender Schein den Saal.

DER UNGEBORNE SOHN:

Wir, der Untat spätere Zeugen,
bitten euch, uns vorzubeugen.
Lasset nimmer uns entstehn!
Wären eurer Schmach Verräter.
Woll’n nicht solche Heldenväter.
Ruhmlos möchten wir vergehn!

Wehlust irdischen Getues!
Liebend hinterläßt die Lues Lues – eine Geschlechtskrankheit
mir mein Vater, dieser Schuft.
Ruft uns nicht in diese Reiche!
Wir entstammen einer Leiche.
Ungesund ist hier die Luft.

Wir, der Untat spätere Zeugen,

(Der Schein erlischt.)

Völlige Finsternis. Dann steigt am Horizont die Flammenwand empor. Draußen Todesschreie.
Epilog

vorheriges Kapitel

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s